Attentat am Niederwalddenkmal

Wie Emil Küchler aus Krefeld den Kaiser ermorden wollte

Das Niederwalddenkmal bei Rüdesheim gehört zu den monumentalen Denkmälern in Deutschland.

Das Niederwalddenkmal bei Rüdesheim gehört zu den monumentalen Denkmälern in Deutschland.

Foto: Ingo Plaschke

Am Niederrhein/Im Rheingau.  1883 wird das Niederwalddenkmal bei Rüdesheim eingeweiht. Niemand ahnt damals: Wilhelm I. soll ermordet werden, von einem Anarchisten aus Krefeld.

Es nieselt an diesem 28. September 1883, übrigens ein Freitag. Ab Mittag dann kommt immer mal wieder die Sonne heraus, doch der Himmel bleibt grau. Kein Kaiserwetter also.

Die Stimmung rund um den Niederwald, oberhalb von Rüdesheim am Rhein, ist trotzdem – prächtig. Immerhin hat sich zur Einweihung des neuen Denkmales auch Wilhelm I. angesagt. Schon zur Grundsteinlegung, sechs Jahre zuvor, ist er in den Rheingau gereist – nun will er die gusseiserne Germania mit dem Siegerkranz in der Hand der Öffentlichkeit übergeben. Ein Akt von nationaler Bedeutung.

Tod dem deutschen Kaiser!

Genau der richtige Augenblick, findet der Anarchist August Reinsdorf, um das greise Staatsoberhaupt und möglichst viele aus seiner kaiserlichen Entourage zu ermorden. Weil er zu jener Zeit aber wegen einer Verletzung am Bein im Krankenhaus liegt, kann er das Attentat nicht selber verüben.

Er weiht Reinhold Rupsch und Emil Küchler in seinen mörderischen Plan mit ein, sie sollen die Tat am Hang der Weinberge ausführen. Aus niederrheinischer Sicht nicht ganz uninteressant: Emil Küchler stammt aus Krefeld.

Küchler? Aus Krefeld? Fast unbekannt

In seiner Geburtsstadt erinnert wohl nur noch die Geburtsurkunde, ausgestellt vom Standesamt, an den Mann, der als Attentäter vom Niederwalddenkmal in die Geschichtsbücher eingegangen ist. Das Dokument ist bis heute im Stadtarchiv zu finden.

Um es vorweg zu nehmen: Das Attentat schlägt fehl, die Täter werden ermittelt und vor Gericht gestellt. Die Verhandlung vom 15. bis zum 22. Dezember 1884 in Leipzig gilt laut dem Historiker Marcus Mühlnikel als „der bedeutendste Strafprozess gegen Anarchisten im deutschen Kaiserreich“.

Ein Schriftsetzer, wohnhaft in Elberfeld

Das sechstägige Verfahren löst damals ein großes Medienecho aus, nicht zuletzt die Berichte des Gerichtsreporters S. Werner erhellen ein wenig die unauffällige Gestalt namens Emil Küchler.

Er wird in „der Strafsache gegen Friedrich August Reinsdorf und Genossen“ wegen Hochverrats und versuchten Mordes angeklagt und als einer der Haupttäter geführt – namentlich als „Emil Küchler, Schriftsetzer, geboren am 9. Februar 1844 in Krefeld, wohnhaft in Elberfeld“.

Kein Rädelsführer, kein Drahtzieher – ein Handlanger

Am dritten Verhandlungstag erst wird er angehört. Dabei wird klar, dass Emil Küchler weder als politischer Rädelsführer einer Verschwörung noch als geistiger Drahtzieher des Anschlages angesehen wird; eher als ein willfähriger Handlanger, der sich seiner Tat und ihrer Schwere voll bewusst ist.

So spricht denn auch der Staatsanwalt in seinem Schlussplädoyer ausdrücklich von Emil Küchler als einen Mittäter. Vergessen sind damit dessen Beteuerungen vor dem Richter, nicht er habe die Sprengladung gezündet, sondern Reinhold Rupsch allein. Und gezielt Kaiser Wilhelm I. treffen, das habe er natürlich nie gewollt.

Redselige Möchtegern-Attentäter

Tatsächlich scheitert das Attentat kläglich. Der heimtückische Plan, den Monarchen samt Gefolge mit 13 Pfund Dynamit ins Jenseits zu befördern, scheitert wohl an einer billigen Lunte. Die Zündschnur, die stundenlang im nieselnden Dauerregen am Wegesrand liegt, ist nicht wasserfest. Der Kaiser und 112 Kutschenwagen, in der auch Kronprinz Friedrich Wilhelm sitzt, rollen unbeschadet am Hinterhalt vorbei.

Von dem missglückten Anschlag erfährt Wilhelm I. und die übrige Welt erst, nachdem sich die Möchtegern-Attentäter später selbst verraten: durch Redseligkeit.

Dilettanten!, schimpft August Reinsdorf, als er vom gescheiterten Mordversuch erfährt. Ausdrücklich hat er im Vorfeld vor einer solchen Panne gewarnt und seine Komplizen ausdrücklich dazu angehalten, doch bitte teure, sprich wetterfeste, Zündschnüre zu kaufen.

Unterm Fallbeil im Roten Ochsen in Halle

Vergeblich. Wie auch die Unschuldsmiene des Emil Küchler, der den Prozess mit einem „etwas behäbigen, geradezu gutmütigen Eindruck“ verfolgt und am Tag der Urteilsverkündung „einen Schatten blasser als gewöhnlich“ sein Todesurteil hört.

Am 7. Februar 1885 wird er im Roten Ochsen, einer Strafanstalt in Halle, durch den preußischen Scharfrichter Julius Krautz mit dem Fallbeil hingerichtet.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben