Villa V, Viersen, Bauhaus

Bauhaus zum Kennenlernen: die Villa V in Viersen

Blick auf die Villa V aus dem hauseigenen Garten. Von vorne, von der Straßenseite aus sieht das Gebäude unscheinbar aus.

Foto: Maria Gebert

Blick auf die Villa V aus dem hauseigenen Garten. Von vorne, von der Straßenseite aus sieht das Gebäude unscheinbar aus. Foto: Maria Gebert

Viersen.   Gerda-Marie Voß kaufte das Haus von Unternehmer Walter Kaiser in Viersen und machte daraus, ohne Übetreibung, ein Gesamtkunstwerk: die Villa V.

Wenn der erste Eindruck wirklich entscheidend wäre, dann, ja dann wäre der Autor dieser Zeilen gleich ein paar Meter weitergefahren – zum Stadtbad, das Anfang des vergangenen Jahrhunderts im Jugendstil erbaut wurde; und das alleinwegenseinerArchitekturaus der wilhelminischen Zeit einen Sprung ins Wasser wert ist.

So aber steht der neugierige Schreiber an einem nieselnden, wolkenverhangenen Morgen vor dieser geklinkerten, gänzlich unscheinbaren Fassade eines Hauses in der Burgstraße, vis-à-vis des alten Stadtgartens, schaut auf das Klingelschild – und drückt erwartungsvoll auf: Villa V.

Bauhaus, ausgerechnet in Viersen

Auch das ist jetzt natürlich ein Klischee, doch tatsächlich begrüßt zuerst der Hund des Hauses den fremden Gast: Frida, eine handzahme Mopsdame, die sich nach einem ersten Beschnüffeln für den Rest des Vormittages in eines der vielen Zimmer verkriecht.

Hausherrin Gerda-Marie Voß ist etwas unglücklich angesichts des miesen Wetters,denn wenn wenigstens ein bisschen Sonnenlicht auf dieses, nach hinten raus überraschend stattlichen Anwesens fallen würde, stünde es sogleich in einem ganz anderem, wohl wunderbaren Licht dar. Aber wie bereits angedeutet: Erste Eindrücke werden hin und wieder maßlos überschätzt.

Barcelona-Stuhl und Goldpudel

Es geht ein paar Schritte durch den natursteinernen Flur, vorbei am Goldpudel des Künstlers Georg Ettl (1940-2014), von dem gleich etwas mehr zu lesen sein wird. Hinein ins äußerst großzügige Ess- und Wohnzimmer, in dem noch der originale Korkboden liegt.

Der erste Blick (sic!) schweift automatisch über einen BarcelonaStuhl hinweg, eine Möbel-Ikone, die Ende der 1920er Jahre von Ludwig Mies van der Rohe („Weniger ist mehr“) entworfen wurde – und fällt durch raumhohe Panoramafenster in den noch großzügigeren Garten hinein.

Günther Uecker und Georg Ettl

1800 Quadratmeter Grün, von Büschen, Hecken und einer alten Backsteinmauer umgeben. Mittendrin breitet seit rund 140 Jahren ein imposanter Bergahorn seine buntbelaubten Äste aus. In seinem Schatten liegt ein wasserloses Schwimmbecken, aus dem die hölzerne Skulptur „Der Meteorit“ von Klaus Schmitt, einst Meisterschüler bei Zero- und Nagel-Künstler Günther Uecker, ragt.

Daneben schimmert ein metallener Laubengang durch wild rankenden Wein, davor blüht es in üppigen Beeten und blassen Terrakottatöpfen. Zwischendrin sind genauso unaufdringlich wie wirkungsvoll weitere Kunstwerke platziert. Besonders erwähnenswert sind die gusseisernen Figuren des Bildhauers Georg Etll, zu dem Gerda-Marie Voß über viele Jahrzehnte eine freundschaftliche Beziehung pflegte – und nun, gemeinsam mit dessen Tochter Renate, den Nachlass verwaltet und auch verkauft.

Ein Wohnhaus, erbaut von Bernhard Pfau

Typische Ettls, das sind menschliche Figuren im Profil, mit Köpfen ohne Gesichter, meist nackt und ohne Arme – sowie die riesengroße „Frau“, die am Abteiberg in Mönchengladbach steht.

Wow! Welch ein erster, zugegeben etwas längerer erster Eindruck. Gerda-Marie Voß serviert, auch um die Gedanken sortieren zu können, ein Tässchen Tee, bei dem natürlich geklärt werden muss, wie es zu diesem, man darf ganz ohne Übertreibung schreiben, Gesamtkunstwerk kommen konnte.

Zunächst der Name: Villa V. V wie die Hausnummer Vier, wie Viersen, wie Voß und, augenzwinkernd, wie Pfau. Letzterer war Bernhard Pfau (1902-1989), berühmter Bauhaus-Architekt, der unter anderem das Schauspielhaus in Düsseldorf entwarf. Und der 1931/32 für den Unternehmer Walter Kaiser („Kaiser’s Kaffee“) ein, tja, standesgemäßes Einfamilienhaus errichtete: mit mehreren Kinderzimmern – einige davon werden heute an Gäste vermietet, inklusive Frühstück auf der Treppenempore.

Niederrhein - Nizza - Niederrhein

Wie seine Besitzerin so hat auch dieses Gebäude eine interessante Geschichte hinter sich. Es wurde 1945 von der alliierten Besatzungsbehörde beschlagnahmt und diente fortan als Wohnhaus für hohe Offiziere, bis zum Abzug der Briten aus Germany.

Vor nunmehr sieben Jahren wurde die Diplomingenieurin der Fachrichtung Innenarchitektur, die in Mönchengladbach geboren wurde, in Braunschweig, Belgien und Nizza lebte, und wieder in ihrer Geburtsstadt als Kunsterzieherin arbeitet, auf das dornröschenschlafende Haus aufmerksam, das seit 1995 unter Denkmalschutz steht.

Traumvilla und Kunstort

Aus dem Besitz der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben ersteigerte sie das „Wohnhaus 1 Walter Kaiser“, wie es offiziell hieß – und versucht seither, einen Lebenstraum zu erfüllen: Die Villa V soll Kunstort mit Wechselausstellungen und Begegnungsstätte mit Kulturabenden sein.

Besucher also sind herzlich willkommen – und sollten etwas Zeit mitbringen. Denn ein erster Blick, der reicht hier nicht aus.

>> INFOS:

Das Haus: Villa V, Burgstraße 4, 41747 Viersen, Telefon: 02162/890 45 45, Internet: www.villa-v.de, Anfahrt über die A52 oder A61 (Ausfahrt Viersen), parken direkt vor dem Haus oder fußläufig kostenfrei möglich

Ein Besuch: Jeden Mittwoch zwischen 16 und 20 Uhr öffnet Gerda-Marie Voß ihr Haus für Besucher. Unter anderem ist ein Blick auf den Nachlass von Georg Ettl möglich. Darüberhinaus veranstaltet sie mindestens einmal im Monat Kulturabende (Termine siehe Internet).

Vermietung / Übernachtung: Die Räume können für Kochevents, Seminare etc. angemietet werden. Es gibt zwei Gästezimmer (mit einem gemeinsamen Bad) im Obergeschoss, die auch über airbnb.de und booking.com gebucht werden können.

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