Unterwegs auf dem Erftradweg

Erftradweg: Vorbei an Kohle, Korn und dem Café von Heino

Hier geht es offiziell los, an der Quelle der Erft bei Nettersheim.

Hier geht es offiziell los, an der Quelle der Erft bei Nettersheim.

Foto: Ingo Plaschke

Am Niederrhein/In der Eifel.Wenn ich schon mal da bin, übrigens zum ersten Mal in meinem Leben, will ich wenigstens „Hallo“ sagen. Also den Hügel über Bad Münstereifel hinauf, zum Kurhotel, in dem der berühmteste Barde von Deutschland ein Café betreibt: Heino.

„Sie haben Glück“, ergänzt die Frau an der Kuchentheke, als ich eine Tasse Kaffee und ein Stück Haselnusstorte bestelle. „Das ist seine Zeit, gleich kommt er zum Frühstück.“ Oha. Ich gucke auf die Uhr, es ist kurz vor Elf.

„Gutennn Morgennn“ dröhnt die unverwechselbare Bariton-Stimme um die Ecke. Da steht er tatsächlich – mit einem Brötchenkorb in der Hand. Schwarze Hose, schwarzes Hemd, schwarze Sonnenbrille, blondes Haar und ein strahlend weißes Lächeln im Gesicht.

Hallo Heino, sage ich, ich nehme an, das ist dein zweites Frühstück. Da guckt er mich freundlich und doch ernst an: „Nein, nein. Ich bin 80, ich lasse es etwas ruhiger angehen.“ Na denn, guten Appetit.

Wir plaudern noch kurz, und auch das Selfie draußen vor dem Haus ist für den bekanntesten Einwohner des Eifeldörfchens überhaupt kein Problem, „sehr gerne“.

Ein Spaß in der Eifel: Taufe an der Quelle

So – das muss jetzt aber reichen, immerhin liegen noch knapp 100 Kilometer vor mir. Ich bin auf dem Radweg an der Erft unterwegs. Von der Quelle bis zur Mündung, von Holzmülheim bei Nettersheim bis Grimmlinghausen bei Neuss, von der Eifel an den Niederrhein. Ein tageslanger Heimweg.

Die Tour beginnt am Ursprung des 106,6 Kilometer langen Flusses, der direkt an der B51 liegt, 520 Meter über dem Meeresspiegel. Hier sprudelt das Wasser nicht einfach so aus dem Fels heraus, der beschauliche Beginn ist mit Natursteinen ummauert und durch ein Eisengitter geschützt. Nebenan wacht der heilige Nepomuk, dass niemand auf der kleinen Holzbrücke ausrutscht und ins steinige Bachbett knallt.

Und Ulrich Lübcke ist ja auch noch da. 71 Jahre alt ist er, kommt ursprünglich aus Haselünne, wohnt seit 40 Jahren in dem Örtchen und kümmert sich um die Liegewiese, den Grill- und Spielplatz nebenan. Ehrenamtlich, „einer muss es doch machen“.

An diesem Freitagmorgen mäht er den Rasen. Nachdem wieder Ruhe eingekehrt ist, wird schnell klar: Herrn Lübcke kann wohl niemand das Wasser reichen, wenn es um die Erft geht. Eine seiner Anekdoten: Früher konnte man an der Quelle getauft werden und den Titel eines „Erftkadetten“ erhalten. Warum das heute nicht mehr gemacht wird, weiß aber selbst der Platzwart nicht. Schade jedenfalls.

Kein Schatten in der Niederrheinischen Bucht

Es ist nicht die einzige Frage, die auf auf meiner Fahrt unbeantwortet bleibt. In Kreuzweingarten, einem Vorort von Euskirchen, kurve ich kurz orientierungslos durch das Kaff – auf der Suche nach einem archäologischen Überbleibsel jener legendären Wasserleitung, die einst die Römer bauten, um das antike Köln zu versorgen. Vergebens, und in der menschenleeren Mittagssonne kein Vergnügen.

Hinter mir liegt das sanfthügelige und dicht bewaldete Ahrgebirge, vor mir erstreckt sich endlos tief die Niederrheinische Bucht. Äcker mit Rüben und Felder mit Getreide bis zum Horizont, zwischendurch recken sich Kirchtürme und Windräder in den brutalblauen Himmel hinein. Schatten, weder breit noch weit.

Mittendrin dümpelt die Erft, unaufgeregt und allzu oft schnurgerade. Das Flüsschen leidet, wie viele andere Wasserläufe auch, unter der zeitgeistigen Fehlplanung der Vergangenheit. Dem Steckbrief des Landesumweltamtes ist ein mäßiger bis schlechter ökologischer Zustand zu entnehmen, nicht zuletzt auf Grund des Braunkohletagebaus.

Spannend wäre es gewesen, in der Dauerausstellung im Schloss Paffendorf in Bergheim darüber zu lesen, leider war der Backsteinbau aus dem 16. Jahrhundert wegen eines Abendkonzertes gesperrt.

Willkommen am Niederrhein, denke ich, als mich ein rot-weißes Radwegeschild nach Brüggen irre führen will. Ist aber ein Ortsteil von Kerpen. Dennoch: Kopfweide über Kopfweide reiht sich am Rand der kanalisierten Erft aneinander, ein versöhnlicher Anblick auf dem Weg nach Bedburg, wo die Erft endlich wieder mäandern darf.

Museum für die niederrheinische Seele

Still und leise schlängelt sich der Fluss am Werksgelände von RWE, früher Rheinbraun, vorbei. Das Kraftwerk Neurath dampft, der Kohlemeiler in Frimmersdorf ruht: bis 2021, als nationale Sicherheitsreserve. Eine imposante Geisterstadt, gespenstisch einsam am Ufer gelegen.

In Grevenbroich ist ein Besuch des Museums für die niederrheinische Seele Pflicht. Ab in die erste Etage: Heißt es nun „Grevenbroch“ oder doch „Grevenbreuch“?

Ganz ehrlich, mich plagt anderes – mein verschwitzter Pavian-Hintern. Die Museumsinsel Hombroich kurz vor Neuss lasse ich links liegen und fahre direkt zur Mündung der Erft in den Rhein. Nebenan ist übrigens ein schöner Biergarten.

>> INFO:

Erft-Radweg von der Quelle in Holzmülheim bei Nettersheim bis zur Mündung in den Rhein in Grimmlinghausen bei Neuss. Knapp 110 Kilometer lang, zugehörig zur Niederrheinroute.

Sportliche Radler fahren die Erft an einem Tag. Bei NRW Tourismus heißt es: „In zwei oder drei Etappen lässt sich der Weg gut meistern... ab Bad Münstereifel geht es ausschließlich bergab... nahezu ohne störenden Verkehr.“

An- und Abfahrt mit dem Zug von den Bahnhöfen in Nettersheim und Neuss möglich (zehn Kilometer bis zur Quelle, fünf Kilometer bis zur Mündung).

Sehenswürdigkeiten direkt an der Strecke: Apothekenmuseum in Bad Münstereifel, Schloss Paffendorf in Bergheim, Museum für die niederrheinische Seele in Grevenbroich, Museumsinsel Hombroich in Neuss.

Die Radstrecke im Internet: www.erftweg.de . Infos zu Unterkünften: www.nordeifel-tourismus.de, www.rhein-erft-tourismus.de, www.neuss-marketing.de

Leserkommentare (1) Kommentar schreiben