Ausstellung im Tuppenhof

Wie kommt die Zuckerrübe ins Museum, Frau Spies?

Süße Ausstellung – rund um die Zuckerrübe, rechts Kuratorin Britta Spies, neben ihr Beate Schindler vom Kulturraum Niederrhein e.V.

Süße Ausstellung – rund um die Zuckerrübe, rechts Kuratorin Britta Spies, neben ihr Beate Schindler vom Kulturraum Niederrhein e.V.

Foto: posca

Am Niederrhein.  Sie ist eine unscheinbare Schönheit: die Zuckerrübe. Und doch hat sie eine Region verändert – eine Ausstellung erzählt – im Tuppenhof in Kaarst

Kaum vorstellbar, aber wahr: ein gemeiner Pfahlwurzler vom Niederrhein bestimmt europäisches Leben. Alias ‘Beta vulgaris’ hat die Zucker-Liefer-Rübe aus dem Rheinischen Geschichte revolutioniert. Und damit nicht genug: Wegen ihrer oberirdisch wachsenden Großblätter könnten Zuckerrüben auch als die Ökopflanzen wider CO2-Stress gelten. Großer Auftritt also für ein unscheinbares Gewächs: „Zucker_Rüben_Land“. Eine Ausstellung dazu im Heimatmuseum Tuppenhof in Kaarst -- im Rahmen der Ausstellungsreihe NEULAND des Kulturraum Niederrhein. Claudia Posca sprach mit Kuratorin Dr. Britta Spies.

Frau Spies, als Kuratorin und Alltagshistorikerin: Was um Himmels willen ist eine Rüben-Kampagne?

(lacht) Der etwas veraltete Begriff, der aber heute noch gebräuchlich ist, meint den Zeitraum von Ernte der Zuckerrüben bis zum Abschluss der Weiterverarbeitung in der Fabrik. Die Kampagne beginnt Anfang bis Mitte September und endet im Januar.

Zuckerrübe? Da denkt man gleich Steckrübe und Runkelrübe mit. Ist das alles eins?

Oh nein. Auch wenn ich keine Biologin bin – dazwischen liegen Welten. In den letzten zwei-, dreihundert Jahren wurden Rübensorten auf spezielle Nutzungen hin gezüchtet: die Runkel- oder Futterrübe vor allem für die Schweineaufzucht und -mast, die Steckrübe dagegen für den lokalen Bedarf, vielen noch aus der Nachkriegszeit bekannt, bis heute als Eintopf gegessen.

Die Zuckerrübe ist wiederum so gezüchtet, dass sie besonders viel Saccharose enthält. Damit kann sie zur Gewinnung von Zucker genutzt werden. Zucker oder Saccharose gewinnt man ja auch aus Zuckerrohr. Aber chemisch betrachtet ist der Rüben-Saccharosestoff mit dem des Zuckerrohrs identisch. Durch diese Entdeckung, dass man quasi den Zucker vor der eigenen Tür anbauen und herstellen konnte, verbilligte sich im 19. Jahrhundert der begehrte Süßstoff dramatisch.

Und warum kam ausgerechnet der Niederrhein auf die Zuckerrübe?

Das hängt mit der hiesigen Bodenbeschaffenheit zusammen. Die kommt der Zuckerrübe sehr entgegen.

Inwiefern?

Einerseits braucht die Zuckerrübe viel Wasser. Andererseits braucht sie nicht allzu fette Böden. Ursprünglich lagen die Hauptzuchtgebiete in Ostdeutschland, in Brandenburg und in Schlesien. Allerdings kommen weitere Faktoren hinzu, die den niederrheinischen Zuckerrübenanbau beförderten: So war das Rheinland relativ früh durch die Textilindustrie, etwa die Seidenproduktion in Krefeld und Viersen, industrialisiert. Die Stoffe von dort wurden bereits um 1800 in die ganze Welt exportiert. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nutzte man zunehmend Dampfmaschinen bei der Produktion und dafür benötigte man Kohle aus dem Ruhrgebiet.

Für den Transport baute man eine Eisenbahn. Damit hatten die vielen Zuckerfabriken, die es um 1900 im ganzen Rheinland gab, ein komfortables Transportmittel für ihr Produkt: den Zucker. Die gute Infrastruktur und der süße Rohstoff zogen schließlich die Ansiedlung von weiterverarbeitender Süßwarenindustrie nach sich.

Können Sie das präzisieren?

Die großen Hersteller wie Haribo aus Bonn und Stollwerck in Köln kennt jeder. Aber es gab früher auch in der Nähe des Tuppenhofs wichtige Produzenten: Zum Beispiel stammt das „Nappo“ aus Krefeld.

Und die „Novesia“-Gold-Nuss-Schokolade mit den garantierten 27 Haselnüssen pro Tafel aus Neuss. Kaum einer weiß, dass die 1880 gegründeten Kaiser‘s Kaffee-Geschäfte, wo selbstgebrannter Kaffee verkauft wurde, um 1900 eine enorme Süßwarenproduktion hatten. In Viersen stand eine Schokoladenfabrik, in der zeitweise 800 Menschen – vor allem Frauen – gearbeitet haben.

Nach dem Aufkommen der Supermärkte verschwanden die dort produzierten Eigenmarken allmählich. Aber bis heute hat sich die Süßwarenproduktion am Niederrhein an vielen Standorten gehalten.

Was ist d i e Süßigkeit des Niederrheins?

Ganz klar: neben der Eissplittertorte, der sogenannten Grillage-Torte, der Zuckerrüben-Sirup.

Das Rübenkraut?

Genau. Noch bis in die 1960er Jahre gab es viele kleine Krautfabriken, die oft direkt auf den Bauernhöfen betrieben wurden. Mittlerweile ist das Rübenkraut zu einer typisch niederrheinischen Spezialität avanciert. Für den Rheinländer passt das Rübenkraut mit seinem malzig-herben Geschmack auch zu herzhaften Gerichten: ob Reibekuchen oder Pfannkuchen, Panhas oder Sauerbraten.

https://www.tuppenhof.de

Derzeit gewinnt das Rübenkraut als lokales und dazu noch sehr clean produziertes Produkt an Bedeutung. Als eines der wenigen Produkte im Rheinland darf sich der Rheinische Zuckerrübensirup mit der Kennzeichnung „g.g.A.“ schmücken, also mit dem europäischen Siegel „geschützte geografische Angabe“. Das ist interessant im Zuge von Bio- und Low Carb-Bewegung.

Die Vergangenheit als Zukunft?

Ja, möglicherweise ist das so. Manchmal muss man als Produzent vielleicht einfach durchhalten und ein Produkt – oder eine Handwerkstechnik – am Leben halten, bis die Nachfrage wieder steigt.

Was hat die süße Rübe mit dem städteübergreifenden Ausstellungsprojekt NEULAND zu tun?

Beim Themenjahr NEULAND geht es um die Entdeckung einer „terra incognita“, also um innovative Entwicklungen. Was das ist, bzw. wie weit das definiert wird, beantworten die im Kulturgeschichtlichen Museumsnetzwerk Rhein-Maas vernetzten kleineren und größeren Museen auf individuelle Weise.

Passend zum Profil des eigenen Hauses. Natürlich ist das nicht so ein spektakuläres Neuland wie bei „Kolumbus entdeckt Amerika“. Trotzdem ist die Entwicklung von Alltagsprozessen hoch spannend.

Da spricht die Alltagshistorikerin…

Ja klar. Alltag bedeutet nicht unbedingt Revolution, sondern ist Prozess, Schritt für Schritt. Überhaupt glaube ich, ist der Satz sehr zutreffend, dass man einen Teelöffel so polieren kann, dass sich die Welt drin spiegelt.

Im Falle der ollen Rübe aber war es tatsächlich fast eine Revolution, die den Alltag grundlegend verändert hat: die Arbeit, die Landschaft, den Geschmack, unsere Kochgewohnheiten, die Vorratshaltung durch Zuckerkonservierung bis hin zur Erziehung, in der Süßes als Ansporn dient.

Nach so viel zuckersüßer Geschichte – können Sie Süßes überhaupt noch sehen?

Mir schmeckt es nach wie vor. Obwohl, so einige Sachen, die ich früher gern gegessen habe, sind mir heute tatsächlich zu süß. Aber wie heißt es so schön? Alle sieben Jahre ändert sich der Geschmack. Ganz ohne Zucker geht es natürlich nicht!

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