Natur am Niederrhein

Klimawandel und Mensch bedrohen den Flussregenpfeifer

Ein junger Flussregenpfeifer.

Ein junger Flussregenpfeifer.

Foto: Peter Malzbender (Nabu)

Am Niederrhein.  Der Flussregenpfeifer ist klein, zart und bedroht – durch den Klimawandel, also durch den Menschen. Am Niederrhein brütet er – noch.

Der Flussregenpfeifer ist farblich ein ziemlich unauffälliger Dauerläufer in seinem Lebensraum. Sozusagen ein „Roadrunner“ auf Schlamm-, Sand- und Kiesflächen, am liebsten im Uferbereich von Süßgewässern.

Man muss schon sehr genau mit dem Fernglas hinschauen, um den gut getarnten Winzling überhaupt zu entdecken. Er ist gerade mal so groß wie ein Finkenvogel. Allerdings hat er höhere Haxen, womit er ganz beeindruckend über vegetationsarme Pisten pest.

Denn: Er ist sehr häufig auf der Suche von Würmern, Spinnen, Insekten, Larven und kleinen Weichtieren. Die hat er zum Fressen gerne. Dabei wird die Nahrung in Windeseile vom Boden oder der Wasseroberfläche aufgepickt.

Der Mensch, der natürliche Feind

Mit seinem zierlichen, kurzen Schnabel kann die Limikolenart sogar direkt unter weicher Bodenoberfläche lebendes Kleingetier ergattern. Der mitteleuropäische Brutbestand des Flussregenpfeifers wird auf etwa 13.000 bis 19.500 Brutvögel geschätzt. Nicht gerade üppig.

Zu Beginn dieses Jahrhunderts brüteten 4.300 bis 6.800 Brutpaare in Deutschland. Das ist immerhin der höchste Brutpaarbestand in Mitteleuropa.

Und wie sieht es in NRW aus? In unserem Bundesland schreiten aktuell jährlich wohl zwischen 500 und 750 Paare zur Brut. Allein für den Unteren Niederrhein sind knapp 150 Brutpaare des Flussregenpfeifers ermittelt worden.

Bei uns sind es Kies- und Sandanspülungen im Uferbereich von Rhein und Lippe, die mittels Hochwasser den Boden bereitet haben. Hierin buddeln die Regenpfeifer ihre unspektakulären, schlichten Bodennester. Das Gelege, meist vier Eier, ist bestens dem Untergrund angepasst. Ohne viel Schnickschnack, trotzdem Tarnung pur.

Der Bestand ist weiter rückläufig

Leider werden jedes Jahr viele Bruten an unseren Flussufern zerstört. In der Regel noch nicht einmal absichtlich. Häufig verhalten sich einige Angler, Hundebesitzer und andere Freizeitaktivisten in der Brutzeit von April bis Juli auch in diesen Schutzgebieten grob fahrlässig.

Regelmäßig werden Gelege und auch Jungvögel einfach zerlatscht. Die verstörten Altvögel versuchen dann am Niederrhein an anderer Stelle durchaus eine Zweitbrut.

Fakt ist jedoch: Der Bestand des Flussregenpfeifers ist weiter rückläufig. Dass der Brutbestand dieses kleinen Bodenflitzers bei uns noch nicht komplett eingeknickt ist, liegt an den vielen Auskiesungen und Aussandungen.

Auf eingezäunte Betriebsgelände sind Brutverluste wesentlich geringer. Zudem finden die Vögel dort ausreichend große Flächen, wo die Vegetation noch sehr niedrig ist und sich erst spärlich entwickelt. Diese Gelände sind für viele Arten allerdings nur ein kurzweiliger Lebensraum. Nicht unwichtig, aber eben Natur auf Zeit.

Die Dynamik von Hochwasser-Fluten als jährlich neuer Gestalter geeigneter Brut- und Futterareale fehlt an den Abgrabungsgewässern komplett. Jeder weitere unnötige Flächenverbrauch, auch durch neue Auskiesungen, sollte am Niederrhein keine Zukunft mehr haben.

Der von uns Menschen verursachte Klimawandel hat jetzt schon Feuchtgebiete und Fließgewässer deutlich in Mitleidenschaft gezogen. Issel, Rotbach uns Co. fallen immer häufiger auf großen Strecken trocken. Die Lebensgemeinschaften dort verändern sich radikal. Nicht wenige Arten im und am Wasser haben keine Existenzgrundlage mehr.

Die Eltern, Meister der Ablenkung

Auch der Grundwasserspiegel ist momentan immer noch auf niedrigem Niveau. Derweil der Flussregenpfeifer in den Kreisen Wesel und Kleve noch herumturnt. Er gibt sein Bestes. Sein Balzverhalten ist imposant.

Dabei müssen sich die Männchen ganz schön ins Zeug legen. Sie rutschen auf den Brustkorb und schmeißen mit eingeknickten Kniegelenken leichtes Bodenmaterial in Karusselldrehung energisch hinter sich. Wie Schmidtchen Schleicher.

Potenzielle Nestmulden entstehen. Davon müssen sie allerdings auf einem größeren Areal mehrere bauen. Dann kommt Madame Flussregenpfeifer zur Begutachtung. Sitzt auch schon mal Probe. Sie entscheidet auch – wie im richtigen Leben.

Sex, eine natürliche Notwendigkeit

Ist die Wahl getroffen, schreitet das Männchen hoch gestreckt, mit geschwollener Brust und einem Tirilieren zur Begattung. Das Weibchen scheint den Sex, ziemlich regungslos als Notwendigkeit zu begreifen. Von beiden Partner werden die Eier knapp vier Wochen lang bebrütet. Die Jungen sind Nestflüchter und gehen sofort auf Wanderschaft in der näheren Umgebung. Gerade mal so groß wie ein Eurogeldstück. Immer unter den wachsamen Augen der Eltern. Potenzielle Fressfeinde wie Rabenvögel, Möwen, Reiher, Störche, Füchse, Marder, Hunde sowie aufdringliches Weidevieh werden von den Elternvögeln bei Gefahr abgelenkt.

Und zwar ganz raffiniert. Ist eine imaginierte Grenze unterschritten, stellt sich mindestens ein Altvogel dem „Feind“ entgegen: Dabei lockt der Flussregenpfeifer mit scheinbar gebrochenem Bein und runter hängenden Flügel den Beutefresser weit weg vom Niststandort. Und fliegt dann quietschfidel davon.

Ob Vögel dieser Lebensräume zukünftig überleben können, hängt maßgeblich auch von der Klimaentwicklung ab.

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