Arbeitsagentur

Arbeitsmarkt: So ist die Situation derzeit am Niederrhein

Barbara Ossyra leitet die Agentur für Arbeit mit Sitz in Wesel seit 2014.

Barbara Ossyra leitet die Agentur für Arbeit mit Sitz in Wesel seit 2014.

Foto: Markus Weissenfels

Am Niederrhein.  Wie unterscheiden sich die Kreise Kleve und Wesel beim Arbeitsmarkt? Die Leiterin der Arbeitsagentur zieht eine Jahresbilanz für den Niederrhein.

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„Weniger Arbeitslose, mehr Beschäftigte, Fachkräfte gesucht.“ Auf diesen Dreiklang bringt Barbara Ossyra die Bilanz des Arbeitsmarktes 2019. Ein Gespräch mit der Chefin der Arbeitsagentur mit Sitz in Wesel, die auch für den Arbeitsmarkt im Kreis Kleve zuständig ist.

Haben wir am Niederrhein schon eine Vollbeschäftigung?

Die Frage ist, wie definiert man Vollbeschäftigung. Eine Vollbeschäftigung zu einhundert Prozent wird es wohl nie geben. Am ehesten wäre von einer Vollbeschäftigung zu sprechen, wenn alle Menschen, die arbeiten können und wollen, auch Arbeit hätten. Dann müsste die Zahl der Stellenangebote mindestens genauso hoch wie die der Menschen sein, die als arbeitssuchend gemeldet sind.

In den Kreisen Kleve und Wesel gibt es mehr Menschen, die eine Arbeit suchen, als Stellen, die offen sind.

Dass alle Jobsuchenden gleichzeitig jeweils eine Stelle bekommen, ist wohl nur theoretisch möglich, praktisch eher nicht. Man darf nicht vergessen: Es geht hier um Menschen mit allen ihren Stärken und Schwächen oder gesundheitlichen Problemen. Um die Lage auf dem Arbeitsmarkt zu beurteilen, reicht es nicht aus, nur die Zahl der Personen, die Arbeit suchen, mit der Zahl der offen gemeldeten Stellen zu vergleichen. Der Arbeitsmarkt ist komplizierter.

Inwiefern?

Es geht darum, Menschen mit den passenden Qualifikationen zu den richtigen Stellen zu bringen. Auf dem Arbeitsmarkt gibt es ständig Zu- und Abgänge, aus den unterschiedlichsten Gründen. Arbeitnehmer suchen Arbeitgeber, Arbeitgeber suchen Arbeitnehmer. Bewerber und Stelle passen nicht automatisch zusammen. Einen passenden Arbeitgeber oder Arbeitnehmer zu finden, braucht Zeit, manchmal mehr, manchmal weniger. Auch dieser Prozess spiegelt sich in der Statistik einer Arbeitsagentur wider.

Grundsätzlich gefragt: Wie unterscheiden sich die beiden Arbeitsmärkte in den Kreisen Kleve und Wesel voneinander?

Die Situation auf dem Arbeitsmarkt im Kreis Kleve ist im direkten Vergleich etwas günstiger. Zudem ist der Kreis Kleve etwas ländlicher als der Kreis Wesel strukturiert. Eine Rolle spielt im Kreis Kleve die Nähe zu den Niederlanden, im Kreis Wesel die zum Ruhrgebiet. Beide Landkreise werden durch kleine und mittelständische Unternehmen in unterschiedlichen Branchen geprägt. Hier und dort gibt es große Arbeitgeber, wie Katjes und Probat oder Altana und Lemken, nicht zu vergessen Krankenhäuser und soziale Einrichtungen.

Also entwickeln sich der Kreis Kleve und der Kreis Wesel auch ähnlich?

Im Großen und Ganzen: ja. Auch wenn die Zahlen im einzelnen etwas unterschiedlicher ausfallen: In beiden Landkreisen sind ähnliche Trends, lang- wie kurzfristige, zu beobachten. Zwei Beispiele: Im Kreis Kleve und im Kreis Wesel stieg die Zahl der Arbeitslosen im Dezember 2019 im Vergleich zum Vormonat saisonbedingt leicht an. Andererseits fiel im Kreis Kleve und im Kreis Wesel die durchschnittliche Arbeitslosenquote im Vergleich von 2019 zum Vorjahr.

Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigung nahm in beiden Landkreisen zu. Warum ist diese Zahl so wichtig?

Von einer positiven Entwicklung in diesem Bereich profitiert die gesamte Gesellschaft. Allen voran die Beschäftigten, die mit ihren Sozialversicherungsbeiträge ihre sozialen Leistungsansprüche sichern, zum Beispiel auf ihre Renten oder, im Fall eines Jobverlustes, auf den Bezug von Arbeitslosengeld. Daneben gewinnen auch die Sozialversicherungsträger, deren Einnahmen maßgeblich von den Beitragszahlungen abhängen. Und schließlich profitieren Bund, Länder und Gemeinden von den Einnahmen aus der Lohn- und Gewerbesteuer.

Von den neuen Stellen am Niederrhein waren die meisten sozialversicherungspflichtig, bloß sehr wenige waren Mini-Jobs.

Diese Entwicklung ist erfreulich. Vor allem, weil seit einigen Jahren noch zwei weitere Trends festzustellen sind: Die Zahl der Vollzeitstellen überwiegt deutlich gegenüber der Teilzeitarbeit. Gleiches gilt für die Zahl der unbefristeten Stellen, die erheblich größer als die der befristeten Stellen ist. Zeitarbeit wird es aber weiterhin geben, um Auftragsspitzen abzufangen und sie kann als Chance gesehen werden, um wieder in den Arbeitsmarkt zu kommen. Doch, wie gesagt: Arbeitnehmer nur befristet einzustellen ist bei den meisten Betrieben nicht mehr angesagt.

Warum?

Unternehmen halten an ihren bewährten Kräften fest. Es ist in vielen Branchen schwieriger geworden, geeignetes Fachpersonal zu finden. Wenn neu eingestellt wird, dann eher Fachkräfte als Helfer oder Spezialisten. Mit Blick auf die demografische Entwicklung dürfte sich die Situation aus Sicht der Unternehmen in den nächsten Jahren verschärfen. Zu beobachten ist: Unternehmen, die eine unbefristete Stelle ausschreiben, können diese eher mit einer Fachkraft besetzen, als Firmen, die bloß eine befristete Arbeit anbieten.

Was bedeutet diese Entwicklung für Arbeitnehmer?

Arbeitnehmer mit einer guten Qualifikation werden bei der Suche nach einer Stellen kaum Probleme haben. Das gilt sowohl für jüngere als auch für ältere Arbeitssuchende. 50-Jährige gelten heute, so wie vor einigen Jahren noch, nicht mehr als schwer vermittelbar. Arbeitgeber haben erkannt, dass es sich lohnen kann, erfahrene Arbeitnehmer einzustellen, die gut qualifiziert oder bereit sind, sich neu zu orientieren. Auch dadurch ist die Arbeitslosigkeit unter Arbeitssuchende, die 55 Jahre und älter sind, langsam aber kontinuierlich gesunken.

Und was ist mit den ungelernten Kräften?

Wir werden Personen, die keinen Berufsabschluss haben oder über veraltete Qualifikationen verfügen, intensiv umschulen müssen. Insbesondere mit Blick auf den Arbeitsmarkt 4.0, die Digitalisierung umfasst alle Branchen und Bereiche. Der erfolgreiche Abschluss einer Umschulung oder Weiterbildung verbessert die Ausgangslage eines Bewerbers auf dem Arbeitsmarkt. Dies ist eine Chance für Arbeitnehmer aber auch für Arbeitgeber, denn solche Qualifizierungsmaßnahmen können gefördert werden.

Etwas aus den großen Schlagzeilen geraten sind Flüchtlinge. Welche Rolle spielen sie heute auf dem Arbeitsmarkt?

Mittlerweile flüchten nicht mehr so viele Menschen nach Deutschland, allein deshalb spielen nicht mehr die große und gesonderte Rolle wie noch ab 2015 und in den beiden Folgejahren. Damals haben wir Integration Points gemeinsam mit den Jobcentern aufgebaut, diese sind heute so nicht mehr nötig. Unser darin erworbenes Wissen aber nutzen wir in weiter. Auch die Strukturen, die wir damals aufgebaut haben, existieren noch, etwa zu den Ausländerbehörden. Die Anforderungen an uns sind ja geblieben, wenn auch nicht mehr in dieser geballten Form.

Welche sind das?

Die meisten Flüchtlinge, die zu uns kamen, waren beruflich nicht qualifiziert. Viele kamen aus Syrien, Irak, Afghanistan Eritrea, Nigeria und den Balkanländern. Ihr größtes Problem war die Sprache. Ohne Deutschkenntnisse sind die Chancen auf dem Arbeitsmarkt gleich null. Deshalb sind Sprachkurse so wichtig, sie sind der Einstieg in einen möglichen Job. Mehr als die Hälfte der Menschen, die wir in unseren Integration Points betreut haben, wurden in Arbeit oder Ausbildung vermittelt. Perspektiven ergaben sich eher im Helfer-, nicht im Fachkräfte-Bereich: vor allem im Handwerk und in der Logistik-Branche.

Stichwort grüne Grenze: Welche Möglichkeiten bietet die Arbeitsagentur, Jobs in den Niederlanden zu vermitteln?

Wir haben seit dem vergangenen Jahr nun zwei Eures-Berater, die in einem grenzüberschreitenden Netzwerk arbeiten. Dieses Beratungsangebot würden wir gerne ausbauen. Wünschenswert wäre aus unserer Sicht, wenn die deutsch-niederländische Staatsgrenze wie eine Kreisgrenze zwischen Kleve und Wesel wahrgenommen und funktionieren würde. Es gibt noch viele Hürden aus steuer- und anderen rechtlichen Gründen, die überwunden werden müssen. Allerdings möchte ich auch hinzufügen: Das Interesse an einem grenzüberschreitenden Arbeitsmarkt ist sowohl am Niederrhein als auch in den Niederlanden noch ausbaufähig.

INFO: Die Lage auf dem Arbeitsmarkt am Niederrhein 2019

Kreis Wesel: durchschnittlich 14.511 Personen arbeitslos, Quote: 5,9 Prozent, Tendenz fallend. Jugendarbeitslosigkeit, Personen von 15 bis U25: durchschnittlich 1.254 Personen, 11,6 Prozent weniger als 2018. Langzeitarbeitslosigkeit, länger als ein Jahr, durchschnitt 5.777 Personen, 9,9 Prozent weniger als 2018. Personen sozialversicherungspflichtig beschäftigt: 138.260 Personen , 1,6 Prozent mehr als 2018.

Kreis Kleve: durchschnittlich 8.592 Personen arbeitslos, Quote: 5,2 Prozent, Tendenz fallend. Jugendarbeitslosigkeit, Personen von 15 bis U25: durchschnittlich 842 Personen, 13,4 Prozent weniger als 2018. Langzeitarbeitslosigkeit, länger als ein Jahr, durchschnitt 3.791 Personen, 10,4 Prozent weniger als 2018. Personen sozialversicherungspflichtig beschäftigt: 102.703 Personen , 1,6 Prozent mehr als 2018.

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