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Vom Niederrhein in alle Welt – der Vogelzug hat begonnen

Das seltene Schwarzkehlchen tankt Kraft auf am Niederrhein, fliegt dann aber weiter und überwintert am Mittelmeer.

Foto: Peter Malzbender

Das seltene Schwarzkehlchen tankt Kraft auf am Niederrhein, fliegt dann aber weiter und überwintert am Mittelmeer. Foto: Peter Malzbender

Am Niederrhein.   Am Niederrhein fressen sich Mönchsgrasmücke und Co. Kraft an, um auf große Reise zu gehen. Viele Vögel zieht es auch im Winter nicht mehr weg

Die Tore für den kalendarischen Herbst öffnen sich gerade und schon werden spürbar zunehmend niederrheinische Lebensräume von den Genies der Lüfte aufgesucht. Vögel in vielen Arten von nah und fern trudeln ein, um hier ihre Akkus wieder aufzuladen. Dabei werden die Trittsteine und Tankstellen artspezifisch von den Gefiederten angeflogen. Schließlich geht es für alle Piepmätze darum, das geeignete Futter zu finden.

Nachtflugverbote gibt es kaum, Landemanöver sind rund um die Uhr möglich

Nachtflugverbote sind übrigens für viele Spezies nicht naturbedingt; Landemanöver auch rund um die Uhr möglich. Woher kommen die Vögel und wohin fliegen sie denn? Die meisten kommen aus dem Norden und Osten in unsere Gefilde. Einige haben auf dem Zug ins Winterquartier dann bereits Hunderte Flugkilometer im Gepäck, andere Flugakrobaten sogar noch viel, viel mehr.

Zum reinen Vergnügen verlassen sie ihre Brutheimat natürlich nicht. Schließlich ist der Vogelzug bekanntermaßen anstrengend und auch nicht ungefährlich.

Wacholderdrosseln futtern gerne Holunderbeeren – Achtung, beim Verdauungsgang besser in Deckung gehen...

Fast alle Zugvögel fliegen schlicht und einfach dem Futter hinterher, was sie in ihren angestammten Arealen zur kalten Jahreszeit nicht in ausreichendem Maße mehr vorfinden. Geradezu als energiereiche Schlemmerparadiese haben sich niederrheinische Wildstrauchhecken in der offenen Kulturlandschaft herausgestellt. Insbesondere Scharen nordischer Wacholder- und Rotdrosseln fliegen darauf – bevor sie in der Regel weiter ins Winterquartier nach Südwesteuropa ziehen.

Auch die schwarzen Früchte des bei uns noch vielerorts vertretenen Holunders werden von einigen Vogelarten als Leibspeise aufgenommen. Wenn Kotspritzer nach so einem Mahl den Verdauungstrakt dynamisch verlassen, sollte man besser in Deckung sein. Einige der gefiederten Kobolde sind nämlich durchaus in der Lage, selbige als Geschosse bei Störungen gezielt einzusetzen.

Im Schwarm ans Ziel

Viele Vögel sind beim Frühjahrs- und Herbstzug im Schwarm unterwegs, weil so gemeinsam potentielle Gefahren und lohnende Nahrungsreservoirs schneller erkannt werden. Dies praktizieren auch viele Arten, die sonst zur Brutzeit ihr Revier auch gegen Artgenossen energisch verteidigen. Manchmal sogar bis die Federn fliegen. Überleben ist die Devise. Das hat auch der Zaunkönig verinnerlicht. Die heimischen kleinen Federknäuel bleiben meistens auch im Winter am Niederrhein.

Aus anderen Regionen kommen Gleichartige dazu. Der zur Brutzeit äußerst territoriale Gernegroß ist nun friedlich gestimmt. Sie rücken sich sogar bis auf die Pelle. Der Autor selbst konnte vor Jahren beobachten, dass nach einer bitterkalten Winternacht acht Zaunkönige einen Blaumeisen-Nistkasten in Wesel beim ersten Morgenlicht verließen. Ein bekanntes Phänomen, was man natürlich nur zufällig beobachten kann.

Einigen Brutvögeln gefällt es am Niederrhein so gut, dass sie selbst im Winter gar nicht mehr weg wollen

Einige unserer Brutvögel bleiben auch im Winter am Niederrhein. Viele Vogelarten machen sich als Teil-, Kurzstrecken- oder Langstreckenzieher auf die Socken. Die bei uns vielerorts häufige Mönchsgrasmücke, ein wahrer Meistersänger, überwintert in Westeuropa, im Mittelmeerraum, aber auch in Afrika südlich der Sahara. Der Insektenfresser stellt sich im Spätsommer und Herbst auch auf Beeren und andere kleine Früchte um. Neuerdings bleiben einige dieser Grasmücken auch im Winter hier.

Mit eingebautem Navi unterwegs

Den markanten Austernfischer, ein klassischer Küstenvogel und erst seit ein paar Jahrzehnten auch Brutvogel bei uns, verschlägt es im Winter in der Regel an die Nordsee. Das seltene, filigrane Schwarzkehlchen

brütet am Niederrhein bevorzugt auf Brachflächen, Ödländern, extensiv genutzten Wiesen und Mooren. Winterquartiere beziehen sie in Westeuropa und in Mittelmeerländern. Nicht alle niederrheinischen Weißstörche fliegen jetzt in den Süden. Mit proteinreichen Regenwürmern und Kleinnagern überleben sie locker unsere milden Winter.

Ein anderer imposanter Schreitvogel ist der Silberreiher. Ein echter Kosmopolit; und erst seit wenigen Jahren auch Brutvogel in Deutschland. Im Winter bei uns in der Landschaft anzutreffen. Gerne auch zwischen den Scharen arktischer Wildgänse. Die Schnattertiere bereiten für Reiher sozusagen den Tisch. Kurzrasig lässt sich nämlich leichter für die weißen Riesen mit dem Dolchschnabel gezielt auf Maulwurf, Maus, Regenwurm und Co. einstoßen.

Die Vogelzug-Forschung hat noch lange nicht alle Rätsel gelöst. Weltweit arbeiten die Vogelhirn-Forscher daran, endlich das eingebaute Navi im komplizierten Organ lokalisieren zu können. Fest steht wohl, dass mehrere Parameter die Orientierung für die Gefiederten erst möglich machen. Und die wiederum werden bei den einzelnen Vogelarten unterschiedlich genutzt.

Längst haben renommierte Institute publiziert, dass Vögel auch kognitiv handeln können. Sie sind nicht auf den Kopf gefallen.

Die Geheimnisse des Lebens bleiben spannend und unerschöpflich.

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