Interview

In Sachen Kultur ist der Niederrhein eine "Boomtown"

Seit vielen Jahren das Gesicht des „Kulturraum Niederrhein e.V.“, Geschäftsführerin und Projektkoordinatorin Dr. Ingrid Misterek-Plagge.

Seit vielen Jahren das Gesicht des „Kulturraum Niederrhein e.V.“, Geschäftsführerin und Projektkoordinatorin Dr. Ingrid Misterek-Plagge.

Foto: Volker Herold / FFS

Am Niederrhein.  Der Verein „Kulturraum Niederrhein “ koordiniert die Kultur: Im Gespräch spricht Geschäftsführerin Ingrid Misterek-Plagge über die Entwicklungen.

Da regt sich ‘was. Bewegendes. Zukunftsträchtiges. Das Kulturnetzwerk „Kulturraum Niederrhein“ hat sich jetzt schon zum fünften Mal ein feines Themenprojekt ausgedacht: „NEULAND – Terra incognita“. Für das im Schulterschluss Heimat- und Kunstmuseen am Niederrhein noch bis 2020 vielfältig spannende Ausstellungen gestemmt haben. Ganz klar: Man positioniert sich, zeigt, was man hat. Schließlich sind Ruhrgebiet und Niederlande nicht weit. Über die ambitionierte Kulturpolitik hinter den Kulissen sprach Claudia Posca mit der Leiterin der Koordinierungsstelle der Regionalen Kulturpolitik, Dr. Ingrid Misterek-Plagge.

Frau Misterek-Plagge, was ist der „Kulturraum Niederrhein“?

In seiner Rechtsform ist es zunächst einmal ein gemeinnütziger Verein. Er hat sich 1992 aus einer Bürgerinitiative heraus gegründet. Das war die Zeit der IBA und generell eine Zeit, in der es um Regionalisierungskonzepte einerseits und den Maastrichter Vertrag zur Etablierung der Europäischen Union, und also auch um ein Europa der Kulturregionen ging. Inzwischen sind alle Mittel- und Oberzentren der Niederrheinregion, aber auch viele Gemeinden, Mitglied im „Kulturraum Niederrhein“ – insgesamt über 30 mit den Kreisen zusammen. Mitglieder darin sind aber auch Privatleute, die sich für ihre Kulturregion engagieren wollen, sehr viele Kultur- und Heimatvereine, in Teilen auch Museumsfördervereine sowie darüber hinaus auch Unternehmen, die sich der Region verpflichtet fühlen – ein starkes Netzwerk gebündelter Expertise.

Begründet sich darin die kulturelle Leistungsstärke der Niederrheinregion?

Da gibt es viele Punkte. Zuvörderst möchte ich aber ein wirklich leistungsstarkes Ehrenamt hervorheben, das die Niederrheinregion auszeichnet. Das heißt, wir haben – und damit sind wir NRW-weit top aufgestellt – über 600 Kultur- und Heimatvereine mit bis zu 1500 Mitgliedern. Wenn man die als Multiplikatoren im Boot hat, erreicht man unglaublich viele kulturinteressierte Menschen. Außerdem haben wir am Niederrhein ein enormes Aufkommen an internationalen Kunstsammlungen, woraus wiederum bedeutende Museen entstanden sind. Neben den Krefelder Museen und dem Museum Abteiberg, das Schloss Moyland, das Kurhaus Kleve, das Museum Goch, das Lehmbruck-Museum Duisburg, das Museum Kranenburg, die Insel Hombroich, die Raketenstation. Für eine eher ländlich geprägte Region ist das sehr außergewöhnlich.

Sehen Sie da ein Zukunftspotential: die Niederrheinregion als kulturelle „Boomtown“?

Ja. Definitiv. Was nicht zuletzt an der geografischen Lage liegt. Wir sind immer eine Passagenregion gewesen. Das hat zu einer hohen wirtschaftlichen Prosperität geführt. Im Trend ist der Niederrhein wenig vom demografischen Wandel, von extremer Überalterung oder Abwanderung betroffen. Im Gegenteil. Nach wie vor gilt der Niederrhein als Familienzuzugsgebiet. Das liegt natürlich daran, dass wir gewissermaßen im Überschwemmungsgebiet der prosperierenden Metropolen liegen. Man könnte sagen: Die Niederrheinregion war immer schon das diskrete Rückzugsgebiet des Kapitals. Deshalb auch gibt es hier so viele Kunstsammlungen. Andererseits hat der Niederrhein mit dem Problem der Verkehrsanbindung zu kämpfen. Schloss Moyland etwa hat ganz klar den Standortnachteil schlecht erreichbar zu sein.

Wie muss man sich die vermutlich nicht einfache Kooperation von Kunst- und Heimat-Museen im „Kulturraum Niederrhein“ vorstellen? Gibt es ein Leuchtturm-Denken?

Das Netzwerk der Museen hat sich in den letzten neun Jahren zu einer stabilen Basis für grenzüberschreitende Ausstellungsplanungen, museumspädagogische Pilotprojekte und kulturhistorische Forschungsarbeiten entwickelt. Es tagt zwei- bis dreimal im Jahr, um neue Ideen anzustoßen und Maßnahmen abzustimmen. Im letzten Jahr ist z.B. daraus die Internet-Plattform KIM (für „Klasse ins Museum“) entstanden. Auf diesen Netzwerksitzungen, in denen alle auf Augenhöhe diskutieren, werden die qualitativen Grundlagen geschaffen für Themenjahre, an denen sich Heimatvereine, Volkshochschulen und viele andere Bildungspartner beteiligen können.

Im Ruhrgebiet haben sich im Nachgang von Kulturhauptstadt Ruhr 2010 die Kunstmuseen zum städteübergreifenden Netzwerk der RuhrKunstMuseen zusammengeschlossen,- auch mit der Idee, dadurch eine Kunstmetropole Ruhr als Stadt der Städte auf den Weg zu bringen. Ist die Vision einer Metropole Niederrhein attraktiv?

Das steht so nicht zur Diskussion. Es gibt allerdings tatsächlich die noch relativ junge Initiative der Metropolregion Rheinland. Und die hat sich mit den großen Städten Köln, Bonn, Düsseldorf, Aachen und den ländlichen Peripherien aufgestellt, um der Metropolregion Ruhr etwas entgegen zu setzen.

Eingangs sprachen Sie von „gebündelter Expertise“. Wie initiiert man sowas?

Man muss Strukturen bauen, die eine Leichtigkeit in der Zusammenarbeit ermöglichen.

Das heißt?

Die Potentiale des Zusammenwirkens regionaler Kulturkompetenz können sich immer dann am besten entfalten, wenn sie nicht schon im Verfahren der Förderung durch Richtlinien und administrative Zusatzaufgaben ausgebremst werden. Der „Kulturraum Niederrhein“ übernimmt die Rolle als Koordinierungsstelle und kümmert sich im Auftrag seiner Mitglieder zentral um die Mittelbeschaffung und –Weiterleitung an Projektpartner. So entstehen in langjährigen Netzwerkprojekten stabile Strukturen der Zusammenarbeit, die eine ambitionierte regionale Kulturentwicklung nach abgestimmten Zielvorstellungen erst möglich machen.

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