Begas Haus: Martin Lersch

Martin Lersch aus Goch erhellt die Künstlerfamilie Begas

Martin Lersch in seiner Ausstellung im Begas Haus in Heinsberg.

Martin Lersch in seiner Ausstellung im Begas Haus in Heinsberg.

Foto: Ingo Plaschke

Am Niederrhein.  Martin Lersch malte die Familie Begas. Seine Bilder erweitern den Blick auf eine Künstlerdynastie, die gemeinsam mit Preußen aufstieg und fiel.

Familie sucht man sich nicht aus.

Martin Lersch schmunzelt, als er dieser Binse begegnet. Sein Opa war der Arbeiterdichter. Heinrich Lersch hämmerte die Zeilen zwischen Katholizismus, Kommunismus, Nationalsozialismus und sonstigen Widersprüchen in die Schreibmaschine. Der Enkel, heute 65 Jahre alt, durch eine politisch korrekte aber doch bewusst unangepasste Künstlervita geerdet, verrät: „Meine Zeit in Frankreich war auch eine Flucht vor meiner Familie.“

Eine persönliche Einsicht, verraten zu Beginn seiner neuen Ausstellung im Begas Haus in Heinsberg; schlichter wie interpretationsfreudiger Titel: „Familientreffen“.

Familie Begasse: Schnepfen aus dem belgischen Limburg

Nein, es geht hier mitnichten um die Familie Lersch aus Mönchengladbach, in die der Maler, Illustrator und Zeichner sowie Musiker mitten im Wirtschaftswunder hineingeboren wurde; und der sein privates Glück längst in Asperden bei Goch gefunden hat.

In dem kleinen, bemerkenswert feinen Museum für Kunst und Regionalgeschichte dreht sich fast immer und fast alles um die Familie Begas oder, wie sie in ihren Anfängen in Heinsberg noch hieß: Begasse; übrigens abgeleitet vom französischem la becasse: die Schnepfe.

Im 18. Jahrhundert war freilich noch nicht abzusehen, dass aus den Zuwanderern aus dem belgischen Limburg sehr viel später eine preußische Künstlerdynastie erwachsen wird, die exakt 204 Jahre währte. „Zu Lebzeiten hochgeehrt und international gefeiert“, sodann „unverdient in Vergessenheit geraten“, erläutert Museumsleiterin Rita Müllejans-Dickmann.

Begas: eine Künstlerdynastie über 204 Jahre

Wir reden nun vor allem über das 19. Jahrhundert, geprägt durch die industrielle Revolution, beschleunigt durch Mobilität und Kommunikation, infiziert mit dem Nationalismus. Mittendrin Carl Joseph Begas der Ältere, der damals zum preußischen Hofmaler aufstieg – und als Stammvater der Künstlerfamilie gilt; beginnend im Biedermeier, stilprägend zwischen Romantik und Realismus.

Über Oscar, vor allem Reinhold, Adalbert und Carl sowie Werner und Ottmar bis letztlich zu Astrid Begas, der vierten Generation, mit der die Begas’sche Linie, biologisch bedingt, im Jahre 1997 von der Bildfläche verschwand.

Erbgut, Erbschlecht: das gibt’s in jeder Familie

In einer Familienerzählung über einen solch langen Zeitraum stellt sich die Frage nach dem „Erbgut“ oder dem „Erbschlecht“, merkt Martin Lersch spitzbübisch wie -findig an. Sippenhaft gibt es für ihn nicht, als er sich im vergangenen Frühjahr mehrere Tage ins Begas Haus „quasi einschließen“ lässt, um diese Ansammlung von Malern und Bildhauern ein wenig näher kennenzulernen. Mit Feder, Tusche, Pinsel, Ölfarbe und Papier rückte er ihnen zu Werke.

Später vervollständigte er in seiner heimischen Malstube, wie er selbst sagt, seine Skizzen: einerseits reduziert und akzentuiert, andererseits farbig bis grell. 66 Bilder, 66 x 33 Zentimeter lang und breit, die in souveränen Strichen ein auf den ersten Blick frisches und fröhliches Gesamtbild einer Künstlerfamilie ergeben, die in ihren eigenen Arbeiten doch viel weniger bunt anmutet.

Klug, weil erweiternd, ist der Kunstgriff, den Martin Lersch in der strengen Chronologie seiner Begas-Bilder tätigt. Jede Epoche wird um Bilder aus der jeweiligen Zeit ergänzt: zum Beispiel mit zwei Abbildungen des niederländisch-klevischen Landschaftsmalers Barend Cornelis Koekkoek, auch Paul Klee, Fernand Léger und Hermann Glöckner sind zu sehen. So bleiben die Begas’ nicht mehr nur unter sich. Schließlich kann ein Familientreffen neben Wiedersehensfreude auch gezwungenes Beisammen provozieren – sprich: Spannung.

Die Begas-Künstler, stets nah an der Macht

Zum Schluss noch ein gut gemeinter Rat: Wer sich die Ausstellung von Martin Lersch angucken möchte, gehe vorher oder nachher durch die Dauerausstellung – es lohnt sich!

An dieser Stelle nur so viel: Es ist schon auch mutig, sich Kaiser Wilhelm I. vor die Tür zu stellen. Schließlich ist der Mann historisch nicht unbelastet. Nachdem er 1848 die Märzrevolution in Berlin blutig niederschlagen ließ, blieb der „Kartätschenprinz“ an ihm haften; bis heute. Nichtsdestotrotz war seine Majestät später im Volk auf breiter Front beliebt.

Aber um Politik geht es an dieser Stelle in Heinsberg erst einmal nicht. Zunächst geht es hier um die Kunst. Der Kopf, also die bronzene Büste, ist ein Werk von Reinhold Begas, der im Deutschen Reich zu dem Bildhauer der preußisch geprägten Nation aufstieg – und lange vor dem Aufstieg und dem Ende der Nazi-Diktatur auf dem Trümmerhaufen der Geschichte landete.

Vom niederrheinischen Heinsberg ins preußische Berlin

Es dauert bis 1990, dem Jahr der Deutschen Einheit, als die Arbeiten des selbsternannten „Fürsten der Kunst“ wieder bundesweit beachtet und ganz ohne Ironie ausgestellt wurden. „Ethos und Pathos“ hieß es damals im Hamburger Bahnhof.

Es war der Beginn einer Renaissance der Begas’schen Künstlerdynastie, die rund 200 Jahre umfasste und deren Wurzeln mitnichten in der Hauptstadt, sondern ausgerechnet in der ehemaligen Rheinprovinz liegen. Folgerichtig wurde 2014 im niederrheinischen Heinsberg das alte Heimatmuseum zu einem Haus der Regionalgeschichte und der Kunst aufgewertet – im Mittelpunkt: die Familie Begas.

Ihr machtvoller Ruf wurde durch den Maler Carl Joseph Begas dem Älteren begründet (1794-1854), dieser klang mit der Bildhauerin Astrid Begas (1905-1997), seiner kinderlosen Urenkelin, aus; die übrigens auch Hitler modellierte und von den Nazis als „weibliches Körperideal“ angesehen wurde.

Ja, wer hinter die kernsanierten Mauern des Begas Hauses schaut, aufmerksam durch die zehn Räume geht, in denen Leben, Werk und Zeit der Familie Begas dargestellt werden, kann spannende deutsche Geschichte(n) entdecken.

Begas Haus, Hochstraße 21 in Heinsberg, geöffnet di-sa 14-17 Uhr, so 11-17 Uhr, Eintritt: 5 €, begas-haus.de; Ausstellung: „Familientreffen: Martin Lersch zur Begas-Familie“, bis 29. März 2020 zu sehen; Tipp: 8. März, 12 Uhr, Museumsleiterin Rita Müllejans-Dickmann führt ein Gespräch mit dem Künstler.

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