Awo Niederrhein

Awo Niederrhein übergibt Archiv an das Haus der Geschichte

Freuen sich über die Übergabe: Jürgen Otto, Awo Bezirksgeschäftsführer, Paul Saatkamp, Awo Ehrenvorsitzender, Britta Altenkamp, Awo Bezirksvorsitzende, und Claudia Kauertz, Leiterin des Stadtarchives in Essen (v.l.).

Freuen sich über die Übergabe: Jürgen Otto, Awo Bezirksgeschäftsführer, Paul Saatkamp, Awo Ehrenvorsitzender, Britta Altenkamp, Awo Bezirksvorsitzende, und Claudia Kauertz, Leiterin des Stadtarchives in Essen (v.l.).

Foto: Awo Bezirksverband Niederrhein

Am Niederrhein.  Die Awo Niederrhein gibt es bald 100 Jahre. Das Archiv wurde ins Stadtarchiv Essen gegeben. Ist der Wohlfahrtsverband damit zu den Akten gelegt?

Frankfurt, Erfurt und Rostock sind weit weg. Die negativen Schlagzeilen, in denen sich die Verbände der Arbeiterwohlfahrt in Hessen, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern gerade widerspiegeln, bleiben an diesem Vormittag im Archiv der Stadt Essen außen vor; zumindest öffentlich.

Schließlich gibt es etwas zu feiern, bei Lachshäppchen und Wässerchen. Die Übergabe des Verbandsarchives der Awo Niederrhein an das Haus der Essener Geschichte, wie die Einrichtung amtlich-blumig heißt.

300 blassgraue Kartons, in denen 250 Meter Akten abgelegt sind. Diese können ab sofort von allen Interessierten eingesehen und studiert werden; unter Wahrung des personenbezogenen Datenschutzes und mit bestimmten Sperrfristen.

„Wichtige Quellen zur sozialen Frage“

Altpapier der Awo, einerseits. Anderseits: eine Fundgrube für (Hobby-)Historiker. Britta Altenkamp, Vorsitzende der Awo Niederrhein, schwärmte von „einem Überblick über die Entwicklungen des Bezirksverbandes in seiner bald 100-jährigen Geschichte“. Claudia Kauertz, Leiterin des Stadtarchives, betonte, dass die Dokumente nun „objektiv rekonstruierbar und langfristig transparent erfahrbar“ sind. Peter Weber, Leiter des LVR-Archivberatung- und Fortbildungs-zentrums, sprach von „wichtigen Quellen zur Erforschung der lokalen sozialen Fragen“.

Und Paul Saatkamp, der drei Jahrzehnte lang den Bezirksverband der Arbeiterwohlfahrt am Niederrhein führte und immer noch in Duisburg-Rumeln wohnt, lehnte entspannt und voller Zufriedenheit in einer der hinteren Stuhlreihen. Dieses Archiv ist, man darf das ruhig zu schreiben: sein Vermächtnis.

20201: 100 Jahre Awo am Niederrhein

Später im persönlichen Gespräch erzählt er mit einem verschmitzten Lächeln, wie er den Landschaftsverband Rheinland davon überzeugen konnte, in dieses Großprojekt einzusteigen, finanziell wie personell. „Wir müssen“, begründet er, „unser Erbe bewahren.“

Am 1. November 1921 wurde der niederrheinische Bezirksverband der Arbeiterwohlfahrt von Vertretern aus 18 Ortsverbänden gegründet: damals in Duisburg. Natürlich werde auch an dieses Ereignis im nächsten Jahr erinnert werden, war in der Wanderausstellung „100 Jahre Awo Niederrhein“ zu hören, die im Foyer des Stadtarchives in Essen aufgebaut ist und dort bis Anfang März zu sehen sein wird.

An 14 Säulen ist die Geschichte des Bezirksverbandes mit kurzen und prägnanten Sätzen beschrieben. Es ist, so viel Eigenwerbung muss sein, eine Erfolgsgeschichte.

Erste Langzeit-Kita, Betreuung von Gastarbeitern

Mit Meilensteinen, wie der „ersten Kita in Westdeutschland mit zwölfstündiger Öffnungszeit“, bereits 1951 in Düsseldorf eröffnet. Oder dem ersten Sozialdienst für Gastarbeiter aus der Türkei in Deutschland, 1962 eingerichtet, sprich schon zwei Jahre bevor der millionste Gastarbeiter – Armando Rodrigues aus Portugal -- durch den Bundesinnenminister medienwirksam auf dem Hauptbahnhof in Köln begrüßt wurde.

Sicher, es ist ein Rückblick als Nabelschau und zur Selbstvergewisserung. Doch wenn Muchtar Al Ghusain, Beigeordneter Jugend, Bildung und Kultur der Stadt Essen, gleich zu Beginn des kleinen unprätentiösen Festaktes feststellt: „Die AWO und die Arbeit der AWO sind wichtig für unsere Gesellschaft. Es wäre schlechter um die Gesellschaft ohne diese vor allem ehrenamtlich getragene Arbeit bestellt“, – dann sind dies mehr als herzliche wie warme Grußworte, wie einige Zahlen in der Schau eindrucksvoll ergänzen.

160 Ortsvereine, die lokale Basis des Verbandes

Mit ihren sozialen Diensten und Einrichtungen erreicht die Awo im Bezirk Niederrhein nach eigenen Angaben täglich mehr als 19.000 Kinder, über 6.000 Pflegebedürftige und 1.700 Menschen mit Behinderungen. Dazu wöchentlich 1.100 Menschen mit Zuwanderungsgeschichten und jährlich 10.000 Menschen mit Beratungsangeboten zur Familienplanung und Sexualität.

Ein gesamtgesellschaftlicher Kraftakt, der in dieser Region von rund 26.000 Mitgliedern in 16 Kreisverbänden sowie in 160 Ortsvereinen getragen wird. Insgesamt sind mehr als 13.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in 450 Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, nahezu 300 Angeboten für ältere Menschen sowie zahlreichen Beratungsstellen und Bildungseinrichtungen für alle Altersgruppen beschäftigt.

Was wird aus dem Ehrenamt?

Kurz: Es ist bemerkenswert, erstaunlich, wunderlich, was allein am Niederrhein aus dem „Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt in der SPD“ geworden ist, den Maria Juchacz am 13. Dezember 1919 in Berlin begründete. Man(n) kann es heute nur noch erahnen, welch eine starke Frau die Sozialdemokratin, Sozialreformerin, Frauenrechtlerin und erste Vorsitzende der Awo gewesen sein und gegen welche Widerstände sie gekämpft haben muss.

Bleibt aus niederrheinischer Sicht nur noch zu klären, warum der Aktenbestand ausgerechnet in einem Stadtarchiv im Ruhrgebiet, gelagert wird; und nicht etwa in Kleve oder Wesel? Es ist mit dem eigenwilligen Verbandsgebiet der Arbeiterwohlfahrt zu erklären, das vom Kreis Kleve bis zur Stadt Leverkusen reicht, Essen inklusive.

Doch ganz ehrlich, es gibt größere Probleme bei der Awo, auch am Niederrhein. „Wie retten wir das Ehrenamt?“, fragt Britta Altenkamp. Die SPD-Landtagsabgeordnete verweist auf ihren „Wohlfahrtsverband mit einer besonderen Prägung“, der seit Beginn auf zwei Säulen steht: den Haupt- und eben den Ehrenamtlichen. Letztere Tätigkeiten sind längst zu einem Zeit- und Geldproblem geworden.

Darauf muss die Awo auch am Niederrhein Antworten finden, will sie eines Tages nicht gänzlich zu den Akten gelegt werden.

INFO: Das Archiv im Haus der Essener Geschichte

Das Archiv der Arbeiterwohlfahrt am Niederrhein im Haus der Essener Geschichte ist für alle Interessenten zugänglich. Es empfiehlt sich eine vorherige Anmeldung.

Adresse: Haus der Essener Geschichte / Stadtarchiv, Ernst-Schmidt-Platz 1 in Essen. Öffnungszeiten: dienstags und mittwochs von 9 bis 15:30 Uhr sowie donnerstags von 9 bis 18 Uhr.

Die kleine Ausstellung „100 Jahre Awo Niederrhein“ mit 14 Geschichtssäulen über die Entstehung und Arbeit der Awo ist bis zum 5. März im Foyer des Stadtarchives in Essen zu sehen. Eine vorherige Anmeldung ist nicht erforderlich. Im vergangenen Jahr war die Schau bereits in Kleve zu sehen.

Mehr Infos über die Awo am Niederrhein: www.awo-nr.de.

Vortrag: Der Historiker Thomas Lienkamp, der das Archiv der Awo Niederrhein drei Jahre lang federführend zusammentrug, erzählt am Donnerstag, 13. Februar, von 18 bis 20 Uhr im Stadtarchiv in Essen über „Seit`an Seit’ - 99 Jahre Awo Bezirksverband Niederrhein“. Kein Eintritt, keine Anmeldung notwendig.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben