Der Unfall-Sachverständige

Was geschah kurz vor dem Unfall?

Unfallsachverständiger Jochen Lehmkuhl hat einen seiner „Fälle“ auf dem  Notebook dokumentiert.

Unfallsachverständiger Jochen Lehmkuhl hat einen seiner „Fälle“ auf dem Notebook dokumentiert.

Foto: Volker Herold / FUNKE Foto Services

Am Niederrhein.  Wenn ein Auto im Graben landet, kann es dafür viele Gründe geben. Jochen Lehmkuhl ist Unfall-Sachverständiger und weiß, wo er suchen muss.

Der Fahrer des Pkw war sofort tot. Mit der Fahrertür war er gegen einen Baum geprallt. „Das alles sah auf den ersten Blick nach einem Suizid aus“, schildert Jochen Lehmkuhl. Ein Unfall auf gerader Strecke, noch vor einer Kurve. „Aber man merkte, dass da irgendetwas nicht stimmte.“

Der Fachmann, den Polizei und Staatsanwaltschaft in solchen Fällen hinzuziehen, sah sich den Unfallort auf der Chaussee im Kreis Kleve genauer an. „Da war diese leichte Delle in der Motorhaube. Die konnte man an einem so dramatischen Unfallort schon mal übersehen.“ Es war dann die von Lehmkuhl erfundene Klebefolie, die die Wahrheit ans Licht brachte: „Vier Haare fanden sich schließlich. In unserem Labor in Goch hat unsere Forensikerin sie als Haare eines Rehes identifiziert.“ Ein Wildunfall, der tragisch endete.

Die Technik an den Fahrzeugenist hochkomplex geworden

Über solche und ähnliche Fälle kann Lehmkuhl stundenlang reden. In der Region hat er schon vor Jahren die Gutachter-Marktlücke entdeckt und ist bis heute der einzige anerkannte Sachverständige für Unfälle. Bis zu acht Unfälle bearbeiten er und seine Mitarbeiter gleichzeitig. Wobei es nicht nur die Kreise Kleve und Wesel geht, sondern auch um Ereignisse in ganz Deutschland.

In Gerichtssälen vieler Regionen des Landes sind die Gutachter bekannt. „Heute müssen da absolute Spezialisten ‘ran.

Denn die Technik in den Fahrzeugen ist hochkomplex geworden. Es gibt unter anderem kleine Chips, mit deren Hilfe man die Sekunden vor einem Aufprall rekonstruieren kann – wenn man weiß, wie’s geht.“ So geschehen bei den beiden illegalen Autorennen 2015 in Köln, in denen das Gocher Team ebenfalls ermittelte. „Zwei Menschen kamen da ums Leben.“

Erst 2013 waren die niederrheinischen Gutachter in den USA gewesen, um sich dort über bestimmte Speicherteile in Autos fortzubilden. „In Köln konnten wir die Fahrtroute vor dem Aufprall über Minuten auslesen.“

Zwei der Raser wurden bekanntlich in erster Instanz wegen Mordes verurteilt. „Aber dies ist nicht unsere Sache. Wir finden die Unfallursachen heraus, wenn Polizei oder Staatsanwalt uns zur Klärung hinzuziehen.“ Bis auf drei bis fünf km/h genau könne ein Fahrzeugtempo berechnet werden, anhand des Fahrzeuggewichts, der Brems- und Kratzspuren und des Aufprallweges. Vieles sei eine Frage der Mathematik, wenn es vor Gericht darum gehe, ob ein Unfall vermeidbar gewesen wäre. „Unsere Treffsicherheit liegt bei guter Spurenlage bei 95 Prozent.“

Die Sorgfalt vor Ort sei eine entscheidende Größe: „Ich sage meinen Mitarbeitern oft, manche Fälle löst man nur, wenn man auf die Knie geht.“ Diese ungewöhnliche Perspektive habe schon manch wichtige Spuren wie Lacksplitter ans Licht gebracht. „Wenn ein Splitter auf den nächsten folgt, bis zu einer bestimmten Stelle auf der Straße, und wenn dann da nichts mehr liegt, kann man davon ausgehen, dass dort der Unfallort ist. Aber auch Reifenabrieb, Brems- und Schleuderspuren sind wichtig.“ Selbst ein kaum sichtbarer Pfad wie ein Wildwechsel in einem Feld könne von Bedeutung sein.

Von Bedeutung sind auch Fotos: Die Kamera für Nachtaufnahmen mit 3-D-Scanner ermöglicht den Gutachtern einen Rundum-Blick über den Unfallort. Tipp des Fachmanns: „Jeder Betroffene sollte am Unfallort Bilder mit dem Handy machen. Erst danach sollte man die Straße räumen.“ Laienhaftes Verhalten macht den Experten überhaupt das Leben schwer: „Da liegt auf der Straße ein Fahrrad und darunter ein Mensch. Als erstes räumt dann einer das Rad zur Seite. Und wir haben ein Problem. Ein Handy-Foto hätte uns schon gereicht.“

Unfallursache: Handy am Steuer– leider keine Seltenheit

Unfallursachen seien heute leider oft Handys am Steuer und andere Ablenkungen. Probleme machten auch elektrische Räder, deren Tempo unterschätzt werde: „Helme sind da lebenswichtig.“ Selbst eine sommerliche Hitzewelle könne die Zahl schwerer Unfälle steigen lassen: „Die Leute schlafen schlecht und sind tagsüber weniger konzentriert“, weiß Jochen Lehmkuhl. Unfallfluchten – ebenfalls ein großes Thema für den Sachverständigen: „Das ist eine Seuche. Genau deshalb habe ich die Klebefolie erfunden, die selbst kleinste Lackreste festhält.“ Nicht zuletzt komme ihm dies auch bei den zivilrechtlichen Verfahren zugute, wenn es um Schadenersatz gehe.

Zuhause bei Lehmkuhls hat sich auch der 18-jährige Sohn mit dem Kfz-Gutachter-Virus angesteckt. „Ich hab es von meinem Vater, der Kfz-Meister war. Und mein Sohn macht auch schon Anstalten, sich fürs Ingenieur-Studium zu interessieren“, freut sich Jochen Lehmkuhl.

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