Hannes Vogel

Hannes Vogel pflanzte ein Stück Niederrhein in der Schweiz

Erklärtafel der Kunstinstallation „Zwischen Rom und Xanten“ im schweizerischen Kaiseraugst.

Erklärtafel der Kunstinstallation „Zwischen Rom und Xanten“ im schweizerischen Kaiseraugst.

Foto: Ingo Plaschke

Xanten/Kaiseraugst/Rom.  In Kaiseraugst erinnert Hannes Vogel an einen Römerweg. Sein Kunstwerk war zerstört und wurde – mit Hilfe der Niederrheinredaktion – repariert.

Da steht man also in der Schweiz, genau genommen in Kaiseraugst, eine Viertelautostunde von Basel entfernt, blickt hinunter ins Gras und sieht: ein Stück Niederrhein.

„Xanten“ ist im Grün zu lesen, ebenso „Rom“. Die einzelnen Buchstaben der beiden Wörter sind hinterereinander in einer Wiese aufgereiht, ab der Dämmerung schimmern sie magisch und neonblau.

Was soll das? Ausgerechnet hier, mitten in einem Gewerbepark, Luftlinie rund 900 Kilometer von der Hauptstadt in Italien und etwa 600 Kilometer von der Kleinstadt im Kreis Wesel entfernt.

Niederrhein ist überall, hat Hanns-Dieter Hüsch einmal gesagt, doch er meinte es überhaupt nicht geografisch. Die Antwort auf die Frage reicht 2.000 Jahre zurück. Als Xanten noch die Colonia Ulpia Traiana und Kaiseraugst die Colonia Augusta Rauricorum war.

Darauf muss man erst einmal kommen! Der Künstler, der den Weg der Erleuchtung anlegen ließ, heißt Hannes Vogel. Er stammt aus Graubünden, wurde 1938 in Chur geboren und lebt nun in einem Turmhaus in Mathon.

Zwischendurch arbeitete und wohnte er auch in Basel. Von daher blieb ihm die altrömische Vergangenheit dieser Stadt und Umgegend nicht unbekannt. Augusta Raurica, das heutige Kaiseraugst, wurde wohl 44 v. Chr. gegründet, war später ein Knotenpunkt von mehreren Handelswegen im Römischen Reich mit einer Brücke über den Rhein, kurz damals das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum der Region.

Käufer, Künstler, Freundschaft

Mit diesem Wissen im Hinterkopf reiste der Maler, Fotograf, Texter und Konzeptkünstler erstmals an den Niederrhein, irgendwann in den 1980er Jahren – auf Einladung des Kunstsammlers Klaus Maas.

Der Bauunternehmer betrieb damals in Moers die Galerie Linie, heute führt er mit Klaus Krämer das Museum DKM in Duisburg. Zum Inventar des wunderbar inspirierenden Hauses gehören auch Arbeiten von Hannes Vogel.

Ihre Verbindung ist „innerhalb von 40 Jahren zu einer tiefen Freundschaft gewachsen“, schwärmt Klaus Maas. Der Idealfall einer Käufer-Künstler-Beziehung, in der Geld längst nicht mehr alles ist.

Hannes Vogel und dessen Frau Petruschka führten ihn in die Berge, umgekehrt führte er sie in die niederrheinische Tiefebene – unter anderem ins Amphitheater in Birten und in den Archäologischen Park in Xanten. Eccum vide!

Siehe da! Das kam dem Gast aus der Schweiz nur allzu bekannt vor. Auch in Kaiseraugst gibt es eine wiederhergestellte halbrunde Spielstätte, ausgegrabene Thermalbäder und ein Museum der Römer.

Zum Glück gehört zu den Eigenschaften eines Künstlers, etwas querer und weiter als alltägliche Zeitgenossen zu denken – und so entwickelte Hannes Vogel die Idee zu seiner Visualisierung der ehemaligen Römerstraße.

Genau an jener Stelle, an der Altertumsforscher auf steinerne Überreste dieses uralten Handelsweges stießen. Zufällig gehört das Gelände heute der Firma F. Hoffmann-La Roche, einem der größten Pharmaunternehmen der Welt. Hauptsitz ist Basel, ein weiterer Standort ist Kaiseraugst.

Der börsennotierte Konzern, Jahresumsatz 56,8 Millionen Schweizer Franken und 94.000 Mitarbeiter rund um den Globus, erteilte den Auftrag für die Kunst im öffentlichen Raum und finanzierte das Werk, das jederzeit frei zugänglich ist.

Auf den ersten Blick kommt einem dieser Anblick angenehm vertraut vor. Die Allee von Pappeln ist schon von weitem sichtbar. Kurios: Die Baumreihe verläuft abseits einer Straßenkreuzung, quasi querfeldein, scheinbar beginnt und endet sie im Nichts. Sowieso sollte man schon aus dem Auto aussteigen, den Weg abschreiten und dabei die beiden Erklärtafeln zu diesem außergewöhnlichen Ort lesen.

Exakt 112 Populus nigra Italica, für Nicht-Botaniker: italienische Säulenpappeln, pflanzte Hannes Vogel in den Boden, jeweils in einem Abstand von je fünf Metern. Dazwischen setzte er die Leuchtbuchstaben ein: „Xanten“ rheinabwärts, „Rom“ rheinaufwärts.

Mit dieser Art der Darstellung machte Hannes Vogel dieses Fleckchen Erde, das längst vergessen und Jahrhunderte lang verschütt gegangen war, zu einem erinnerungswürdigen Ort für das kollektive Gedächtnis.

22 Jahre ist das nun schon her, die Pappeln wuchsen weiter gen Himmel und auch immer wieder Gras über das Kunstwerk – bis wohl ein Trecker beim Rasenmähen über die Leuchtbuchstaben rollte.

Zufall, Sterben, Tod

Vermutlich hätte dieser Verlust niemanden „Zwischen Rom und Xanten“ gestört, wenn nicht der Zufall den Künstler mit dem Autor dieser Zeilen zusammengebracht hätte. „Es gibt keine Zufälle“, sagt Klaus Maas dazu und schmunzelt.

Zur Begegnung kam es im Museum DKM in Duisburg, im vergangenen Oktober, anlässlich der Ausstellung „Sterben und Tod“ mit schwarz-weißen Zeichnungen von Hannes Vogel. Bei Espresso und Wasser kam das Gespräch irgendwann auf Kaiseraugst.

Journalist: „Die Arbeit gucke ich mir an!“ Hannes Vogel: „Ehrlich? Moment. Erst fahre ich mal vorbei und gucke, wie es da heute aussieht.“

Gesagt, getan. Nachdem Hannes Vogel den kaputten Zustand seines Werkes sah, rief er beim Eigentümer an, F. Hoffmann-La Roche, und bat um eine Instandsetzung. Gefragt, getan. Seitdem schimmert ein Stück des Weges „Zwischen Rom und Xanten“ in der Dämmerung wieder magisch und neonblau.

>> INFO

Der Weg zum Kunstwerk „Zwischen Rom und Xanten“: A5 Richtung Basel, A98 Richtung Rheinfelden, erste Ausfahrt direkt am Zollamt Richtung Kaiseraugst, im ersten Kreisverkehr zweite Ausfahrt, im zweiten Kreisverkehr erste Ausfahrt, im dritten Kreisverkehr zweite Ausfahrt, den Wurmisweg bis zur Ecke Hirsrütiweg – auf der linken Seite steht die Pappelallee. Auto parken am Straßenrand möglich. Das Gelände ist öffentlich zugänglich.

Mehr über Hannes Vogel auf seiner Homepage: www.hapevogel.com. Im Museum DKM gehören seine Werk zur Sammlung, www.museum-dkm.de.

Reminiszenz: Während der Arbeit an dieser Geschichte verstarb Petruschka Vogel, die Frau des Künstlers und selbst Künstlerin. Bis zuletzt unterstützte sie mit großen Interesse die Recherche des Autors – aufrichtigen Dank!

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