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Kaldenkirchen: Corso Film Casino macht Kino in einem Saal

Im Corso Film Casino gibt es nur einen Saal – aber ausgesuchten Wein.

Im Corso Film Casino gibt es nur einen Saal – aber ausgesuchten Wein.

Foto: Ingo Plaschke

Kaldenkirchen.  Das Corso Film Casino in Kaldenkirchen zählt zu den ungewöhnlichsten Kinos in der Region. Es bietet ein ausgefallenes Ambiente – und viel Platz.

Freitagabend im klirrend kalten Kaldenkirchen bei Nettetal. Nicht nur auf der Grenzwaldstraße ist: nix los. Häuser reihen sich dunkel aneinander, die Wache der Freiwilligen Feuerwehr ruht, nur um die Ecke brennt noch Licht: „Corso Film Casino“ flammt es weiß auf rot von einem Reklameschild hinab auf den auto- und menschenleeren Asphalt.

Nebenan ist noch ein Ladenlokal erleuchtet. „The Savour“, ein „Concept Store“, wird Inhaber Harald Töpfer später erklären. Ein kleiner Raum für den großen Genuss: Allerlei Wein, Whiskey, 63 (!) Sorten Gin, Essig und Öle, auf Bestellung wirft ein Grillmeister draußen vor der Türe den Smoker an.

Saal und Service: Ein besonderes Kino

Welch ein seltsames Ambiente am Ende der niederrheinischen Welt, ein paar Meter weiter beginnen schon die Niederlande. Hier also steht es, das vielleicht ungewöhnlichste Kino in der Region: das Corso Film Casino. Herr im Haus ist Helmut Töpfer. Vorab am Telefon fragt er: „Waren Sie schon mal hier?“ Nein. Daraufhin verspricht er: „So etwas haben Sie noch nie gesehen.“ Stimmt.


An der Kasse sitzt heute, und nicht nur heute: Maria Töpfer, 79 Jahre alt, Rufname Mia. Das wird klar, als ein wohl bekanntes Paar das Kino betritt. „Mein Mann steht an der Theke. Gehen Sie mal ruhig durch“, sagt sie zu dem Autor dieser Zeilen und winkt ihn freundlich vorbei.

Viel Platz zu zweit oder alleine

Dann der erste Blick ins Corso Film Casino. Tatsächlich: Helmut Töpfer hat nicht zu viel versprochen. Ein-Saal-Kino. Unglaublich, das es so etwas heute noch gibt. Vor der Leinwand stehen links und rechts die beiden Pappkameraden Stan und Ollie. Davor: 128 Sitze in acht Reihen, plus ein paar lederne Barhocker am Tresen. Ein sehr kurioses Ambiente.

Die Plätze bestehen aus jeweils zwei Doppelsesseln, die leicht schräg gegen einen Tisch stehen. „Meine Idee“, verrät der Chef. Pärchen freuen sich darüber, und wer alleine kommt, hat viel Platz – genauso wie für die Beine, die nächste Sesselreihe ist fast zwei Meter entfernt.

Mit 14 aus der Schule ins Kino

„Möchten Sie etwas trinken?“, fragt Helmut Töpfer. „Wasser? Oder doch lieber ein Pils? Eins geht doch, trotz der Fahrerei.“ Genau. Prösterchen. Heute Abend wird „Malificent – Mächte der Finsternis“ mit Angelina Jolie gespielt. Das Publikum bleibt überschaubar. Vielleicht 20 Zuschauer machen es sich im Corso gemütlich.

„Nächste Woche läuft ‘Eiskönigin 2’, dann ist der Laden wieder voll“, sagt Helmut Töpfer. Er klingt dabei irgendwie überzeugend. „Mit 14 bin ich aus der Schule raus, habe im Kino angefangen, Vorführer und alles andere gelernt. Jetzt bin ich 80 Jahre alt, gehe auf die 81 zu. Sie können sich also ausrechnen, wie lange ich schon dabei bin.“ Lange. Sehr lange.

Einst größte Filmdiskothek in Westdeutschland

„In Kaldenkirchen sagt jeder ‘Helmut’ zu mir“, erzählt Herr Töpfer. Der Mann ist ein lebendes Lexikon der Dorfgeschichte. 35 Jahre lang führte er die Schauburg.

Einst war sie ein Lichtspieltheater aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts, 1967 machte er das „King’s“ daraus, die größte Filmdiskothek in Westdeutschland. „Erst wurde ein Stück eines Films gezeigt, dann Musik gespielt, dann wieder Film, dann wieder Musik und so weiter“ erklärt er das Prinzip.

Bedienung am Platz – per Telefon

Das „King’s“ ist längst Vergangenheit, das Corso Film Casino dagegen ist immer noch seine Gegenwart. „Wir punkten mit unserem Service“, davon ist der Kino-Macher überzeugt.

Fest steht: In der niederrheinischen Leinwand-Landschaft ist diese Art der Bewirtung einmalig. An jedem Doppelsessel steht eine Telefon auf dem Tisch. Mit Wählscheibe! Man nimmt den Hörer von der Gabel, dreht bis zu einer Nummer – und schon leuchtet hinten in der Küche auf einer Tafel ein Lämpchen auf. Dort nimmt ein Mitarbeiter den Anruf und die Bestellung entgegen und bringt diese, mit einer Taschenlampe um den Hals, an den Platz.

Sommelière sucht den Wein aus

Im Angebot: Popcorn und Süßigkeiten, Kaffee und alkoholfreie Getränke, Alt- und Weizenbier aus der Flasche, Pils vom Fass, Spirituosen und sehr wohl klingende Tropfen aus Spanien, Österreich und der Pfalz. Beim Wein kommt Sohn Harald vom Laden nebenan wieder ins Spiel, besser gesagt dessen Frau Jana, die eine ausgebildete Sommelière ist.

Beim Filmangebot ist Harald Töpfer von den Verleihern abhängig. Sogar noch ein bisschen mehr als seine Konkurrenz, weil er ja nur einen Saal zur Verfügung hat. Disney’s „Eiskönigin 2“ zum Beispiel muss er anfangs voll durchlaufen lassen. Montags, dienstags und donnerstags gibt es zwei, freitags und samstags drei und sonntags vier Vorstellungen. Dennoch gilt: „Mittwochs ist Ruhetag.“ Immer.

Ach ja, merkt Helmut Töpfer noch schnell an, bevor er das Saallicht herunterregelt: „Gucken Sie gleich an die Decke. Die Lichter da oben zeigen die Tierkreiszeichen an unserem Sternenhimmel. Die Installation habe ich zusammen mit der Sternwarte Bochum gemacht.“ Auch das: einmalig.

>>> Hier geht es zum Kinoprogramm im Corso Film Casino

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