LINEG zeigt Kunst

Noch ein Geheimtipp: die Glücksstreifen von Tino Geiss

„Hütte“ von Tino Geiss, entstanden 2013 aus ganz vielen bemalten Klebestreifen.

Foto: Galerie The Grass is Greener

„Hütte“ von Tino Geiss, entstanden 2013 aus ganz vielen bemalten Klebestreifen. Foto: Galerie The Grass is Greener

Kamp-Lintfort.   Er war Meisterschüler von Neo Rauch. Nun stellt er am Niederrhein aus. „Lucky Stripes“ sind Bilder voller Fantasie, Poesie und Malerkrepp

Achtung, das ist eine Warnung: Wer sich immer noch nicht an den Gurskys und Richters satt gesehen hat, kann sofort aus dieser Geschichte aussteigen – und weiter in die ewig gleichen Ausstellungen der großen Museen trotten.

Allen anderen Leser seien die Klebestreifenbilder von Maler Tino Geiss aus Leipzig empfohlen, die gerade in den hohen wie langen Fluren der Verwaltung der LINEG hängen. 38 Bilder, im wahrsten Sinne des Wortes: Hingucker.

Mal poesievoll und bunt, wie seine klassischen und porträthaften Blumenbouquets. Mal comic- bis popartig, wie seine akribisch arrangierten Zimmeransichten. Mal begeisternd explosiv, wie seine „Hütte“ – siehe das Bild rechts. Mal genial doppeldeutig, wie sein „Lager #1“, eine schwarzweiße Collage, eigentlich ein Hochregallager von Amazon, andererseits einer menschenleeren Großstadt ähnelnd.

Der Clou: Alle Bilder bestehen aus bemalten Kreppbändern, Klebestreifen, die Hobbyhandwerker kennen – und brauchen, um zuhause beim Wandstreichen die Fußleisten zu schützen. Ein Abfallprodukt, aus dem Kunst gemacht wird.

Gelernt bei Ingo Meller und Neo Rauch

Tino wer? Geiss. Ein grundsympathischer und angenehm zurückhaltende Künstler aus dem Osten, der im tiefen Westen bisher noch nie ausgestellt hat. Vor sechs Jahren kam er mal für eine Gruppenausstellung bis Dortmund – ansonsten dürfte er in dieser Gegend noch ziemlich unbekannt sein.

Karl-Heinz Brandt, Vorstand der LINEG, entdeckte seine Bilder in der Galerie „The Grass is Greener“ auf dem Gelände einer ehemaligen Baumwollspinnerei in Leipzig – kaufte zwei Werke und holte Tino Geiss an den Niederrhein.

Er wurde 1978 in Jena geboren, wuchs in Oßmaritz, einem Dorf in Thüringen auf, also in der damaligen DDR. Ab 2001 studierte er an der Burg Giebichenstein in Halle an der Saale, ab 2003 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, zwischendurch für ein Jahr auch an der Royal Academy of Arts in London.

Das klingt selbst für einen Kunst-Laien mindestens solide, wirklich aufhorchen lässt jedoch: Von 2008 bis 2009 war ein Meisterschüler von Ingo Meller sowie von 2009 bis 2010 von Neo Rauch; genau, von dem Neo Rauch.

Neue Leipziger Schule

Angesichts dieser noch jungen Biografie überrascht es nicht, dass Tino Geiss kurzerhand der Neuen Leipziger Schule zugerechnet wird – obwohl dieser Begriff in der Fachwelt höchst umstritten und vor allem auf dem völlig überdrehten Kunstmarkt in Gebrauch ist. Da, wo es mehr um die Verpackung als um den Inhalt geht, soll dieses Etikett dem Verkauf von Bildern dienen. Man muss wissen: Meisterschüler von berühmten und teuren Künstlern gelten grob gesagt als Geldanlagen von morgen.

Wirklich gerecht wird ein solches Brandzeichen dem Künstler, um den es in diesem Fall geht, wohl kaum. Denn so selbstsicher wie seine Bilder in Acryl-, Öl- und Eitempera-Farben (einer farbintensiven Mischung aus Ei und Leinöl) auf den ersten und besonders auf den zweiten Blick wirken, ist dieser Maler nicht. Herrlich offen gab er in einem Interview zu einem Malkurs bei der Lebenshilfe in Leipzig zu: „Aber ich weiß auch nicht, ob das, was ich mache, Kunst ist.“ Darüber entscheiden andere, im Idealfall jeder für sich selbst.

„Lucky Stripes“ in Kamp-Lintfort

Tja, bei der LINEG in Kamp-Lintfort zeigt Tino Geiss keine menschenleeren Dorflandschaften oder ikonenhaften Porträts – vielmehr seine „Lucky Stripes“. Betrachter dürfen dann darüber streiten, ob „lucky“ eher mit „glücklich“ oder „geglückt“ übersetzt werden sollte. Trotz der abstrakten Motive sollte es zu schaffen sein, obwohl diese nie vollends gegenständlich, manchmal jedoch rätselhaft erscheinen.

Fest steht: Diese Streifen sind typisch für Tino Geiss – und bieten einen guten Eindruck von seinem Schaffen. Mit seinen Klebeband-Bildcollagen hat er eine bemerkens- wie sehenswerte Nische gefunden, um vielleicht aus dem Schatten seiner berühmten Lehrer hinaustreten zu können.

Seine Werke sind Collagen, zusammengesetzt aus durchsichtigen und farbigen Klebebändern, die die Oberfläche des Bildes – je nach Blickwinkel – verändern. Bisweilen sind es zig Schichten, die er immer wieder überarbeitet, teils auch schleift – und übermalt.

Ein Spiel der Farben, eine Frage der Wahrnehmung, eine Herausforderung für die Sinne – und, wie der Künstler einmal selbst sagte: „für mich der Wunsch, etwas festzuhalten, einen Moment, trotz seiner Vergänglichkeit.“

>> INFO: Tino Geiss, Lucky Stripes, zu sehen bis zum 10. November in der Verwaltung der LINEG, Friedrich-Heinrich-Allee 64, in Kamp-Lintfort, mo-do 9-16 Uhr und fr 9-13 Uhr ( Anmeldung: 02842/ 960-0). In Zusammenarbeit mit der Galerie Schürmann, Moerser Straße 252, in Kamp-Lintfort (Andreas Verfürth: 02842/ 55208. Infos über den Künstler: www.thegrassisgreener.de.

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