75 Jahre NRZ

Die NRZ in den 1980er Jahren: Überall in der Welt präsent

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Chefredakteur Jens Feddersen hatte den Anspruch, überall in der Welt präsent zu sein.

Chefredakteur Jens Feddersen hatte den Anspruch, überall in der Welt präsent zu sein.

Foto: NRZ

Essen.  Als Regionalzeitung hatte die NRZ den Anspruch, über und auch von der ganzen Welt zu berichten. Vorreiter dieses Prinzips: Jens Feddersen.

Jeden Mittag tritt die Redaktionskonferenz in Essen zusammen. Diese Konferenzen sind mehr als eine übliche Arbeitsbesprechung. Gewiss, hier wird auch über die Themen des Tages diskutiert - hier stellen die einzelnen Ressorts vor, worüber sie in der nächsten Zeit berichten wollen. Die Konferenz ist aber auch eine Bühne: Hier wird Öffentlichkeit hergestellt, Redaktionsöffentlichkeit.

In der Konferenz wird Lob verteilt, aber auch getadelt. Hier werden Kollegen zu Typen - hier werden Rollen erlernt und auch wieder aufgegeben. Es gibt Konflikte zwischen den Ressorts, auch kleine Rivalitäten. Die Konferenz befeuert so den kreativen Prozess. Sie ist der Ort, an dem die einzelnen Redakteure über ihre Arbeit gemeinsam nachdenken.

Feddersens Gespür für populäre Themen war legendär

Ist es wirklich angemessen, dass die Leute vom Vermischten soviel Platz für ihre bunten Meldungen beanspruchen,wo es doch soviel Hintergründiges zu berichten gäbe, denken die Kollegen aus dem Politik-Ressort. Nicht anders ist die Stimmung bei den Redakteuren des Vermischten - nur setzen sie natürlich die Vorzeichen umgekehrt. Und dann gibt es auch noch den Sport, die Kultur - sowieso Welten für sich.Über diesen Rivalitäten, Sticheleien und Wortduellen - die mal spritzig, eloquent und witzig, mal aber auch verletzend und barsch sein können - stand Ende der 1980er der Chefredakteur: Jens Feddersen - die lebende Legende.

Er steuerte in dieser Zeit auf das dritte Jahrzehnt seiner Amtszeit zu. Längst ist er zu einem Mythos geworden - in seiner Redaktion sowieso, aber auch in der deutschen Presse-Szene insgesamt. „NRZ - das ist doch Jens Feddersen?", so hörten es die Journalisten regelmäßig bei Terminen oder Pressekonferenzen, wenn sie erzählten, für welche Zeitung sie arbeiteten. Vor allem Feddersens Gespürfür populäre Themen war legendär. So kam ihm in der Redaktionskonferenz die entscheidende Rolle zu, er war die letzte Instanz. Gewiss, sein ureigenes Fachgebiet war die Politik. Und er genoss es, wenn er mit seinen Kollegen über die aktuelle Weltlage debattieren konnte.

Anspruch der NRZ: Täglich exklusive Nachrichten liefern

Da ging es dann genauso um Detailfragen des US-Verteidigungshaushaltes wie um die neueste Wendung in der Politik Jugoslawiens, die vor allem Feddersens Stellvertreter, der Ost-Europa-Experte Herbert Straeten, genau im Blick hatte. Und so konnte sich manchmal der Eindruck einstellen, hier sitze man nicht am Konferenztisch einer Regionalzeitung, sondern im Beraterstab des US-Präsidenten - vielleicht kam Henry Kissinger auch gleich vorbei.

Feddersen liebte solche Debatten - schöpfte er doch dann aus dem Vollen und steuerte Anekdoten aus den letzten Jahrzehnten bei. Und natürlich, solche Momente waren für ihn und auch seine Kollegen ein Beweis dafür: Die NRZ mochte ihren Schwerpunkt in der Rhein-Ruhr-Region haben, ihr Anspruch war doch ein anderer: Zeitung für Menschen, die denken - in ganz Deutschland.

So wurde denn stolz vermeldet, wenn es eine Exklusiv-Meldung, ein Zitat aus dem Leitartikel in die Presseschauen der Radio- und Fernsehsender geschafft hatten. Das war in diesen Jahren an fast jedem Tag der Fall. Die Agenturen lieferten zwar täglich Nachrichten, die liefen bei den anderen Zeitungen auch durch den Ticker. Der durchaus sportliche Ehrgeiz der NRZ-Redakteure war es aber, unabhängig davon den Lesern jeden Morgen eigene Nachrichten zu präsentieren, die exklusiv nur in der NRZ zu finden waren.

Die NRZ war überall in der Welt präsent

Wie schaffte man das? Man musste dort präsent sein, wo die anderen Zeitungen nicht waren. Wenn Ost-Europa-Experte Herbert Straeten eine Recherchereise durch Osteuropa machte, dann brachte er nicht nur zahlreiche Reportagen mit zurück nach Essen. Unterwegs war er auch immer auf der Suche nach Nachrichten - sie konnten sich aus Hintergrund-Gesprächen mit Experten vor Ort ergeben und auch dadurch, dass er zufällig gerade an einem Ort war, wo tatsächlich etwas geschah, das Nachrichtenwert hatte. Nach diesem Ansatz arbeitete nicht nur Straeten, er galt für alle Redakteure.

Der Journalist ist immer im Dienst. Er muss aber auch die Möglichkeit haben, überall zu sein. „Auch wenn wir eine Regionalzeitung waren, hatten wir den Anspruch, über und auch von der ganzen Welt zu berichten", beschreibt Straeten im Rückblick dieses Konzept. „Für andere Regionalzeitungen in der Region begann hinter Unna Sibirien. Die waren nur auf ihr Einzugsgebiet fixiert. Entsprechend war auch das Niveau: Altöttinger Tageblatt mit dem Anzeigenteil des Ruhrgebietes." Der Vorkämpferfür dieses Prinzip war Jens Feddersen - er sorgte dafür, dass dieser Anspruch, überall in der Welt präsent zu sein, was für die NRZ selbstverständlich war.

Dietrich Oppenberg war wichtiger Unterstützer Feddersens

In Herausgeber Dietrich Oppenberg fand Feddersen allerdings auch einen wichtigen Unterstützer, der ihm - etwa im Hinblick auf mögliche Kosten, Reisen sind schließlich nicht billig - gegenüber dem Verlag den Rücken frei halten konnte. Dieser Ansatz galt aber nicht nur im Hinblick auf die große Politik, sondern auch auf den Sport. „Auch hier war selbstverständlich, dass wir bei großen Sportereignissen vor Ort waren und von dort berichtet haben. Etwa von den Olympischen SpieJen oder den Fußball-Weltmeisterschaften“, erinnert sich Reinhard Schüssler,der viele Jahre die Sportberichterstattung der Zeitung geprägt hat.

Aber trotz dieser Vorliebe für die große Politik, Jens Feddersen hatte auch Sinn für die bunten Themen. In Konflikten mit der Politik-Redaktion war er der Fürsprecher des Vermischten. Feddersen war kein Theoretiker, ihm war wichtig, dass die Zeitung ihre Leser ansprach und berührte.„Kinder, ich will sie weinen sehen", hieß ein Standardspruch von ihm. Er hatte aber auch etwas gegen Klugscheißerei - Feddersen war Pragmatiker.

Feddersen: "Die Zeitung ist kein Lexikon"

Ein alter Trick von Redakteuren, wenn sie keine Lust auf ein Thema hatten, war der Verweis, darüber sei doch erst vor kurzem schon geschrieben worden. Feddersens Antwort:„Die Zeitung ist kein Lexikon."

Symbol für die Nähe, die Feddersen zu den Lesern suchte, war der Bierdeckel.Tag fürTag brachte er einen solchen Deckel mit in die Konferenz, vollgeschrieben mit Themenvorschlägen. Sie resultierten aus Anregungen, die er in seiner Lieblingskneipe „Schinkenkrug" in Essen-Rüttenscheid bekommen hatte, wo Feddersen auf seinem Nachhauseweg nach Heiligenhaus-Isenbügel stets Station machte.

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