Heinz Henschel

Heinz Henschel: Die große Kunst des Unbekannten

Ausschnitt aus einem typischen Werk von Heinz Henschel. Ohne Titel. Der Fantasie sind scheinbar keine Grenzen gesetzt.

Ausschnitt aus einem typischen Werk von Heinz Henschel. Ohne Titel. Der Fantasie sind scheinbar keine Grenzen gesetzt.

Foto: Matthias David Verlag

Am Niederrhein.   Wer war Heinz Henschel? Wieso verheimlichte er sein Werk? Was wollte er mit seinen Bildern ausdrücken? Eine rätselhafte Ausstellung in Kevelaer.

Die Frage ist: Was ist unglaublicher: die Bilder oder der Künstler? Eine Antwort darauf kann jeder Besucher der Ausstellung „Oh wie schön, dass niemand weiß...“ von Heinz Henschel in Kevelaer für sich selbst finden.

Ort dieser Suche ist die zweite Etage in einem der ältesten Wohngebäude am Niederrhein. Das Haus Gesselen, auch Haus te Gesselen genannt, ist ein ehemaliges Rittergut in Wetten nahe der Niers. Ein Bau der Gotik aus dem 15. Jahrhundert, mit Brandsteinen und Eichenholz errichtet. Privateigentum – und allein deshalb nun einen Besuch wert.

In sechs Räumen hängen rund 130 Bilder. Eine bescheidene aber typische Auswahl aus dem Gesamtwerk, das 1250 Arbeiten umfasst, inklusive der Skizzen. „Der repräsentative Querschnitt eines riesigen Schatzes“, schwärmt Matthias David.

Laut dem Testament des Künstlers wurde er zum Verwalter des Henschel’schen Nachlasses. Die beiden waren früher mal Nachbarn, später Freunde. Um „meine Aufgabe“ zu erfüllen, wie er es nennt, zog der EDV-Fachmann in seinem alten Job den Stecker. Seitdem befindet er sich „in einer dauerhaften Wechselausstellung.“

Von den vielen Aquarellen, Bleistiftzeichnungen, Collagen, Radierungen und Arbeiten mit Bunt- und Filzstift sowie Tusche erfuhr er aber erst, nachdem Heinz Henschel 2016 in einem Krankenhaus in Mönchengladbach verstarb. So wie der Rest der Welt jetzt auch.

Kurios an diesem Künstler nämlich war: Tagsüber arbeitete er als Feinmechaniker und Schlosser, nachts malte, ritzte und zeichnete er – für sich allein, ohne irgendein Aufhebens darum zu machen.

Ein Doppelleben am Niederrhein

Er machte alles bloß für sich. Eher selten verschenkte er ein Exemplar an Arbeitskollegen, Bekannte, Freunde oder Nachbarn, der übergroße Rest blieb in den heimischen Wänden in einem unscheinbaren Mietshaus in Viersen-Dülken.

Als „unbekanntes Genie vom Niederrhein“ wurde er dem staunenden Publikum im vergangenen Jahr erstmals präsentiert, bei der ersten Ausstellung von Henschel-Werken im Niederrheinischen Museum für Volkskunde und Kulturgeschichte in Kevelaer. 6.000 Besucher schauten sich die spektakulären Bilder an, ein neuer Hausrekord. Und nachdem in der 3Sat-Kulturzeit und WDR-Westart darüber berichtet wurde, kamen Menschen aus ganz Deutschland.

„Wanderer zwischen den Welten“ hieß die Schau. Der Titel führte zum Doppelleben des Mannes, der 1938 in Brockau bei Breslau geboren wurde, Anfang der 1950er Jahre von der DDR in die BRD flüchtete und seitdem im westlichsten Westen am Rand der Republik lebte. Er war kurz verheiratet, danach wohnte er allein, zurückgezogen bis zu seinem Tod.

„Ein introvertierter Typ“ sei er gewesen, sagt Matthias David. Umso schwieriger ist es für ihn, Licht ins Dunkel der Arbeiten zu bringen, die selbst für Fachleute ein Rätsel, ja beinahe ein Wunder sind.

Seine „besondere Beobachtungsgabe“, seine „meisterhafte Strichführung“ sowie die „Präzision der Arbeiten“ begeistert unter anderem die Kunsthistorikerin Nina Schulze vom Museum Schloss Moyland. Die Einordnung und Entschlüsselung der Bilder werde „noch ein paar Jahre“ dauern, schätzt sie; mindestens.

Immerhin: Die Geheimschrift, die Heinz Henschel entwickelte, konnte gelüftet werden. Übrigens von Amelie David, der Tochter des Nachlassverwalters.

Die Motive, die Heinz Henschel auf Papier, Pappe oder, ganz ehrlich, Frühstücksbrettchen entwarf, sind genauso vielfältig wie vielschichtig. Landschaften, Schiffe und Tiere, soweit die Darstellungen konkret sind. Der Übergang ins Abstrakte ist fließend, zum Teil in den Bildern selbst. Die Darstellungen von Kämpfern, Monstern und Wesen reichen tief und weit in die Welt von Fantasien hinein – bis ins Unerklärliche.

So ist es vielleicht kein Zufall, dass kaum ein Bild einen Titel trägt. Eines doch, ein Selbstporträt. Es zeigt Heinz Henschel, den unbekannten Künstler, der sich als Autodidakt alle Techniken und alles Wissen selbst aneignete, als Rumpelstilzchen, um ein loderndes Feuer tanzend – daneben steht handschriftlich geschrieben: Oh wie schön, dass niemand weiß...“.

>> INFO: Nur für kurze Zeit! Die Ausstellung im Haus Gesellen

Heinz Henschel: „Oh wie schön, dass niemand weiß...“,Radierungen und Zeichnungen. 10. Mai, 19 Uhr: Katalogvorstellung. 11. & 12. und 18. & 19. Mai, 10-17.30 Uhr: Ausstellung, Führungen 15 Uhr. Haus Gesellen, Kapellener Straße 4, 47625 Kevelaer-Wetten. Parken 500 Meter vorher, nicht barrierefrei. Info: www.verlag-david.de

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