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50 Jahre später: Auf den Spuren der Aldi-Entführung

Lesedauer: 8 Minuten
Das Bild täuscht. Theo Albrecht nach der Gerichtsverhandlung gegen seine Kidnapper (1973). An seiner Entführung leidet er sein Leben lang.

Das Bild täuscht. Theo Albrecht nach der Gerichtsverhandlung gegen seine Kidnapper (1973). An seiner Entführung leidet er sein Leben lang.

Foto: KARTENBERG, Heinz Jürgen / WAZ FotoPool

Düsseldorf / Im Ruhrgebiet.  Im November 1971 wurde Theo Albrecht entführt. 17 Tage wurde der Aldi-Chef gefangen gehalten. Die Stationen eines Verbrechens.

Was damals passiert ist, im November und Dezember des Jahres 1971, ist schnell in der Wikipedia nachzulesen. Unter dem Stichwort „Theo Albrecht“ wird natürlich auch über die Entführung des Unternehmenschefs von Aldi Nord berichtet. Seine 17-tägige Gefangenschaft, die nach Zahlung eines Lösegeldes von sieben Millionen Mark endete, gehört zu den medienträchtigsten Fällen dieser Art in der Bundesrepublik.

Wer im Internet nach weiteren Informationen über das Verbrechen sucht, wird schnell fündig. Das Schicksal des Millionärs (1922-2010) interessiert bis heute. Regelmäßig wird es von Journalisten aus der Mottenkiste der kollektiven Erinnerung herausgeholt; dieser Text ist keine Ausnahme. Doch anders als bei den üblichen Artikeln will der Autor dieser Zeilen wissen, wo sich das Drama damals abgespielt hat. Es war mitten im Ruhrgebiet und in Düsseldorf, also mitten unter uns.

Hohewardstraße 345, Herten: der Entführungsort

A42, Ausfahrt Herne-Wanne. Links ab, über Rhein-Herne-Kanal und Emscher, dann rechts ab in das Emscherbruch, kurz hinter einer Imbissbude kommt ein Kreisverkehr, gleich daneben steht ein Zentrallager von Aldi Nord. Kaum zu glauben, aber wahr: Früher war genau hier die Unternehmenszentrale der Selbstbedienungskette. Sollen andere Firmen doch Unsummen an Geld für eine piekfeine Firmenadresse verschwenden, ein Gewerbegebiet tut es auch. Discounter-Philosophie.

Am Abend des 29. November 1971 um kurz nach 18 Uhr verlässt Theo Albrecht seinen Schreibtisch, geht zu seinem Mercedes 280 SL, der auf einem Parkstreifen vor dem Haus parkt. Er kann das Schloss nicht sofort öffnen, schafft es schließlich, setzt sich in den Wagen. In diesem Moment treten zwei Männer heran, einer links, einer rechts. Beide haben ihre Hüte tief ins Gesicht gezogen, beide haben den Mantelkragen hochgeschlagen, beide tragen Pistolen. Der Beginn der Entführung.

Den Parkstreifen vor dem Aldi-Verwaltungsgebäude gibt es heute noch. Gegenüber: ein Schrotthandel und eine Schreinerei. Auf der Straße herrscht alltägliche Betriebsamkeit, alle paar Minuten dröhnt ein großer Laster des Lebensmittelhändlers vorbei. Eine unwirtliche Gegend, schon damals. Weil die Täter nicht glauben wollen, dass dieser Mann in dem unauffälligen Anzug ihr Opfer sein soll, also einer der reichsten Deutschen, ließen sie sich von ihm den Personalausweis zeigen. Aber ja doch, er ist es.

Ahornstraße, Gelsenkirchen-Resse: Ort eines Fahrzeugwechsel

Resse, das ist Ruhrpott von seiner grünen Seite. Ein Stadtteil von Gelsenkirchen, wo die Gartenfreunde Resse und Viktoria Resse zuhause sind. Dazwischen beginnt die Ahornstraße, direkt unter der Brücke der A2. Eine lange Straße, die aus dem Emscherbruch leicht ansteigt, vorbei an kleinen Häusern der alten Kolonie. Die Schächte 3 und 4 der Zeche Ewald befanden sich gleich nebenan. Eine Tempo 30-Straße, am Wegrand liegen ein Fingernagelstudio, ein Seniorenheim, eine Neuapostolische Kirche, ein Lotto-Toto-Geschäft und, welche ein Zufall, ein Aldi-Markt.

Einer der beiden Verbrecher zwingt Theo Albrecht mit vorgehaltener Pistole auf den Beifahrersitz, setzt sich selbst ans Steuer. Der andere setzt sich hinter sein Opfer, die Pistole auf dessen Nacken gerichtet. Kreuz und quer geht die Fahrt durchs Dunkel. Irgendwie über einen Feld- oder Waldweg, meint Theo Albrecht sich später zu erinnern. Dann ein Stopp: Die Entführer kleben ihrem Opfer Heftpflaster über die Augen und um die Hände. Den Mund lassen sie frei, Theo Albrecht bittet darum.

Die Ahornstraße ist der zweite Tatort in dieser Entführung. Nichts erinnert heute mehr daran, die Menschen haben nun andere, eigene Sorgen; beim Bäcker Spickermann läuft das Geschäft offenkundig gut. Noch immer eine unauffällige, unscheinbare Straße, hier wechseln die Kriminellen das Auto. Der Albrecht-Mercedes wird am Straßenrand abgestellt und später von der Polizei dort gefunden. Mit einem anderen, großen Wagen geht die Fahrt weiter. Es ist eine zielbewusste Irrfahrt – bis nach Düsseldorf.

Graf-Adolf-Straße 45, Düsseldorf: das 17-Tage-Versteck

Die Graf-Adolf-Straße in Düsseldorf gehört zu den großen Straßen der Stadt. Hier wohnt Geschichte neben Geschichten, manche traurige darunter. Im Haus mit der Nummer 45, direkt neben dem Savoy-Theater, wird Theo Albrecht 17 Tage gefangen gehalten. Damals wie heute befindet sich eine Anwaltskanzlei in dem Gebäude. Jetzt in der zweiten Etage, früher in der vierten. Hier hat Rechtsanwalt Heinz Joachim Ollenburg sein Bürowohnung, die zum Gefängnis von Theo Albrecht wird.

Wer heute auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht und zur Fensterreihe im Haus gegenüber hinaufschaut, braucht schon ein bisschen Fantasie, um sich vorzustellen, wie Theo Albrecht dort oben hausen muss. In einem Hinterzimmer, abgeteilt durch einen Schrank und ein Tuch: auf der einen Seite er, auf der anderen immer mindestens ein Kidnapper. Im Versteck darf er bloß Unterwäsche tragen, oft sind seine Augen verdunkelt, freigegeben werden sie nur, um Erpresserbriefe an die Familie zu schreiben.

Kurioses Detail: Während Theo Albrecht auf seine Freilassung wartet, geht im Nebenzimmer das Kanzleigeschäft des Anwaltes weiter, als ob nichts Besonderes wäre. Die Sekretärin des Strafverteidigers arbeitet fast zwei Wochen lang ahnungslos weiter. Versorgt wird das Opfer morgens mit Broten, mittags wird gekocht: von den Entführen selbst oder es gibt Essen von auswärts, aus dem „Tigges im Türmchen“. Nachher sagt Theo Albrecht: „Die Verpflegung war gut.“

Westerwaldstraße 58, Essen: Wieder zuhause in Bredeney

Hoch oben Essen, in Bredeney. Wer die Westerwaldstraße abbiegt, erkennt schnell: Ja, hier wohnt die Oberschicht. Weiße Villen reihen sich nebeneinander auf, große Häuser mit üppigen Grundstücken drumherum, hohe Mauern und Kameras an den Eingangstoren. Wer hier lebt, möchte gerne seine Ruhe vor allzu neugierigen, wohl auch neidischen Blicken haben. Sinnbild der Abschottung: Die beiden steinernen Dobermänner, die vor einem Hundeshop stumm aber imposant wachen.

Sieben Millionen Mark fordern die Entführer für die Freilassung von Theo Albrecht. Das Lösegeld wird Ruhrbischof Dr. Franz Hengsbach übergeben, auf Bitten der streng katholischen Familie. Ort der Übergabe: ein abgelegener Feldweg in Breitscheid bei Ratingen, natürlich im Dunkeln. Der Plan funktioniert. Teil der Abmachung ist, dass Theo Albrecht die erste Nacht beim Gottesmann verbringt. Erst dann meldet sich die Familie bei Polizei – und löst damit eine Großfahndung aus.

Überraschung, obwohl – irgendwie schließt sich hier der Kreis. Das Haus der Familie Albrecht ist nicht das größte in dieser Siedlung. Typisch Theo, sparsam bis zur eigenen Haustür. Durch diese tritt er übrigens nicht, als er nach 18 Tagen wieder nach Hause kommt. Um dem Presserummel zu entgehen, wird er ein paar Häuser vorher abgesetzt, geht einige Schritte bis zum Nebenhaus, von da aus öffnen die Nachbarn ihre Gartenpforte – und Theo Albrecht ist wieder im Kreis seiner Lieben.

Ende gut, fast alles gut: Wo ist das Lösegeld?

Noch in der Nacht seiner Rückkehr beginnt im Polizeipräsidium in Essen die bisher größte Fahndung in der Bundesrepublik. 164 Sonderermittler machen sich auf die Suche nach den beiden Entführern. Mit Erfolg. Diamanten-Paul wird bereits am 20. Dezember 1971 geschnappt, anhand eines nummerierten Geldscheines, Komplize Ollenburg zehn Tage später – im Mexiko. Zwei Jahre danach werden sie zu jeweils achteinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Über den späteren Tod der Entführer und ihres Opfers hinaus bleibt ein Rätsel: Knapp die Hälfte des Lösegeldes gilt bis heute verschwunden.

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