Wieso ist es keine Schande, spirituell zu sein, Herr Dieckmann?

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Duisburg. Er läuft etwas unruhig durch seine Wohnung im Duisburger Süden. Der 54-Jährige ist auf dem Sprung. Das Gespräch kam kurzfristig zustande – ein bisschen zwischen Tür und Angel. Wir nehmen in der Küche Platz. Peter Michael Dieckmann arbeitete früher als Zielfahnder beim Landeskriminalamt, heute verfasst er spirituelle Bücher, ist Reiki- und Meditationslehrer. Gerade wurde sein sechstes Buch unter dem Titel „Drei Schlüssel zur Vergebung“ im Goldmann Verlag veröffentlicht. Im Interview erzählt er davon. Und, wieso es menschlich ist, spirituell zu sein.

Guten Morgen, Herr Dieckmann. Und, haben Sie heute schon meditiert?

Jeden Morgen.

Wie lange?

Zehn Minuten.

Sie waren Zielfahnder beim Landeskriminalamt, heute sind Sie Reiki- und Meditationslehrer, veröffentlichen spirituelle Bücher und geben Vorträge. Wie kam es dazu?

Auf diesen so genannten spirituellen Weg kommt man immer in Krisenzeiten. Dann macht man sich auf die Suche nach Stabilität. Manchmal findet man diese in Themen, mit denen man sich vorher nicht auseinandergesetzt hat. Meine Stabilität habe ich im Bereich der Meditation gefunden. Ich habe jemanden getroffen, der mir beigebracht hat, zu meditieren. Das hat mir sehr geholfen. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich wirklich bewusst selbst reflektiert habe. Und diese Frau war Reiki-Lehrerin. Sie hätte aber auch etwas ganz anderes machen können, das spielte für mich keine Rolle. Aber ich bin letztendlich auf diesem Weg geblieben und habe angefangen, das auch anderen Menschen weiter zu geben.

Warum ist es keine Schande, spirituell zu sein, Herr Dieckmann?

Weil jeder Mensch spirituell ist. Jeder Mensch hat Inspiration, diese geistige Kreativität. Und Kreativität ist immer spirituell. Sie hätten genauso gut die Frage stellen können: Warum ist es keine Schande, ein Mensch zu sein?

Sie möchten mit Ihren Büchern und Vorträgen möglichst viele Leute erreichen. Was treibt Sie an? Was ist Ihr Auftrag?

Es ist immer die eigene Freude an dem, was man macht. Mir macht es eben große Freude mit Menschen zusammen zu sein, die sich nicht nur über oberflächliche Themen unterhalten, sondern die bereit sind, sich ihren inneren Themen zu stellen. Dieser Auftrag kommt von innen, er ist nicht von außen gegeben. Man kann nicht sagen: Ich mache das, um die Welt zu retten oder für andere. Aber ich möchte schon Menschen erreichen. Ich sehe meinen Auftrag darin, eine Schule zu gründen, in der ein Mensch lernen kann, einfach nur er selbst zu sein.

Ihr neustes Buch mit dem Titel „Drei Schlüssel zur Vergebung“ ist gerade erschienen. Worum geht es darin?

Vergebung ist immer Selbstvergebung, es geht nie um jemand anderen, sondern um uns selbst. Und Vergebung ist ein Prozess der ständigen Heilung der Vergangenheit und ihrer Erlebnisse, die einen verletzt, die einen berührt haben. Davon handelt das Buch.

Auf der Rückseite Ihres Buches wird es als „eine machtvolle Anleitung zum Loslassen“ beschrieben. Also noch ein Buch zum großen Thema des Loslassens. Braucht es das?

Ja!

Warum?

(Er lacht) Also nicht nach dem Motto: Es ist alles zu jedem Thema schon geschrieben, nur noch nicht von mir…So nicht. Sondern, weil die meisten Ratgeber – und ich kenne viele davon – sagen, dass man loslassen muss, um glücklich zu sein. Man muss das schaffen. Meine Erfahrung ist, dass, je mehr man versucht, loszulassen, desto weniger klappt es und desto mehr haftet man an. Vergebung kann man nicht erzwingen, man kann sie nicht einfordern. Sie findet statt und zwar genau dann, wenn sie stattfinden soll. Und wenn der Zeitpunkt soweit ist, muss ich mein Herz öffnen. Das heißt, ich muss durch den emotionalen Prozess hindurch. Die Botschaft ist, dass man nicht vergeben muss, um unbedingt glücklich zu sein, wie das viele Ratgeber versprechen. Denn manchmal geht das einfach nicht. Man kann nicht auf Knopfdruck vergeben. Die Botschaft ist, dass Du vergeben darfst, wenn Du es kannst. Und wenn Du es nicht kannst, dann eben nicht. Das ist absolut o.k.. Dann wird es leichter, weil man diesen Anspruch nicht hat. Und durch diesen Ansatz unterscheidet sich mein Buch stark von anderen Ratgebern.

Mussten Sie selbst viel vergeben?

Ja.

Warum tun wir Menschen uns so schwer mit diesem Thema tun?

Gerade weil man es nicht auf Knopfdruck kanweil Verletzungen – viele davon stammen aus der Kindheit -- manchmal so tiefgreifend sind. Es gibt zum Beispiel ganz unterschiedliche Schuldgefühle, manche sind objektiv und haben überhaupt nichts mit persönlicher Schuld zu tun. Und trotzdem hat ein Mensch Schuldgefühle, zum Beispiel, weil man ein Unglück überlebt hat, beteiligte Freunde aber womöglich nicht. Oder es gibt dieses Schuldgefühl bei Zwillingen, von denen einer bei der Geburt gestorben ist. Irgendwann im Leben holt den anderen Zwilling plötzlich diese Frage ein, warum er überlebt hat und der andere nicht. Für solche Geschichten gibt es keine logische Begründung. Deswegen kann man über Vergebung kein Anwender-Buch schreiben, denn sie ist immer ein emotionaler Prozess. Und deswegen tun wir uns so schwer mit ihr, weil wir nichts machen können, weil wir nur zulassen können und selbst das ist nicht ‚machbar’, sondern passiert. Wir haben keine Kontrolle darüber. Ichen, im Gegenteil: Wir müssen die Kontrolle aufgeben und dann kann Vergebung stattfinden. Aber man kann sich noch nicht einmal dazu entscheiden, die Kontrolle loszulassen. Und das stürzt uns Menschen in ein Dilemma.

Und zum Schluss: Warum vergibt man sich nichts, wenn man sich mit Ihrem Buch und auf Ihre Weise mit Vergebung beschäftigt?

Weil man nur eine Erfahrung macht. Man bindet sich ja nicht. Man meldet sich nicht in einem Verein an, ist da dann lebenslang drin und muss kompliziert wieder austreten. Man kauft nichts, was man hinterher wieder umtauschen muss. Man macht nur eine Erfahrung, bei der man hinterher entscheiden kann, ob sie für einen selbst gut ist oder nicht. Meditation ist nur eine Erfahrung, sie hat keine schädlichen Nebenwirkungen.

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