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Wie eine Duisburger Hilfsorganisation nach dem Tsunami half

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Die internationale Hilfsorganisation I.S.A.R. aus Duisburg ist zwei Tage nach dem Tsunami nach Thailand geflogen, um zu helfen.

Die internationale Hilfsorganisation I.S.A.R. aus Duisburg ist zwei Tage nach dem Tsunami nach Thailand geflogen, um zu helfen.

Foto: I.S.A.R.

Duisburg.  Die Duisburger Hilfsorganisation I.S.A.R. hilft nach verheerenden Naturkatastrophen. So wie nach dem Tsunami, der 2004 über Thailand rollte.

Es ist der zweite Weihnachtstag 2004. Bilder von meterhohen Wellen, zerstörten Häusern und verzweifelten Menschen gehen um die Welt. Auch Daniela Lesmeister aus Duisburg sieht Fernsehbeiträge über die verheerenden Folgen des Erdbebens im Indischen Ozean. Die Erschütterung hat eine ganze Reihe von Tsunamis ausgelöst, die über kilometerlange Küstenstreifen gerollt sind. Wo sich nur wenige Stunden zuvor noch Touristen gesonnt haben, liegen nun Trümmerhaufen. „Das ist eine riesige Katastrophe“, denkt sie sich damals. Und im selben Moment: „Wir müssen helfen.“

Zu diesem Zeitpunkt ist die I.S.A.R. gerade einmal knapp zwei Jahre alt. Daniela Lesmeister hat die internationale Hilfsorganisation gemeinsam mit ihrem Mann Michael gegründet, nachdem sie bereits mit einer anderen Organisation ehrenamtlich in von Naturkatastrophen zerstörte Regionen gefahren war. „So etwas können wir doch auch, nur kleiner und dadurch flexibler“, war damals der Grundgedanke. Und es klappte. „Mit viel Know-How, Engagement und etwas Glück“, sagt sie selbst. Bald darauf wurde die gemeinnützige Hilfsorganisation von den Vereinten Nationen zertifiziert.

Die Angst schwingt immer mit

Und so erreicht der Hilferuf die I.S.A.R. im Jahr 2004 auch von offizieller Seite. Bereits zwei Tage nach dem Erdbeben und den Tsunamis steigt Daniela Lesmeister mit ihrem Mann sowie knapp 20 anderen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern ins Flugzeug, um nach Thailand zu fliegen. Das Team landet auf der Insel Phuket, wo die „Kunst des Organisierens“ beginnt, wie es Daniela Lesmeister beschreibt. Sie brauchen einen Dolmetscher, eine Transportmöglichkeit. Beides können sie auftreiben. Mehrere Lkw fahren das Team und die 15 Tonnen schwere Ausrüstung zu der ihnen zugewiesenen Einsatzstelle.

Die Wahrscheinlichkeit, dass erneut Tsunamis ausgelöst werden, ist zu diesem Zeitpunkt gering. Falls die Wellen aber doch wiederkommen sollten, baut das Team sein Lager vorsorglich im Hinterland auf. „Etwas Angst schwingt immer bei solchen Einsätzen mit“, erklärt Daniela Lesmeister. „Man weiß, dass man sich in eine Gefahr begibt.“ Doch der Wunsch anderen zu helfen, ist stärker als die Sorge um sich selbst. Und die Hilfsbereitschaft wird noch größer, als das Team die Ausmaße der Naturkatastrophe mit eigenen Augen zu sehen bekommt. Hotels, zusammengefallen. Menschen, darunter begraben.

Rettungshunde suchen nach Überlebenden

Bevor die Helferinnen und Helfer anfangen können nach verschütteten Menschen zu suchen, fliegt zuerst eine Drohne über das Gebiet. „Um große Trümmerstrukturen zu orten, unter denen sich Hohlräume befinden können“, erklärt Daniela Lesmeister. Anschließend laufen speziell ausgebildete Rettungshunde über die Trümmer, um noch lebende Personen aufzuspüren. Bei der Suche auf Phuket aber schlagen die Tiere nicht an. „Alle Menschen, die unter den Trümmern lagen, sind ertrunken. Wir haben niemanden gefunden“, sagt sie.

Ein beklemmendes Gefühl macht sich breit. „Wenn man nicht helfen kann, ist das sehr bedrückend“, erklärt Daniela Lesmeister. Dabei können sie und die anderen auf andere Weise helfen. Sie leisten medizinische Versorgung, führen Gespräche mit Überlebenden. Denn schnell hat sich herumgesprochen, dass ein Team aus Deutschland vor Ort ist. Deutsche Touristen laufen zum Lager, auf der verzweifelten Suche nach einem Ansprechpartner. Das Team stellt Kontakt zur deutschen Botschaft her, die wiederum Flüge zurück in die Heimat organisiert.

I.S.A.R. hilft beim Wiederaufbau eines Fischerdorfs

„Das war ein ganz anderer Einsatz als sonst“, erinnert sich Daniela Lesmeister. „Sonst führen wir nie so viele Gespräche.“ Die Helferinnen und Helfer reden mit Eltern, die ihr Kind verloren haben. Und sehen, wie Lkw unzählige Leichen wegfahren. Diese Bilder bleiben im Gedächtnis. Nach einer Woche fliegt das Team zurück nach Deutschland. Mit Trauer, aber auch Hoffnung im Gepäck. „Bei anderen Erdbebeneinsätzen ist alles platt, hier war ‘nur’ der Küstenstreifen betroffen. Wir wussten also, dass die Region relativ schnell wieder aufgebaut werden würde“, erzählt sie.

Doch auch dabei will die I.S.A.R. unterstützen, sammelt deshalb in Deutschland Spendengelder. Nur wenige Wochen später kann ein Team erneut nach Phuket fliegen, um ein kleines Fischerdorf wieder aufzubauen. Die ehrenamtlichen Einsatzkräfte schleppen Steine, ziehen Wände hoch und setzen Dächer drauf. „Die Menschen waren so herzlich und dankbar für unsere Hilfe“, erzählt Daniela Lesmeister. Und weil der Wiederaufbau vor allem durch Spenden aus Duisburg und Kevelaer finanziert wurde, gibt es noch heute in einem thailändischen Fischerdörfchen die „Duisburger Straße“ und die „Kevelaerer Straße“.

>>> Die I.S.A.R. aus Duisburg

Die Abkürzung I.S.A.R. steht für „International Search and Rescue“, also für „Internationales Suchen und Retten“. Ihre Aufgabe ist es, internationale Hilfe nach Naturkatastrophen, Unglücksfällen und bei humanitären Katastrophen zu leisten. Neben der Suche und Rettung von Verschütteten spielt auch die medizinische Versorgung der Opfer eine große Rolle.

170 Helferinnen und Helfer sind inzwischen bei I.S.A.R. aktiv. Die meisten von ihnen arbeiten ehrenamtlich, lediglich ein kleiner Stab von sechs festen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kümmert sich um Organisation, Mitgliederbetreuung und Spenden. Die gemeinnützige Hilfsorganisation finanziert sich durch Spenden.

Seit 2015 ist I.S.A.R. offiziell auch in Deutschland bei Katastrophen im Einsatz. So unterstützt die Hilfsorganisation den Kreis Kleve und die Stadt Duisburg bei der Bewältigung größerer Schadenslagen und stellt dem Kreis Rettungshunde sowie Ortungstechnik zur Verfügung.

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