Lichtverschmutzung

Warum die Menschen im Ruhrgebiet kaum noch Sterne sehen

Viel zu hell ist es im Ruhrgebiet – das beeinträchtigt Mensch und Tier, sagt Amateur-Astronom Michael Kunze. Auf der Halde am Tetraeder in Bottrop ist das Lichtermeer besonders gut zu sehen. Sterne allerdings kaum.

Viel zu hell ist es im Ruhrgebiet – das beeinträchtigt Mensch und Tier, sagt Amateur-Astronom Michael Kunze. Auf der Halde am Tetraeder in Bottrop ist das Lichtermeer besonders gut zu sehen. Sterne allerdings kaum.

Foto: Ingo Otto

Ruhrgebiet.   Ist die Nacht zu hell, hat das Auswirkungen auf Mensch, Tier und den Sternenhimmel. Auch das Ruhrgebiet leidet unter zu viel künstlichem Licht.

Er ist beeindruckend, der Ausblick von der Halde am Tetraeder in Bottrop. Wenn es dunkel wird, treffen sich dort die Menschen, um die Aussicht auf das Ruhrgebiet zu genießen. Die vielen Lichter der Industrie: romantisch. „Was ein Alptraum“, sagt Michael Kunze und schüttelt den Kopf. Er ist Amateur-Astronom und sieht die Lichter als großes Problem: „Eine Umweltkatastrophe, über die niemand spricht.“

Er redet von Lichtverschmutzung. Seit vielen Jahren ist das Phänomen ein Aufreger in der Wissenschaft, Astronomen und Biologen gehen auf die Barrikaden. Denn das viele künstliche Licht bringt Mensch und Tier durcheinander, stört den natürlichen Rhythmus. „Und die Sterne, die kann hier niemand mehr sehen“, sagt der 41-Jährige. „Das reicht den Menschen aber als Argument leider nicht.“

80 Prozent des Lichts wandert in den Himmel

Die Situation, die Michael Kunze beschreibt, lässt die romantische Industriekulisse schnell in gänzlich anderem Licht erscheinen: Ganze 80 Prozent des Lichtes strahlen ohne Sinn und Zweck in den Himmel, die Wolken reflektieren, die Sterne sind weg. „Wolken sind eigentlich schwarz, nur durch das Licht sind sie so hell“, urteilt der Fachmann aus Rheurdt. „Eine reine Energieverschwendung.“ Bei Strahlern, die Gebäude von unten anleuchten, seien es sogar 99 Prozent Licht, die unnötig in den Himmel wandern.

Die Quittung zeigt sich von oben: Auf Satellitenkarten wie „Radiance Light Trends“ im Internet, wird die Lichtverschmutzung farblich sichtbar gemacht. Dort ist das Ruhrgebiet gelb (hohe Belastung) unterlegt, Metropolstädte wie Essen und Dortmund sind sogar rot gekennzeichnet (sehr hohe Belastung). Im Vergleich: Der Nationalpark in der Eifel ist dunkelblau. Tiefe Nacht und leuchtende Sterne sind dort noch zu finden.

Bläuliches Licht ist günstig, aber zu stark

Lichtverschmutzung kommt natürlich durch den Menschen; die dichte Besiedlung im Ruhrgebiet gepaart mit der Industrie, die auch nachts im hellen Licht erscheint, machen dem Sternenhimmel den Garaus. Aber auch LED-Lampen seien trügerische Energiequellen, erklärt Susanne Hüttemeister, Leiterin des Planetariums in Bochum. „Wir sparen dadurch zwar Geld und Energie, aber die Lichtintensität ist um ein vielfaches höher.“ Das bläuliche Licht sei intensiver als die klassische warme, rötliche Beleuchtung der ausgedienten Glühbirnen – aber auch billiger. „Besonders Straßenlaternen sind durch diese LEDs komplett falsch ausgerichtet“, so Hüttemeister. „Dazu kommt die blanke Verschwendung. Menschen tendieren dazu, mehr Licht anzumachen, wenn es nicht mehr so teuer ist.“

Das Thema Lichtverschmutzung wird auch im Zusammenhang mit dem Insektensterben immer bekannter: Das eigene Haus oder den Baum im Garten abends anzustrahlen, sei vielleicht ästhetisch, meint Hüttemeister, aber gerade für die kleinen Tiere ein sicherer Tod, da die Insekten zum Licht fliegen und dort verenden. Biologen beklagen zudem, dass Vögel von den Lichtern geblendet werden und Fische Probleme mit dem Laichen haben, weil sie einen dunklen Ort für ihren Nachwuchs suchen und keinen mehr finden. Aber auch der Mensch leidet: „Unser Tag-Nacht-Rhythmus wird durcheinander gebracht. Das ist auf Dauer nicht gesund.“

Initiative bietet Ideen und Beratung

Viele Gründe, sich einmal genauer mit dem Licht zu beschäftigen, das für uns Menschen so selbstverständlich geworden ist. Die Initiative gegen Lichtverschmutzung, „Dark Sky“, setzt sich für eine gezieltere Ausrichtung von Licht in Städten ein. Die Fachgruppe veröffentlichte bereits vor zwei Jahren in Zusammenarbeit mit der „Kommission Lichtverschmutzung“ der Vereinigung der Sternenfreunde (VdS) mit Sitz in Heppenheim eine Liste mit Empfehlungen, wie das Sterben von Insekten an künstlichen Lichtquellen reduziert werden kann. In Chemnitz arbeitet beispielsweise das Urban Institute an digitalen, klugen Lösungen für die Zukunft, darunter Straßenlaternen mit Sensoren, die nur bei Bewegung die volle Beleuchtung einschalten.

Doch jeder Einzelne kann etwas zu einem dunklen Himmel beitragen, sagen die Experten. Künstliches Licht sollte nachts nur dort eingesetzt werden, wo es wirklich benötigt wird, rät „Dark Sky“. Vorhandene Lampen können abgeschirmt werden, damit sie nicht sinnlos nach oben scheinen.

Industriestrahler stören die Augen

So wie auf der Bottroper Halde. Dort zeigt sich, wie viele Lichter im Umfeld reine Verschwendung sind. Einige der Industriestrahler stören die Augen, obwohl sie kilometerweit entfernt sind. „Wenn diese ganzen Lampen da unten nicht wären“, sagt Michael Kunze, „dann könnten die Sterne wieder leuchten – und sie wären sicherlich die schönere Lichtquelle.“

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