NRZ-Bankgeheimnis

Äpfel und Sonnenbrand: Wenn wir nicht mehr zubeißen können

NRZ-Kolumnist Matthias Maruhn sitzt mit dem Apfelbauern Rolf Clostermann auf der Bank.

NRZ-Kolumnist Matthias Maruhn sitzt mit dem Apfelbauern Rolf Clostermann auf der Bank.

Foto: Selina Sielaff / funkegrafik nrw

An Rhein und Ruhr.  Äpfel haben Sonnenbrand. Darüber spricht Matthias Maruhn mit dem Apfel-Experten Rolf Clostermann in einer neuen Folge „NRZ-Bankgeheimnis“.

Der Sommer war mächtig in diesem Jahr. Über 40 Grad Hitze. Aber je kräftiger die Sonne knallt, umso finsterer wird es im Schatten. Wir sind als Gesellschaft klimafühlig geworden. Kaum sitze ich im prallen Gelb und versuche die Wärme zu genießen, tritt wie 1970 in der Lenor-Werbung mein Gewissen neben mich.

Es sieht aus wie mein Hautarzt und zischt: Schon mal was von Hautkrebs gehört? Ich setze schnell meinen Strohhut auf, da tritt von der anderen Seite mein Bruder neben mich: Guck mal, die Äpfel aus Mutterns Garten. Diese dunklen Stellen. Unsere Äpfel haben Sonnenbrand.

Rolf Clostermann weiß alles über den Apfel

Ich erschrecke, wie immer in letzter Zeit, wenn die Ahnung an meinem Mut nagt, dass es im Großen und Ganzen nicht mehr stimmt. Ich brauche mehr Infos und bitte deshalb jetzt zur Erntezeit einen Apfel-Experten auf die Bank. Rolf Clostermann ist der richtige Mann dafür. Ihm gehört eine große Obstplantage in Bislich, die sein Großvater vor fast 100 Jahren pflanzte. Er ist also unter dem Apfelbaum groß geworden, er weiß fast alles über die Frucht.

Wir sind beide Anfang 60, eine Generation. Also reden wir zunächst über die Jugend, als wir gegen Atomkraft demonstrierten, den Umweltschutz im Schilde führten. Der Unterschied: Ich habe es mir bald bequem gemacht, alle vier Jahre grün gewählt und einen Komposthaufen hinten im Garten angelegt. Clostermann hat hingegen seine kleine Welt komplett erneuert. „1982 habe ich den Betrieb gegen die mahnenden Worte des Vaters auf bio-dynamisch umgestellt.“ Es hat geklappt: Heute verkauft er Obst und Säfte, Apfelkraut und einen Apfelsekt ohne Alkohol, er ist Imker und Gastgeber, Frau und Tochter stehen mit auf der Brücke. Eine Erfolgsgeschichte.

Ab 45 Grad nimmt die Schale Schaden

Von der Bio-Landwirtschaft reden wir uns nun rüber zu Rudolf Steiner, zur Waldorfschule, die Rolf besuchte, zu seinen großen Leidenschaften Goethe und dann noch die Gotik, er erklärt mir, wie all das zusammenhängt, als ich auf die Uhr blicke, „Stopp“ rufe und mahne: Wir wollten doch eigentlich über den Sonnenbrand bei Äpfeln reden.

Er sagt „stimmt“, schüttet uns ein Glas Apfelsaft ein und legt los: „Vor 20 Jahren war das gar kein Thema, ich kannte das nur aus meiner Jugend, während meiner Lehrzeit in Italien. Mit dem Klimawandel kommt es nun über die Alpen. Die Flecken sind groß wie ein Zwei-Euro-Stück, das sieht aus wie eine faule Stelle, ist aber nicht matschig, sondern bleibt hart.“

50 Grad heißer Apfel und UV-Strahlung

Er hat das Problem mit seinen Mitarbeitern studiert: „Als jetzt 40 Grad herrschten, haben wir die Schalentemperatur gemessen. Auf dem Apfel war es 50 Grad heiß. Ab 45 nimmt die Schale Schaden. Dazu die UV-Strahlung. Dagegen kann man nur etwas tun, wenn man genug Wasser zur Verfügung hat. Man muss die Bäume beregnen, das ist auch mein Tipp für den Garten: Bei Hitze einen Wassersprenger in den Baum hängen, dadurch entsteht dann auch Verdunstungskälte. Wir konnten bisher so größere Schäden verhindern.“

Was ist zu tun? „Eine große Aufgabe. Jeder aber kann einen Teil beisteuern. Ich erkläre etwa den Schülern beim Hofbesuch die Zusammenhänge, zeige ihnen die verbrannten Äpfel. Damit sie verstehen.“ Und damit wir auch morgen noch kraftvoll zubeißen können… Ohne Apfel nutzen auch die schönsten Zähne nichts.

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