Aktionskunst

Bananensprayer Baumgärtel in Geldern

Kunst, die aus der Dose kommt. Thomas Baumgärtel in seinem Atelier in Köln-Dellbrück. Seit 32 Jahren ist Baumgärtel bekannt als der „Bananensprayer“. Angefangen hat alles in Rheinberg.

Kunst, die aus der Dose kommt. Thomas Baumgärtel in seinem Atelier in Köln-Dellbrück. Seit 32 Jahren ist Baumgärtel bekannt als der „Bananensprayer“. Angefangen hat alles in Rheinberg.

Foto: Kai Kitschenberg

Am Niederrhein.   Thomas Baumgärtel, der „Bananensprayer“, kommt in seine Heimat zurück. Back to the Banana Roots heißt die Ausstellung – in Geldern Veert.

Ups, die Banane ist – nicht krumm. Sie hängt – falsch ‘rum. Peter Rademacher korrigiert das mal ebkes, ein kleiner Schwenk um 90 Grad. Fertig, alles wieder korrekt mit der Kunst. Thomas Baumgärtel, Bananensprayer von Weltruf, Aktionskünstler, Maler, Graffitistar und Rheinberger, nickt. Passt.

Es ist noch nicht alles publikumfein vor der Ausstellungs-Eröffnung am Samstag. Aber Galerist Peter Rademacher hat ganz viel ganz schön vorbereitet. Und Thomas Baumgärtel ist nach langer Zeit mal wieder in seiner Heimat, um seine Kunst zu zeigen. „Back to the Banana Roots“ heißt das dann. „Zurück zu den Banana-Wurzeln“. Zu sehen ab Freitag in der Galerie PR8 in – Geldern-Veert.

New-York, Moskau, London, Berlin – und nun: Geldern-Veert. Das ist Land-Art pur, oder?

Irgendwie kommt jeder doch immer irgendwie gern nach Hause. Ich finde das prima hier – schön zu sehen, was in 30 Jahren so passiert ist. Peter Rademacher ist seit 32 Jahren Galerist, ich spraye seit 32 Jahren Bananen – haben wir bei der Planung der Ausstellung herausgefunden.

Eine Banane für die Freiheit der Kunst

Eine Banane wird zum künstlerischen Freiheitssymbol. Weil in einem Krankenhauszimmer in Rheinberg ein Kreuz von der Wand gefallen ist.

Und der Jesus dabei kaputt gegangen ist.

Urmoment einer neuen Schöpfungsgeschichte: die der Spray-Banane.

Das war ja nicht geplant, das war ja alles Zufall. Ich war Zivi im Rheinberger Krankenhaus. Das war ohnehin eine aufregende Zeit.

So mit Klage gegen die BRD, weil ich keine Waffe in die Hand nehmen wollte. Da saßen fünf Richter in schwarzen Roben und mit ernsten Gesichtern – in dritter Instanz wurde meine Wehrdienstverweigerung angenommen.

Prompt haben Sie Ihre erste Banane ans Kreuz genagelt.

Meine Frühstückbanane. Ich kam in ein Krankenzimmer, in dem das Kreuz samt Jesus von der Wand gefallen war. Ich habe dann die Bananenschale genommen, an die noch vorhandenen Nägel ans Kreuz angebracht und das Kreuz dann wieder an die Wand gehängt

Jeder soll glauben dürfen was er will.

Kam bestimmt super an bei den katholischen Ordensschwestern.

Naja. Ich hatte vor ein paar Jahren noch Kontakt zu einer Schwester. Wir haben uns ganz gut verstanden. Ich war damals schon der Meinung, das man jedem die Freiheit lassen soll, zu glauben, was er glauben will. Die Freiheit lasse ich anderen, die Freiheit fordere ich auch für mich selbst ein.

Mehr als 4000 Gebäude haben Sie mit Ihrer Banane verziert, Galerien, Kunstmuseen...

Ich hatte mal die Idee, für jede Stadt eine eigene Banane zu kreieren. Verrückt, aber nach wie vor kommen fast täglich Anfragen – wenn ich die alle abarbeiten wollte, hätte ich hundert Jahre nix anders zu tun. Aber die Bananenkunst macht ja nur etwa die Hälfte meiner künstlerischen Arbeit aus. Die andere Hälfte ist Aktionskunst und Malerei ohne Banane.

Und doch lässt Sie seit 1986 die Banane als Motiv nicht mehr los. Wird das nicht langweilig?

Nee, überhaupt nicht. Und es großartig zu sehen, wie eine auf der Straße entstandene Kunst Einzug in Galerien und Museen gehalten hat. Sie ist Zeichen für die Freiheit der Kunst geworden.

Die Spraybanane – ein Symbol für Toleranz und Offenheit?

Ja, total. Ich kann damit hinterfragen, ich kann humorvoll auf Dinge und Ereignisse reagieren, ich kann der Gesellschaft aber auch deutlich sagen, was ich von ihr halte.

Sie haben, u.a. eine Friedensbanane an den Kölner Dom gesprüht, eine ‘Je suis banane’ geschaffen als Reaktion auf den Angriff auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Und vor ein paar Wochen haben Sie sich einen Eklat in Karlsruhe gegönnt.

Eine Galerie hat während der Art Karlsruhe meine Karikatur „Türkischer Diktator“ abgehangen – nach Protesten und Drohungen. Das ist Zensur und bedroht die Freiheit der Kunst. Ich finde die Karikatur nötig und

wichtig.

Protest aus der Dose – für die Freiheit der Kunst, das ist eine Gratwanderung.

Das gehört dazu. Zweimal stand ich schon unter Staatsschutz, weil es Morddrohungen gab.

Einmal waren Sie im Knast.

In Bayern, wo auch sonst. Ist aber schon lange her. Da haben mich Beamte nachts beim Sprayen einer Banane an einer Galerie erwischt. Wobei, ist klar: Illegales Sprayen ist Sachbeschädigung. Sollte man nicht tun!

Sie sprayen immer die gleiche Banane.

Ich habe Psychologie studiert. Und mit meinem Spraybananen-Projekt ist es so wie beim Rorschachtest: Jeder sieht etwas anderes.

Es gibt keine falschen und keine richtigen Antworten

Das sind diese Tintenklecksbilder – es gibt keine richtigen oder falschen Antworten.

Eigentlich sind die Bananenbilder ja auch nur Farbkleckse, ein bisschen gelbe und ein bisschen schwarze Farbe irgendwo drauf gesprüht. Immer gleich, auf der ganzen Welt. Und überall gibt es Reaktionen, die aber auch überall unterschiedlich sein können. Das ist total spannend – und es hat nichts, gar nichts mit mir zu tun. Das sind reine Projektionen der Leute.

Ihre jüngste Banane: der Hampelkönig.

Ich habe ein paar kinetische Objekte mit Peter Rademacher gemacht. Die Stehauf-Banane etwa bringt sich selber immer wieder in die aufrechte Position zurück. Der Bananenhampelkönig – das bin ich, als Gliederpuppe mit Bananen-Extremitäten, der sich für die Freiheit der Kunst abstrampelt.

>>>Die Galerie PR8 Die Galerie PR8 (Peter Rademacher)

zeigt eine Übersicht aus 32 Schaffensjahren des Auch ein Baumgärtel. Auch in Geldern Veert zu sehen. Foto: wasch Künstlers Thomas Baumgärtel – von den frühen Bananenbildern mit echten Bananen über die ikonische erste Schablone für seine Spray-Bananen bis hin zu den großformatigen Brücken-Gemälden aus den letzten zwei Jahren.

Zu sehen: 29. Juni (19.30 Uhr Eröffnung) bis 29. Juli 2018,29. Juni bis 29. Juli do-fr 15-18 Uhr; sa und so 11-18 Uhr; oder nach Vereinbarung. PR8, Schulstr. 8, 47608 Geldern

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