Corona

Wie Pflegeheimbewohner den Lockdown verkraftet haben

Izabel Blonigen und Mutter Barbara stöbern in alten Fotoalben und und dem Rezeptbuch von Oma Renate. Während der Corona-Pandemie war ein Besuch bei der Oma im Pflegeheim kaum möglich.

Izabel Blonigen und Mutter Barbara stöbern in alten Fotoalben und und dem Rezeptbuch von Oma Renate. Während der Corona-Pandemie war ein Besuch bei der Oma im Pflegeheim kaum möglich.

Foto: Socrates Tassos / FFS

An Rhein und Ruhr.  Möglicherweise drohen neue Besuchsbeschränkungen für Heime. Erstaunlich ist: Nicht für alle Bewohner war der Lockdown im Frühjahr schlecht.

Renate L. taucht jeden Tag in eine andere Welt ein, fast immer in die Vergangenheit. Mal sieht sie ihre Eltern und Großeltern, manchmal bringt sie ihre zwei Töchter zur Schule, möchte ihren Tennisfreundinnen einen Kaffee spendieren oder fühlt sich wie im Urlaub. Die zierliche Frau ist vor kurzem 88 Jahre alt geworden, sie ist dement, seit zwei Jahren wohnt sie in einem Pflegeheim, wie insgesamt rund 170.000 pflegebedürftige Menschen in Nordrhein-Westfalen. Mit dem Anstieg der Corona-Zahlen drohen neue Besuchsbeschränkungen. Was aber hat der Lockdown im Frühjahr mit den Pflegeheim-Bewohnern gemacht?

„Erst nachdem mein Vater vor zehn Jahren verstorben ist, haben wir ihre Demenz bemerkt“, erzählt Barbara. Sie ist die Tochter von Renate L. und sitzt am Esszimmertisch in der Essener Wohnung neben ihrer Tochter Izabel Blonigen. „Wir haben meine Mutter lange zuhause gepflegt, aber oft saß sie einfach im Dunklen. Die einzige Lichtquelle war der flimmernde Fernseher. Da haben wir Anfang 2018, nach einem Sturz mit anschließendem Krankenhausaufenthalt, beschlossen, sie in einem Pflegeheim betreuen zu lassen.“

Ruhe hat sich auf manche Demenzkranke positiv ausgewirkt

Barbara glaubt: An ihrer Mutter sind die erheblichen Einschränkungen des Frühjahrs wegen ihrer schweren Demenz weitgehend spurlos vorbeigegangen. In einer Online-Befragung der Mitarbeiter von vier Pflegeeinrichtungen kam der Münsteraner Soziologe Prof. Mirko Sporket im August zu dem Schluss: Viele demenzkranke Bewohner hätten unter den Bedingungen des Lockdowns nicht so sehr leiden müssen, im Gegenteil habe sich „die dadurch bedingte Ruhe im Haus positiv auf die Stimmung dieser Personengruppe ausgewirkt“. Bei anderen Demenzkranken hätte das Personal hingegen eine größere Unruhe festgestellt, weil sie nicht von Angehörigen besucht werden konnten.

Beim Branchenverband bpa, der die Betreiber von 700 vollstationären Einrichtungen vertritt, heißt es, manche Demenzkranke hätten nach der Aufhebung der Besuchseinschränkungen ihre Angehörigen nicht mehr erkannt.

Kreative Geschenkideen während der Corona-Pandemie

Tochter Barbara hat die coronabedingten Einschränkungen immer für sinnvoll gehalten. „Ich hatte nie das Gefühl, die Entscheidungen seien willkürlich.“ In dem anthroposophisch ausgerichteten Heim, in dem Renate L. wohnt und in dem die individuellen Bedürfnisse der Bewohner besonders geachtet werden, wurde trotz des zeitweisen Besuchsverbots viel getan, um die Lage zu erleichtern. So konnten die Angehörigen kleine Geschenke am Empfang abgeben, zum Beispiel den bunten Frühlingsstrauß, den Barbara mit Fotos der Familie geschmückt hatte.

Es gab Balkonkonzerte und mit einem Pfleger ihrer Mutter hatte sie während des gesamten Lockdowns regelmäßigen Kontakt. „Er hat dann kleine Sprachnachrichten mit meiner Mutter aufgenommen, mit Fotos den Heimalltag dokumentiert und uns sogar beim Skypen geholfen.“ Die Video-Anrufe hätten aber eher zur Beruhigung von Tochter und Enkelin gedient. „Für uns war es wichtig, zu sehen, dass es ihr gut geht. So richtig verstanden hat Oma das aber nicht, sondern in das Handy geschaut, ohne uns aktiv wahrzunehmen“, ergänzt Izabel.

Kein einheitliches Bild auch bei denen, die noch klar sind

Skype-Anrufe hat auch Markus Kampling möglich gemacht, Geschäftsführer der katholischen Pflegehilfe in Essen, die eine stationäre Einrichtung betreibt. Besonders schlimm, sagt er, sei das Besuchsverbot für manche Bewohner gewesen, die noch klar seien und sonst regelmäßig Besuch empfangen hätten. Dieter Merten, Leiter des Essener Marienheims, ist sogar überzeugt: „Es gab Bewohner, die gestorben sind, weil sie keinen Besuch empfangen durften.“

Aber auch bei denjenigen, die nicht dementiell erkrankt sind gibt es kein einheitliches Bild: „Das ist total widersprüchlich. Manche haben gesagt, dass sie froh sind, vor dem Virus geschützt zu werden. Anderen war der Besuch ihrer Kinder viel wichtiger“, sagt eine Sprecherin des Verbandes bpa. Möglicherweise, sagt Markus Kampling, seien die Alten, die jetzt in den Pflegeheimen wohnten, härter im Nehmen. „Diese Generation in den Einrichtungen kennt Verzicht und Entbehrungen.“

Auch in der Corona-Zeit gilt: Menschen schützen

Probleme haben offenbar vor allem die Angehörigen bereitet. So verständnisvoll wie Barbara haben längst nicht alle reagiert. Kampling und Merten berichten von Angehörigen, die Anwälte aufmarschieren und rechtliche Schritte in die Wege leiten ließen, um das Besuchsverbot zu kippen. Dabei, betont Kampling, gehe es doch nur um eines: „Wir müssen die Menschen schützen.“

Möglicherweise heißt das: Wenn die Zahlen weiter steigen, müssen Besuche wieder reduziert werden. Angst davor haben Barbara und ihre Tochter nicht. Sie vertrauen dem Heim und den Mitarbeitenden. Barbara räumt jedoch ein: „Für unsere Familie waren und sind die Maßnahmen vergleichsweise besser zu ertragen. Durch die Erkrankung meiner Mutter sind normale Interaktionen kaum möglich. Sie ist eine sehr ruhige und umgängliche Frau, die in schönen Erinnerungen lebt.“ Für Heimbewohner ohne Demenz sei die Isolation schwerer gewesen. Gerade bei einer engen Bindung seien „einige Angehörige subjektiv durch die Hölle gegangen“, so die Tochter.

Mit der Advents- und Weihnachtszeit stehen Angehörigen, Pflegeheimbewohnern und Betreibern möglicherweise wieder harte Zeiten bevor, wenn das Infektionsgeschehen zu erneuten Beschränkungen führt. „Mir graut davor“, sagt Dieter Merten, schließlich sei das die Zeit, in der viele Erinnerungen an alte Zeiten hochkämen. „Das ist traditionell die Zeit, in der der Andrang besonders groß ist“, so Markus Kampling.

Gemeinsam ein bisschen Normalität erlebt

Wie lange Renate L. noch mit ihrer Demenz leben kann, weiß niemand. „Bei jedem Treffen in den vergangenen Monaten habe ich ein Foto von Oma gemacht. Am schönsten war ihr Geburtstag vor zwei Wochen“, erzählt Izabel, ein breites Lächeln steht ihr im Gesicht.

„Wir durften mit der Familie gemeinsam essen und ein bisschen Normalität erleben, nach so einer langen Zeit. Wir konnten auf sie anstoßen und Späßchen machen. Ich meinte noch: In zwei Jahren feiern wir unseren 120sten Geburtstag. Meinen 30sten und ihren 90sten.“ Auch bei dem Treffen vor zwei Wochen ist ein Foto entstanden. Mit Abstand und Maske, aber immerhin ein Gruppenbild am See, mit der ganzen Familie – da, wo Renate Lütticke groß geworden ist.

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