Interview

Warum soll der Förderturm stehen bleiben, Herr Landscheidt?

Der umstrittene  Förderturm (rot-weißes Gebäude) des ehemaligen Bergwerks West.

Foto: Christoph Karl Banski

Der umstrittene Förderturm (rot-weißes Gebäude) des ehemaligen Bergwerks West. Foto: Christoph Karl Banski

Kamp-Linfort.   Kamp-Lintforts Bürgermeister Christoph Landscheidt war anfänglich gegen den Erhalt des Förderturms. Jetzt ist er dafür und erzählt, warum.

Der 24. September ist ein wichtiges Datum für die Kamp-Lintforter und ihre Stadt. An diesem Sonntag wählen sie nicht nur den neuen deutschen Bundestag, sondern entscheiden auch über die Zukunft eines großen Stückes Kultur. Im wahresten Sinne des Wortes ist der Zechenturm der Ruhrkohle AG (RAG) ein großer Brocken und hat die ehemalige Bergbau-Stadt mehrer Jahrzehnte entscheidend mitgeprägt. David Bieber sprach mit Bürgermeister Christoph Landscheidt über den Erhalt des Förderturmes und anstehende Kosten.

Wie wichtig ist der Bergbau noch für die Stadt?

Es gäbe Kamp-Lintfort nicht, wenn es hier damals keinen Bergbau gegeben hätte. Unsere 100-jährige Bergbaugeschichte und stolze Bergbau-Tradition ist den meisten sehr wichtig.

Und der Förderturm?

Auch er. Er ist Symbol für den Bergbau und weithin sichtbare Landmarke. Deshalb wollen wir ihn dauerhaft als befahrbaren Aussichtsturm erhalten, wenn er finanzierbar ist. Zurzeit und wir rechnen sehr vorsichtig, wird er die Stadt nicht finanziell belasten. Die notwendige Sanierung und Ertüchtigung mit einem Aufzug sollen aus Mitteln des Landes und der RAG finanziert werden. 32000 Euro jährlich sind für die Unterhaltung – voraussichtlich ab 2033 – veranschlagt, da solange die Beiträge des Landes und der RAG reichen werden.

Welche Wirkung hätte es für die Stadt im Hinblick auf die Landesgartenschau 2020, den Turm nicht zu erhalten und abzureißen?

Vor der Landesgartenschau kann er aus zeitlichen Gründen ohnehin nicht mehr abgerissen werden. Ich bin für den Erhalt, weil die Kosten überschaubar sind und der Turm zu einem interessanten Aussichtsort werden kann – als wichtiges und landesweit einmaliges städtebauliches Element im neuen Stadtquartier „Friedrich-Heinrich“.

Wenn er bis 2020 ausgebaut wird...

Ja, genau. Es soll einen Express-Aufzug geben, der 190 Leute pro Stunde auf die höchste Etage des Turmes bringt. Dazu muss noch in Brandschutz und Fluchttreppen investiert werden.

Wäre nicht der Abriss viel teuer als der Erhalt des Zechenturmes?

Das kann sein, aber ich kann es Ihnen nicht genau sagen. Mit den Abrisskosten hätte die Stadt nichts zu tun. Wenn die Stadt ihn nicht übernimmt, ist der Abriss Sache der RAG.

Sie gehen davon aus, sogar länger mit den Geldern der RAG (1 Million Euro, damit die Stadt den Turm unterhält) und den Landesmitteln für die Sanierung und Ertüchtigung des Turmes (1,9 Millionen Euro) auszukommen als die 13 Jahre, die für die Unterhaltung ausgerechnet worden sind. Wieso?

Weil wir sehr konservativ gerechnet haben und weil wir durch den laufenden Fahrbetrieb durch den geplanten Express-Aufzug auch Einnahmen haben werden. Jedoch kann keiner sagen, wie die Lage wirklich in 13 Jahren sein wird.

Können Sie ausschließen, dass die Bürger irgendwann einmal den Zechenturm mitfanzieren werden müssen?

Die Stadt trägt die Kosten bis 2033. Erst voraussichtlich ab dann würden die laufenden Bauunterhaltungsaufwendungen das Bauunterhaltungsbudget der städtischen Gebäudewirtschaft um ein halbes Prozent zusätzlich belasten

Wie ist die Stimmung in der Bevölkerung, so kurz vor der Bürgerbefragung?

Es gibt viele Befürworter, aber auch jene, die den Erhalt konsequent ablehnen.

Wie geht es jetzt konkret weiter?

Seit einer Woche gehen die Bescheide für die Bürgerbefragung an die Kamp-Lintforter heraus. Am 25. September soll das Resultat feststehen. Drei Wochen später befasst sich der Rat dann abschließend mit dem Turm. Es wird spannend.

Der Förderturm ist das Wahrzeichen der Stadt

  • Der Zechenturm ist so etwas wie das Wahrzeichen der Stadt. Dennoch soll er nach dem Abschlussbetriebsplan der RAG abgerissen werden – so wie alle anderen Gebäude auf dem Bergwerksgelände, die nicht unter Denkmalschutz stehen oder zur weiteren Nutzung verkauft werden.
  • Auf dem Ex-Zechengeländesoll ein modernes Siedlungsquartier entstehen. Ein Erhalt des Förderturmes ist möglich – die Stadt hat den Turm zu einem symbolischen Preis von einem Euro von der RAG erworben. Jetzt haben die Kamp-Lintforter das letzte Wort.

Auf den Spuren des Bergbaus

Lebendige Einblicke in vergangene Zeiten gewährt das Kamp-Lintforter „Haus des Bergmanns“

Will man die Bedeutung des Bergbaus und des zur Diskussion stehenden Förderturms verstehen, führt kein Weg am „Haus des Bergmanns“ vorbei. Der studierte Bergmann Jörg Kaenders erklärt mit viel Sachverstand, wie die Bergleute früher lebten und arbeiteten.

Dabei gibt er spannende Einblicke ins arbeitsreiche Leben der Bergleute und deren Familien. „An 40-Stunden-Wochen war nicht zu denken.“ Eine Haushälfte des unter Denkmalschutz stehenden Museumshauses ist dem Leben der Bergleute in den frühen 1900er Jahren gewidmet. Man sieht ein Schlafzimmer, in dem bis zu neun Kinder schliefen – bei nur drei Betten. In der anderen Hälfte zeigen ein authentischer Nachbau eines Bergwerks mit unterirdischer „Strecke“, Grubengeleucht, Medaillen und historische Fotos, wie strapaziös die Arbeit war.

Jörg Kaenders weiß zudem eine Menge zu erzählen über das Leben mit und für die Kohle, über die Altsiedlung, die einst die größte zusammenhängende Bergarbeiter-Siedlung des rheinisch-westfälischen Industriegebietes war.

Und natürlich hat der frühere Bergmann jede Menge Anekdoten parat. Zum Beispiel, dass der Seidenfabrikant Friedrich-Heinrich Diergardt nur der Namensgeber der Hütte war, aber mit dem Bergbau nichts zu tun hatte.

Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik