Tradition

Wie ein Kamp-Lintforter Kumpel Abschied von der Kohle nimmt

Klaus Deuter und was vom Kohlebergbau in Kamp-Lintfort übrig geblieben ist.

Klaus Deuter und was vom Kohlebergbau in Kamp-Lintfort übrig geblieben ist.

Foto: Norbert Prümen (nop)

Kamp-Lintfort.   Klaus Deuter ist zu den die Feierlichkeiten zum Ende der Steinkohle in Deutschland eingeladen. Aber der Bergmann sieht das kritisch.

Sein Blick schweift nach links durch das Fenster ab. „Nein, da könnte ich nicht arbeiten“, sagt Klaus Deuter und schüttelt dabei den Kopf, um seiner Aussage Nachdruck zu verleihen. Er deutet auf einen Supermarkt. Menschen verdienen hier Geld, weil sie an der Kasse sitzen oder Regale einräumen. Das ist nichts für Deuter, wohl zu langweilig. Dann nimmt er einen großen Schluck aus seinem Kaffee-Pott.

Sein alter Job, der war für ihn alternativlos. Den gibt es am Niederrhein aber nicht mehr, auch im Ruhrgebiet nicht. Eigentlich ist mit dem Steinkohle-Bergbau das gesamte Berufsfeld verschwunden.

Draußen, vor dem kleinen Café wird in wenigen Minuten der Nikolausmarkt

am Einkaufszentrum EK3 eröffnet. Den will sich Deuter, 55 Jahre alt, gleich noch angucken. Er kennt hier viele Leute, ist sehr aufgeschlossen. Diese Eigenschaften waren auch in seinem früheren Beruf von hoher Wichtigkeit. „Der Bergbau war mein ein und alles“, sagt Deuter, „dafür habe ich gelebt.“ Dieses Kapitel ist vorbei.

Im Jahr 2018 haben mit dem Bergwerk Ibbenbüren und der Zeche Prosper Haniel in Bottrop die letzten Anlagen geschlossen, die tief aus der Erde Steinkohle ans Tageslicht beförderten. Grund genug, das Ende des

Bergbaus groß zu inszenieren. Und aus den letzten wenigen Seiten des Steinkohle-Buches in Nordrhein-Westfalen wird am 20. Dezember im Essener Dom bei einem ökumenischen Gottesdienst, zu dem Ruhrbischof Dr. Franz-Josef Overbeck und Präses Manfred Rekowski von der Evangelischen Kirche eine Dialogpredigt vorbereitet haben, vorgelesen. Auch Gäste aus der Politik werden erwartet. Und Deuter – als einer von 58 Kumpeln, der in Tracht und mit Grubenlampe geladen ist. So wirklich überzeugt ist er von der Aktion jedoch nicht.

Dem alten Job ganz nahe

Wenige Tage später treffen wir den ehemaligen Bergmann wieder. Er ist nun voll in seinem Element, trägt Arbeitskleidung, eine blaue Hose, eine

orangefarbene Jacke und steckt sich erstmal einen Zigarillo an. Durchatmen, ihm geht es gut. Das sieht man ihm eigentlich immer an, wenn er über seine Leidenschaft redet, die in der Vergangenheit auch ihm viel Leiden schaffte. Und vor allem hier, am Lehrstollen des Bergwerk West, wo er seinem alten Job ganz nahe kommt. Er erklärt die Geschichte hinter jedem Ausstellungsstück. Authentizität ist ihm wichtig.

Die ging mit den diversen Abschiedsveranstaltungen verloren. Von der auf Zeche Zollverein im September war er enttäuscht. „Vielleicht wird es jetzt nochmal emotionaler“, sagt er. Ihm tue es „in der Seele weh“, wenn er

sieht, was um den Bergbau nun gemacht wird. „Man hätte sich ruhig eher um uns kümmern können. Und nicht erst jetzt, wenn es vorbei ist.“ Er ist zwar finanziell abgesichert, viele der alten Kumpel nicht. Sie bekämen trotz jahrelanger Schufterei nur ein paar hundert Euro im Monat.

Am meisten störe ihn, dass die Leute, die früher gegen den Bergbau wetterten, nun am meisten Geld damit verdienen würden. Denn der Tourismus rundherum boomt in diesem Jahr. Aber eines geht da verloren, sagt Deuter: die Authentizität. Gern erzählt er die Geschichte, wie er zufällig einer von Studenten geleiteten Führung auf Zeche Zollverein lauschte. „Da wurde so ein Schwachsinn erzählt“, sagt Deuter, „da musste ich gehen. Aber die können nichts dafür, sie kennen es ja nicht.“

Rumstehen war nicht

Einfach aus der Situation ausbrechen, das war jedoch nie sein Ding. Das liebte er auch am Bergbau. „Die Arbeit ging nur Hand in Hand. Wenn keine da war, hat man sich eben welche gesucht, Rumstehen war nicht.“ Und: Jeden Tag warteten auf die Kumpel in den Schächten andere Herausforderungen. Der Job führte ihn sogar in die USA. Er war sein Leben. Wenn er heute von Grubenunglücken wie 2010 in Chile erfährt, fühlt er sofort mit. Auch wenn er 1400 Meter unter der Erde nie Angst hatte. „Das blendet man aus.“

Die Leidenschaft will Deuter, der 35 Jahre unter Tage malochte, durch Führungen am Lehrstollen weitergeben. 12.000 Besucher kamen bereits. „Mir macht es Spaß, auf diese Weise die Stadt mitzugestalten. Ohne uns Ehrenamtliche würde nichts mehr an den Bergbau am Niederrhein erinnern“, betont er. Seine Zeche schloss 2012.

Nun ist es mit dem gesamten Steinkohle-Bergbau vorbei. Und zwar

vollständig. Das wird den ehemaligen Kumpel nun bewusst. Kritiker sprechen von heuchlerischen Abschiedsfesten und Massentourismus. Überhaupt wundert Deuter sich, warum plötzlich der Bergbau wieder en vogue ist. „Die jetzige Generation, so um die 20 Jahre alt, hat davon doch nie etwas mitbekommen. Jetzt auf einmal?“ Dazu kämen die vielen Zugezogenen nach dem Strukturwandel, denen der Bezug fehlt.

Vom Bergbau erzählen, ohne Schnickschnack

Zurück im Café. Den Kaffee hat er inzwischen ausgetrunken. Er bezahlt, grüßt den Hund, der es sich am Eingang gemütlich gemacht hat. Zur Verabschiedung gibt es einen festen, aber freundlichen Händedruck. Klaus Deuter freut sich, ein paar Tage später den Lehrstollen wieder zeigen zu dürfen, von seinem Bergbau zu erzählen, ohne Schnickschnack. Dann geht er, vorbei am Supermarkt, den er aus beruflichen Gründen wohl nie betreten wird.

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