Kulturlinie 901

Kulturlinie 901: eine Statt-Führung durch Duisburg

Herr Brüggenwerth vor dem Bananenhaus in Ruhrort.

Herr Brüggenwerth vor dem Bananenhaus in Ruhrort.

Foto: Klaus-Dieter Brüggenwerth

Duisburg.  Klaus-Dieter Brüggenwerth führt durch Duisburg. Auf seiner „Kulturlinie 901“ geht er nicht dorthin, wo es schön ist – sondern interessant.

Die Warnung meint Klaus-Dieter Brüggenwerth übrigens ernst, auch wenn er diese freundlich und ruhig ausspricht. „Teilnehmer sollten gut zu Fuß sein!“ Es wäre doch schon ziemlich blöd, wenn man es nicht bis zu Mehmet Ali Demiray und Hülya Ceylan nach Marxloh schaffen würde, findet er.

Doch der Reihe nach – schließlich beginnt der Mann seine fünfstündige Tour durch Duisburg ja auch immer in einer ganzen anderen Ecke der Stadt. In Mitte, am Brunnen für Gerhard Mercator, „ein unübersehbarer und guter Treffpunkt“ – auch, weil ein paar Schritte weiter „der Ursprung von Duisburg“ liegt. Übrig blieben die mittelalterlichen Mauerreste des alten Marktgebäudes.

Willkommen auf der „Kulturlinie 901“. Den Titel der Tour dachte sich der Bundesbahner im Ruhestand und Kulturschaffende in Fotos und Formen selbst aus. „Auf die Idee kam ich im Jahr der Kulturhauptstadt. In Essen gab es die Kulturlinie 107. Da dachte ich mir, so etwas funktioniert in Duisburg bestimmt auch.“

Das erste Verkehrsmittel seiner Wahl ist: die U- und Straßenbahn. Obwohl, und darüber ärgert er sich aufrichtig: „Einen großen Teil der Strecke müssen wir leider mit dem Bus machen“. Grund für den Schienenersatz sind die vielen Baustellen, „seit Jahren schon“.

Eine Stadtführung also. Davon gibt es mittlerweile sogar in Duisburg einige. 247 Touren wurden im vergangenen Jahr gemacht und dabei 9.870 Teilnehmer gezählt. Tendenz steigend. Wie überhaupt ständig mehr Übernachtungsgäste in den 502.694-Einwohner-Ort kommen: 2018 waren es 524.329. Ein neuer Rekord.

Einige dieser Gäste sind mit Herrn Brüggenwerth gestiefelt. Ein Kegelverein aus dem Sauerland genauso wie eine Schulklasse aus Oldenburg, erzählt er. Und klingt selbst noch ein wenig überrascht, wer sich alles so an Rhein und Ruhr verirrt – und sich dann noch für die Geschichte dieses Fleckchens Erde interessiert.

Bronze und das Tausendfensterhaus

Andererseits geht es dem 72-Jährigen nicht anders, seit er 1997 tiefer in den Westen zog, „der Liebe wegen“. Ursprünglich wurde er in Osnabrück geboren, lebte lange in Dortmund und Schwerte. Sprich: Er ist ein Zugezogener, nimmt seine Wahlheimat anders als ein Einheimischer wahr: nicht als selbstverständlich, sondern mit Sinn für bemerkenswerte Details.

Klaus-Dieter Brüggenwerth, noch immer etwas Westfale, ist keine Plaudertasche. Er möchte kein Stadtführer sein, der mit Daten und Fakten aus dem Reiseführer langweilt. Man kann behaupten, er ist ein Statt-Führer. Er geht nicht nur dahin, wo es besonders schön und allgemein historisch ist – sondern bunt, lebhaft und multikulti, sowie in Ecken, die still sind, im Alltag oft übersehen werden und vergessen wurden.

Vorm Rathaus lenkt er die Blicke entlang der natursteinernen Fassade hin zum Mahnmal der Beuys-Schülerin und Käthe-Kollwitz-Preisträgerin Hede Bühl. Ihre Bronze-Plastik soll an alle Männer und Frauen der Gewerkschaften erinnern, die Opfer des nationalsozialistschen Terror-Regimes wurden.

Vorm Tausendfensterhaus, dem ehemaligen Verwaltungsbau der Rheinischen Stahlwerke, schlägt er den Leuten vor, nicht bloß voller Ehrfurcht vor dem denkmalgeschützten Klotz stehen zu bleiben – und vielleicht wirklich die Fenster zählen. Nebenbei bemerkt, es sollen nur 510 sein, steht in der Wikipedia.

Nee, nee. Klaus-Dieter Brüggenwerth spaziert doch tatsächlich mit seiner Gruppe immer hinein. „Ich habe festgestellt, dass sich das die wenigsten das alleine trauen.“ Heute ist dort eine Glaskuppel zu bestaunen, früher war der Innenhof vom Architekten Heinrich Blecken offen gestaltet.

Schimmi und die Brautmodenmeile

Danach kreuzt und quert er durch das Hafenviertel, das noch immer vom zweifelhaften Ruf als „St. Pauli des Ruhrgebiets“ lebt. Lange ein raues Pflaster, längst ein friedlicher Stadtteil. liebevoll Kiez genannt, mit ein paar Kneipen, moderner Kunst und selbst gestrickter Schimmi-Gasse, zu Ehren des TV-Kommissars, der das Schmuddelimage kultivierte.

Schifferbörse hin, Museumsschiff Oscar Huber her: Den Anker wirft Klaus-Dieter Brüggenwerth immer erst in Marxloh, für jeden Duisburg-Touristen „ein Muss“, schwärmt er.

Ausstieg an der Weseler Straße, der Brautmodenmeile, auf der Kunden aus halb Europa einkaufen. Andererseits eine „No-Go-Area“, heißt es in manchen Medien. Dagegen könnte Klaus-Dieter Brüggenwerth jetzt etwas sagen… doch er nimmt die Menschen lieber an die Hand und führt sie ins Restaurant Pera Ocakbasi zu Mehmet Ali Demiray und in die DITIB-Merkez-Moschee zu Hülya Ceylan – „damit Sie sich selbst ein Bild machen können.“

>> INFO: Mehrmals im Jahr führt Klaus-Dieter Brüggenwerth im Auftrag der Stadt Duisburg über die Kulturlinie 901. Nächste Termine: 9. August und 6. September 2019, jeweils ab 11 Uhr. Dauer: rund fünf Stunden. Preis: 25 Euro pro Person (inkl. Ticket und Imbiss). Buchung über Duisburg Tourismus : 0203/2 85 44-0. Anfrage für Privatführungen: 0203/37 35 05.

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