Der „Mythos Bökelberg“ ist museumsreif – eine Ausstellung

Titelbild der Ausstellung: Günter Netzer im Stadion am Bökelberg.

Titelbild der Ausstellung: Günter Netzer im Stadion am Bökelberg.

Foto: Ingo Plaschke

Am Niederrhein.  Das Stadion der „Elf vom Niederrhein“ war immer mehr als ein Fußballplatz. In einer Ausstellung werden die alten Geschichten erzählt - fast alle.

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Drei, vier Schritte bloß, und schon ist man drin, in dieser Ausstellung, die so gar nicht nach bildungsbürgerlichem Museum aussieht; und schon gar nicht so klingt. Aus dem Hintergrund ertönt ein fußballtypischer Fangesang, in der Vitrine hinter Glas liegt der Stollenschuh von Berti Vogts. Ein ziemlich kaputtes Stück Leder, in denen der Terrier seine gegnerischen Spieler in die Waden biss. Damals, in den 1970er Jahren, dem goldenen Jahrzehnt von Borussia Mönchengladbach.

Mit einem gedanklichen Klick sind sie sofort da, die gänsehautschönen und tränenreichen Erinnerungen an Netzer, Wimmer und Co. Zum Beispiel der Pfostenbruch im Bundesligaspiel am 3. April 1971 gegen Werder Bremen. Das Video zu dieser Torheit ist auf einem kleinen Monitor zu sehen. Oder der 7:1-Sieg im Europacup gegen Inter Mailand am 20. Oktober 1971, der aber wegen des Büchsenwurfes eines Zuschauers nicht gewertet wurde. Dazu hängt ein blau-schwarzes Trikot im Raum, es ist aber nicht jenes vom Umfaller Roberto Boninsegna.

Unter Hennes Weisweiler wurde der Mythos Bökelberg geboren

Einerseits war der Bökelberg für echte Länderspiele immer zu klein gewesen. Andererseits war das Stadion der „Elf vom Niederrhein“ spätestens nach diesem beiden Ereignissen deutschlandweit bekannt, europaweit berühmt, vielleicht sogar weltweit ein wenig berüchtigt.

In der Ära der legendären Fohlenelf von Trainer Hennes Weisweiler wurde eben nicht nur diese Mannschaft, sondern auch ihre Heimspielstätte zu etwas Besonderem. Damals wurde auf dem Bökelberg ein Mythos geboren.

„Mythos Bökelberg“ also. Der Name zu dieser Sonderausstellung lag natürlich nah, weil dieses Wortpaar noch immer zum Sprachinventar eines jeden Fußballfan mit der Raute im Herzen gehört (hier lesen Sie einen weiteren Text über den unvergessene Bökelberg). Heute klingt dieser Stadionname angenehm, weil werbefrei und nostalgisch, stellvertretend für eine Zeit, in der noch keine Jungmillionäre in Arroganz-Arenen kickten.

„De Kull“: ein neuer Fußballplatz in München-Gladbach

Nein, diese Schau im Städtischen Museum auf Schloss Rheydt ist aber nicht nur eine Würdigung jener Zeit zwischen 1970 und 1979, in der die Borussia aus Mönchengladbach öfter als die Bayern aus München Deutscher Meister wurde. Der Blick geht sehr viel weiter und sehr viel tiefer zurück – bis in die Weimarer Republik. 1919 bekam die Stadt, die damals noch und ausgerechnet München-Gladbach hieß, einen neuen Fußballplatz.

Anfangs war das Spielfeld namen- und auch ein bisschen trostlos. Ein Spielfeld mit Rängen auf Hängen und einer überschaubaren Mauer drumherum. Irgendwo ist von einem „Naturstadion“ zu lesen, erzählt Museumsleiter Karlheinz Wiegmann und fügt grinsend hinzu: „Wenn es regnete, rutschten die Hänge und damit Zuschauer ab.“

Schwarz-weiße Bilder in Großformat dokumentieren den bescheidenen Beginn des später sagenumwobenen Bökelberges, der bis zu der Zeit des Klubmanagers Rolf Rüssmann immer auch eine Baustelle war. Unzählige Umbaupläne, die an den Wänden hängen, zeugen davon. Besonders eindrucksvoll ein Luftbild des Stadions aus Mitte der 1970er Jahre: Ein solcher Bau, mitten in einem Wohngebiet, würde heute mit Sicherheit von keiner Behörde mehr genehmigt werden.

Ein Journalist erfand die Fohlenelf und den Bökelberg

Vom Bökelberg war fast vier Jahrzehnte lang keine Rede. Ein Jahr nach der feierlichen Einweihung, als zuerst die Turnerabteilung des Vereins für Leibesübungen, kurz VfL, auf den Rasen durfte, wurde das Spielfeld ganz offiziell und ganz unbescheiden „Westdeutsches Stadion“ getauft. Kurios: Eine Saison später holte sich der Verein seinen ersten Titel und wurde Westdeutscher Meister.

Weil der Sportplatz aber mitten in alten Kiesgrube lag, nannte ihn der Volksmund schlicht und einfach: „de Kull“. Der Spitzname klingt fast wie Kult, doch bis dahin dauerte es noch einige Jahrzehnte. Es war der einheimische Journalist Wilhelm August Hurtmanns, der unter anderem für das Fohlenecho schrieb – und der nicht nur das Wort „Fohlenelf“ beflügelte, sondern auch den „Bökelberg“ erfand. Vermutlich in Anlehnung an das Stadion auf dem Betzenberg in Kaiserslautern.

Pfostenbruch, Büchsenwurf und zum Schluss die missglückte Sprengung

Auch diese Anekdote erzählt der Karlheinz Wiegmann schmunzelnd. Zum Vergleich: Die Spielstätte von Fritz Walter und Co. steht auf einem 285 Meter hohem Hügel. Die höchste Erhebung in Mönchengladbach ist die Rheydter Höhe, ein 133 Meter hoher Trümmerhaufen, auf dem der Schutt des zweiten Weltkrieges abgelagert wurde. Tatsächlich gibt es sogar einen Bökelberg, sogar im Stadtteil Eicken, allerdings einige Meter vom Stadionplatz entfernt: die Kaiser-Friedrich-Halle steht darauf; diese Laune der Natur misst exakt 60,4 Meter über dem Meer.

Auch diese Anekdote ist nur ein Rätsel, dass das Stadion mit Namen Bökelberg seiner Nachwelt hinterließ. Selbst seine Zerstörung war ein Knaller. Im Video ist die zunächst missglückte Sprengung aus dem Jahr 2006 zu sehen. Ein Teil der Tribüne und zwei Flutlichtmasten blieben zunächst stehen. Nun, das Ende ist bekannt – doch irgendwie ist der Bökelberg noch immer da.

INFO: Über die Ausstellung, die bis zum 19. April 2020 zu sehen ist

Ausstellung „Mythos Bökelberg“ bis zum 19. April 2020 im Städtischen Museum Schloss Rheydt, Schlossstraße 508 in Mönchengladbach, di-fr 11 bis 17 Uhr, sa+so 11 bis 18 Uhr, sechs Euro, www.schlossrheydt.de.

Magazin „Mythos Bökelberg“ zur Ausstellung von Markus Aretz, Leiter der Kommunikation bei Borussia Mönchengladbach, eine Zusammenfassung seines gleichnamigen Buches aus 2003, ergänzt um eine wohl überlegte Liebeserklärung von Museumschef Karlheinz Wiegmann, 9,90 Euro.

App „Mythos Bökelberg“, kostenlos im App Store. Theaterregisseur und Schauspieler Tobias Wessler, der Macher der Borussia-Revue, erklärt Teile der Ausstellung. Sehens- und hörenswert!

Übrigens: Der Weg zum ehemaligen Stadion am Bökelberg in Mönchengladbach führt in die Bökelstraße, dort gibt es ein kleines Erinnerungsgrün

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