Interview

Wie kommt man denn auf so eine kernige Idee, Frau Rath?

Hanna Rath macht seit 2017 Schmuck aus Avokadokernen.

Hanna Rath macht seit 2017 Schmuck aus Avokadokernen.

Am Niederrhein.   Statt auf dem Müll landen Avocadokerne nun in den Händen von Hanna Rath. Sie macht daraus Ohrringe oder Halsketten, die heißen dann: Havocarto.

Die Avocado ist eine Trendfrucht, sie schmeckt und ist gesund. Nach dem Genuss bleibt der Kern übrig. Ab in die Biotonne damit. Hanna Rath macht etwas anderes mit den Kernen. Sie macht daraus Schmuck. Havocarto heißt ihre Marke. Eine Kunst, die die 26-Jährige Schritt für Schritt weiterentwickelt hat. Ihre Unikate verkauft sie im Raum Köln, im Sauerland, aber vor allem am Niederrhein. In St. Hubert, einem Stadtteil von Kempen, haben wir mit Hanna gesprochen.

Seit wann machst du Schmuck aus Avocadokernen?

Seit März 2017 mache ich das. Damals war ich im Urlaub auf La Gomera in Spanien und habe auf einem Markt einen Stand entdeckt, an dem solcher Schmuck verkauft wurde. Ich habe mir gleich ein paar Ohrringe gekauft und wusste, das wird mein neues Hobby.

Woher bekommst du dein Material, also die Kerne?

Lustigerweise mag ich selbst schon mal keine Avocado, bin also auf andere angewiesen, die mir die Kerne aufbewahren. Das sind zum einen Freunde und Familie. Ich habe aber irgendwann gemerkt, dass das nicht mehr reicht, weil immer mehr Anfragen kamen. Deshalb habe ich vegane Cafés abgeklappert. Die waren erstmal überrascht über meine Nachfrage, wollten aber oft direkt sehen, was ich aus den Kernen mache. Mittlerweile ist eines dieser Cafés sehr zuverlässig und stellt einen Eimer pro Woche für mich zurück.

Dann sind die Kerne aber wahrscheinlich noch nicht in dem Zustand, in dem du direkt mit der Bearbeitung beginnen kannst?

Richtig. Das will ich aber auch nicht, sonst hätten die Mitarbeiter des Cafès noch mehr Arbeit durch mich. Also sind die nicht extra gewaschen und teilweise schon etwas vergammelt. Ich pule dann direkt die Reste der Frucht ab, wasche die Kerne und schäle sie noch ‘mal. Dann kann ich die meisten Kerne auch für meinen Schmuck verwenden.

Und wie gehst du an so einen Kern heran, mit einer Idee oder schnitzt du einfach drauf los?

Zuerst schaue ich, welche Aufträge ich noch offen habe. Manchmal wünschen die Interessenten sich auch, dass ich etwas doppelt oder nochmal anfertige. Das nimmt schonmal die meiste Zeit in Anspruch. Erst dann kann ich neue Muster oder Formen ausprobieren.

Worauf musst du beim Schnitzen besonders achten?

Tatsächlich sind die Kerne nach dem Schälen sehr weich und lassen sich gut bearbeiten. Nur wenn ich einen falschen Schnitt mache, sehe ich das nicht direkt. Erst, wenn der Kern getrocknet ist, sehe ich jeden kleinen Fehler, weil sich der Kern dunkel färbt. Dabei können auch Millimeter entscheidend sein. Pro Stück brauche ich dann schon ein bis zwei Stunden.

Was wird denn am meisten gekauft?

Ganz klar die Ohrringe. Meistens die, in die ich Steine oder Muscheln eingesetzt habe, die ich von meinen Reisen mitgebracht habe. Gleichzeitig sind die Ohrringe auch das Schwierigste. Denn so ein Kern ist ein Naturprodukt, das sich beim Trocknen zusammenzieht. Da kommt es nicht selten vor, dass der Stein wieder aus dem Kern herausspringt. Das ist auf der einen Seite Übungssache, auf der anderen kann ich nicht immer beeinflussen, ob es am Ende auch klappt.

Mit welchem Werkzeug bearbeitest du die Kerne?

Das hat sich im Laufe der Zeit auch verändert. Ich habe mit einem Küchenmesser angefangen und schnell gemerkt, dass das nicht so gut funktioniert. Die Stücke von damals habe ich auch noch und da liegen Welten zwischen denen, die ich heute verkaufe. Mittlerweile habe ich spezielles Schnitzwerkzeug, das man auch für Holz verwendet, mit verschiedenen Aufsätzen. Mein Vater hat mir noch einen Bohrer besorgt, mit dem ich die Löcher besser ausschneiden kann. Ansonsten geschieht auch alles in Handarbeit.

Wie hast du denn deinen ersten Schmuck an den Mann oder an die Frau gebracht?

Am Anfang waren es nur Familie und Freunde, denen ich meinen Schmuck gegeben habe. Meine Mutter hat meinen Schmuck dann während der Arbeit getragen und wurde von Kollegen angesprochen, die sich dafür

interessiert haben. Ähnlich bei meiner Schwester in der Schule. Und die haben dann Aufträge an mich weitergegeben. So kam das ganze ins Rollen.

Bedienst du ein bestimmtes Klientel?

Mein Schmuck ist ja ganz klar kein Modeschmuck. Die ersten Reaktionen sind oft zögernd aber neugierig. Der Schmuck fällt nämliche auf eine alternative Art und Weise auf. Er ist zum einen vegan und auch recycelt, spricht also Leute an, denen eben das wichtig ist. Außerdem steht er jedem, egal welche Haarfarbe er hat oder welchen Kleidungsstil er bevorzugt, Naturfarbe geht immer. Und so entdecken auch Leute, die sonst eher Modeschmuck tragen, den Avocadoschmuck für sich.

Und wie ist es dann für dich, wenn Leute deinen Schmuck kaufen?

Ich habe seltsamerweise gemischte Gefühle dabei. Das habe ich auch von anderen gehört, die eigenen Schmuck verkaufen. Wenn ich etwas zum Verkauf anbiete, finde ich den Schmuck auch selbst sehr schön. Ich freue mich auf der einen Seite dann, wenn sich jemand für ein paar Ohrringe interessiert, bin gleichzeitig aber auch traurig, dass ich es hergeben muss. Denn jedes Stück von mir ist ein Unikat und ich weiß, dass der nächste Ohrring wieder anders aussehen wird, auch, wenn ich ihn genauso bearbeite wie das Paar, das ich verkauft habe.

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Hauptberuflich ist Hanna Heilerziehungspflegerin in Köln. Dort betreut sie an vier Tagen in der Woche Menschen mit Autismus in deren eigenen Wohnungen.
Ihr Hobby als Schmuckdesignerin ist für sie eine willkommene Abwechslung, denn beim Schnitzen kann sie entspannen. Deshalb war es ihr wichtig, nicht in Vollzeit zu arbeiten, um weiterhin genügend Zeit für ihren Schmuck zu haben.


Hanna Rath erreicht man über die sozialen Netzwerke Instagram: www.instagram.com/havocarto/ und Facebook: www.facebook.com/HavocARTo/. Dort veröffentlicht sie auch regelmäßig Bilder von ihrem Schmuck.

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