Radeln für die Seele

Thomas Claßen lernt vom Nachbarn – und radelt für die Seele

Wer nur Kilometermachen möchte, liegt falsch. Thomas Maria Claßen weiß aus Erfahrung: Genussvoll zu radeln, macht mehr Spaß.

Wer nur Kilometermachen möchte, liegt falsch. Thomas Maria Claßen weiß aus Erfahrung: Genussvoll zu radeln, macht mehr Spaß.

Foto: Thomas Maria Classen

Am Niederrhein um die Ecke.  Radfahren in den Niederlanden macht mehr Spaß. Warum, erklärt Thomas Maria Claßen, der gerade einen Reiseführer fürs Nachbarland veröffentlichte.

Ob er eigentlich ein Hollandrad fährt? Da muss Thomas Maria Claßen grinsen. Nee, weil er immer mit „einem robusten Tourenrad“ unterwegs ist. Auch findet er es witzig, dass „unsere Nachbarn den Begriff gar nicht kennen“. Ach so. Und wo wir gerade dabei sind: Die Frage, ob es richtig eingedeutscht das oder die Fiets heißt, beantwortet er pragmatisch: „Ich sage immer: de Fiets.“

Was sonst noch so bei seinen 15 Wohlfühltouren durch die niederländischen Provinzen Gelderland, Limburg und Noord-Brabant hängen blieb? Zum Beispiel Wälder, die in der Sonne wie die am Mittelmeer duften, oder Heidelandschaften, so weit das Auge reicht, und große Stadt, die sich gar nicht wie Großstädte anfühlen.

Davon berichtet der Autor in seinem neuen Radwanderführer, der eine genussvolle Anregung zum Nachfahren ist. Bevor es über die grüne Grenze auf den Sattel geht, einige deutsch-niederländische Gedanken, denn auf Radwegen läuft nicht immer alles rund.

Im Buch heißt es: „Radfahren ist in den Niederlanden Teil der Kultur.“ Und in Deutschland?

Bei uns wird Radfahren immer beliebter, es ist absoluter Freizeittrend. Die Verkaufszahlen von Fahrrädern mit oder ohne Elektrounterstützung steigen seit Jahren zweistellig. Aber in den Niederlanden ist jeder Autofahrer längst auch Radfahrer und das Miteinander im Straßenverkehr ist harmonischer.

Irgendeine Erklärung dafür?

Zum Beispiel diese: Die Niederlande haben seit Jahrzehnten keine Automobilindustrie und darum auch keine relevante Autolobby. Als bei uns der Slogan „Freie Fahrt für freie Bürger“ propagiert wurde, haben niederländische Mütter zu hunderttausenden für mehr Sicherheit im Straßenverkehr gekämpft. Irgendwo in der Zeit haben sich die Verhältnisse auf unseren Straßen unterschiedlich entwickelt.

Darum also macht Radfahren in den Niederlanden mehr Spaß.

Fahrradfahren bei uns am Niederrhein macht mir genauso viel Spaß. Ich wähle aber auch immer höchst autoarme Routen. In den Städten ist es in Deutschland noch schwierig, da hapert es fast überall an ordentlichen Radwegen und Außerorts gibt es oft Lücken im Radwegenetz.

Welche Radregel aus den Niederlanden sollte sofort in Deutschland gelten?

Dass man nebeneinander fahren darf. Das ist so schön, so gesellig, so unterhaltsam.

In einem NL-Reiseführer habe ich gelesen: „Nicht klingeln! Nur, wenn es wirklich nötig ist. Klingeln finden Niederländer nervig und aufdringlich.“

Das ist Blödsinn. Wenn vor einem zwei Fietser nebeneinander fahren, dann klingelt man halt – und überholt. Ich habe noch nie erlebt, dass da jemand gemeckert hat.

Und was ist mit dem Rat: „Das Rad abschließen. Immer!“

Es sei denn, man hat es im Blick. Übrigens, am besten an(!)schließen, auch wegen der Versicherung, oft wird nur dann erstattet. Und vielleicht mal die Hausratversicherung überprüfen, viele Altverträge decken Diebstahl im Ausland nicht ab.

Warum hat es so lange gedauert, bis am Niederrhein endlich das niederländische Radknotenpunktesystem übernommen wurde?

Gute Frage. Vielleicht weil wir manchmal alles zu kompliziert und teuer machen. Unsere rote Radroutenbeschilderung - inzwischen in NRW meist als Knotenpunktnetz - ist eine Art eierlegende Wollmilchsau, weil Alltagsfahrer und Freizeitfahrer abgedeckt werden sollen. In den Niederlanden ist das Knooppuntennetwerk rein touristisch und führt einen an jeder Kneipe oder Sehenswürdigkeit vorbei. Man geht zu Recht davon aus, dass Alltagsradler eh wissen, wo sie täglich fahren.

Was können Stadt- und Verkehrsplaner in Deutschland aus den Niederlanden lernen?

Alles.

Und umgekehrt: Gibt es irgendetwas, das niederländische von deutschen Radfahrern lernen können?

Langsamer fahren. (lacht) Im Ernst, es ist schon erstaunlich mit welcher Affengeschwindigkeit viele fahren. Da muss man schon aufpassen, nicht in die Quere zu kommen.

Auf Radwegen in den Niederlanden ist es verpönt, auf der falschen Seite zu fahren?

Ja, da wird man von den richtig fahrenden Radfahrern gemaßregelt. - Aber (!) oft darf man auf der anderen Seite fahren, z.B. wenn eine gestrichelte Mittellinie vorhanden ist. Und auf großen Brücken ist es auch so üblich.

Auf außerörtlichen Radwegen in den Niederlanden dürfen in der Regel auch Mopeds fahren. Wie soll man sich verhalten?

Man hört sie schon von weitem und macht Platz. Ansonsten muss man das schrecklich schrille „töööt“ ertragen.

Was muss ich beachten, wenn ich mit meinem Rad im NL-Bahnnetz unterwegs bin?

Montags bis Freitags ist die Radmitnahme nur von 9 bis 16 Uhr und dann wieder ab 19 erlaubt – es sei denn es ist Platz und der Schaffner stimmt zu. Und, an vielen Bahnhöfen gibt es nur noch Fahrkartenautomaten und die funktionieren nur mit Karte. Zum normalen Fahrschein braucht man ein Radticket, das kostet sechs Euro und gilt den ganzen Tag.

Letzte Frage: Fahrradfahren mit Helm oder ohne?

Wenn ich sportlich fahre ja, sonst nicht. Und wer in den Niederlanden Helm trägt, wird sofort als Deutscher erkannt. (grinst)

Allerletzte Frage, für den Notfall: Welches Schimpfwort rufe ich als Radfahrer einem Autofahrer hinterher?

(lacht) Käskopp!

>> INFO: Die beiden Radwanderführer von Thomas Maria Claßen

Autor: Thomas Maria Claßen wurde 1954 in Mönchengladbach geboren, ist dort aufgewachsen und war nie richtig weg. In seiner Freizeit ist er regelmäßig mit dem Fahrrad am Niederrhein und in der niederländischen Provinz Limburg unterwegs. Er ist Mitglied im Verband Deutscher Sportjournalisten und arbeitet im Vorstand des ADFC in Mönchengladbach. Als Tourenleiter bevorzugt er Routen in freier Natur und fern jeden Autolärms.

Bücher: Der Autor hat bisher zwei Radwanderführer veröffentlicht. Maastricht-Nimwegen. Radeln für die Seele, 192 Seiten, Droste Verlag, Düsseldorf, 16,99 Euro; Niederrhein. Radeln für die Seele, 192 Seiten, Droste Verlag, Düsseldorf, 16,99 Euro. Inhalt: Jeweils 15 Wohlfühltouren mit Wegbeschreibungen und Karten. Zu jedem Buch erhält der Leser kostenlos die GPS-Daten der Touren zum Herunterladen und Nachfahren.

Drei weitere Tipps von Thomas Maria Claßen: www.nrz.de/niederrhein

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