Ausflug

Oberwesel: Der Rhein verbindet Wesel mit dem anderen Wesel

Blick auf Oberwesel bei Rheinkilometer 550 von der Schönburg aus. 

Blick auf Oberwesel bei Rheinkilometer 550 von der Schönburg aus. 

Foto: Ingo Plaschke

Am Mittelrhein.  Was verbindet Oberwesel mit Wesel? Der Rhein, natürlich. Und der Name, entgegen der amtlichen Vorschrift. Ein Kurzbesuch bei Stromkilometer 550.

Der schönste Blick auf Oberwesel ist wohl jener von der Schönburg aus. Das ist auch gut so, denn der Aufstieg, keine halbe Stunde lang, ist steil und leicht schweißtreibend. Gipfelglückend könnte man das Panorama mit einem Glas Schönburger versüßen, einer blumig-würzigen Weißweinsorte, nach der das steinerne Bollwerk benannt worden sein soll.

Unten schmiegt sich der 2813-Einwohner-Ort an die mit Reben bedeckten Weinberge, über die gerade lautlos ein Meer aus dunklen und weißen Wolken zieht. Wie ein großes rotes Ausrufezeichen reckt sich der 72 Meter hohe Turm der Liebfrauenkirche gen Himmel. Auf dem Rhein tuckern Frachtschuber und Containerschiffe vorbei, auf den Schienen links und rechts am Ufer rauschen ICEs und lärmen endlos lange Güterwaggons vorüber.

Willkommen in Oberwesel bei Stromkilometer 550, einem staatlich anerkannten Fremdenverkehrsort, im Mittelrheintal gelegen, das die Unesco 2002 zum Welterbe erklärte.

Deutschlandlied im Pfropfenzieher

An diesem Freitag ist, wie üblich, ein kleiner Markt vor dem Rathaus aufgebaut. Es gibt Eier, Fleisch, Kartoffeln und Honig zu kaufen. Interessant ist, wenn ältere Menschen über ihre Stadt reden, denn dann sagen sie fast alle: „Wesel“.

Nachgefragt in der Touristik-Information. Jaja, bestätigen dort zwei jüngere Damen, es gibt schon noch Einheimische, die sich die erste Silbe des amtlichen Stadtnamens sparen. Vielleicht ein Relikt aus längst vergangenen Tagen.

Ein paar Schritte weiter steht das Kulturhaus, ein denkmalgeschütztes Wohnhaus des alten Wilhelm-Hoffmann’schen Weingutes, indem auch das Stadtmuseum beheimatet ist. Spurensuche in der Dauerausstellung. Wie, wann und warum wurde aus „Wesel“ dereinst „Oberwesel“?

Ein Gang durchs Haus lohnt sich sowieso, weil Niederrheinern einiges bekannt vorkommt, nicht nur die akribisch gefertigten Schiffsmodelle von Kapitän Norbert Schmitt, etwa der Radschleppdampfer Franz Haniel XIV, der 1960 schließlich in Ruhrort verschrottet wurde.

Nebenbei, aber unbedingt erwähnenswert: Ein Raum ist dem Dichter August Heinrich Hoffmann von Fallersleben gewidmet. Im Gasthaus „Zum goldenen Pfropfenzieher“, das es hier noch heute gibt, trug er 1843 erstmals öffentlich sein „Lied der Deutschen“ vor. Zwei Jahre zuvor hatte er es auf Helgoland getextet, später wurde es bekanntlich zur Nationalhymne erkoren.

Oberwesel steckt also voll mit Geschichten und Geschichte, die bis in die Zeit der Kelten zurückreicht, mindestens. Damals hieß dieses Fleckchen Erde noch „Vosovia“, bei den Römern dann „Vosolvia“. Später ist in Urkunden „Weslia“ zu lesen, noch später trägt das Siegel der freien Reichsstadt mit Gerichtsbarkeit und Zollrecht den Namen „Wesel“, auch auf den vor Ort hergestellten Münzen ist eine Prägung namens „Wesel“ zu finden.

Und in einem Zunftbündnis des Bäckerhandwerkes von anno 1436 steht schwarz auf weiß: „Wesel“. Rund 200 Jahre später aber wird die Stadt dann „Ober Wesel“ genannt. In zwei Worten, beide groß und nicht zusammen geschrieben. Zum Beispiel in einem Kupferstich von Matthäus Merian, datiert auf das Jahr 1646, der eine prächtige Stadt am Rhein zeigt, umgeben von einer mächtigen Festungsmauer.

Auf unzähligen Druckgrafiken und Ölgemälden aus der Zeit der Rheinromantik taucht einmal „Vesel“ und vielfach „Ober Wesel“, „(Ober)Wesel“ oder „Ober-Wesel“ auf. Wirrwarr. Willkür? Ein Rätsel.

Achtung, Verwechslungsgefahr

Ein Anruf bei Werner Klockner, der im Sommer eine Stadtchronik von Oberwesel herausbrachte. Leider hat er spontan wenig Zeit, deshalb ganz kurz: „Wesel am Niederrhein und Wesel am Mittelrhein wurden öfter verwechselt. Irgendwann kam es zur Umbenennung.“

Immerhin. Mit dieser Info geht es hinauf auf die Schönburg. Im dortigen Turmmuseum sitzt Jochen von Osterroth. Schon nach wenigen Minuten wird klar: Der Mann weiß vielleicht nicht alles, aber fast. Die Erklärung von Herrn Klockner kann er bestätigten, wenngleich auch er kein genaues Datum für die die Umbenennung parat hält. So bleibt diese Geschichte zwar unvollständig – aber: Die Aussicht von hier oben…

INFO: Von Wesel nach Oberwesel

Wer nicht mit dem Auto vom Nieder- an den Mittelrhein fahren möchte (über die A61), der kann mit dem Zug bis zum Bahnhof Oberwesel anreisen (Umstieg in Koblenz in die Regionalbahn), oder ab Koblenz mit dem Schiff stromaufwärts schippern (KD, Köln Düsseldorfer Rheinschifffahrt).

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