Musikfestival

Woodstock am Niederrhein

Jannette van Olst und Ton Aalbers spielen auf ihren Instrumenten im Garten von Ton Aalbers.

Jannette van Olst und Ton Aalbers spielen auf ihren Instrumenten im Garten von Ton Aalbers.

Foto: Thorsten Lindekamp

Kranenburg.   Blümchen im Haar, Bierbänke und Kerzenschein. Dazu verflixt gute Musik, live natürlich. In Zyfflich geht wieder die Post ab. Das Dorf rockt

Wo Deutschland aufhört, gibt es noch Zyfflich. Dass der 500-Seelen-Ort mit dem letzten Buchstaben des Alphabets anfängt, passt ganz gut. Felder gibt es hier und Störche. Eine Kirche, eine Gaststätte und einen kleinen Kindergarten. Man hat einen schönen Blick in die wunderbare niederrheinische Landschaft.

Und wenn man die längste Straße durchs Dorf entlangfährt, kommt man sogar ans Meer. Ans Wyler Meer. Genaugenommen handelt es sich um einen See. Aber weil hier die Horizonte so weit sind und der Himmel so groß, erscheint auch das Gewässer bedeutender, als es ist.

Man sollte meinen, dass hier der Hund begraben ist - ist er aber nicht!

Mit anderen Worten: Man sollte meinen, dass hier der Hund begraben ist. Tatsächlich ist hier am ersten Wochenende im Juni aber der Bär los. Das heißt: dieses Jahr ist es das letzte Wochenende im Mai. Dann steigt hier ein Musikfestival.

Freitag: Woodstock in Zyfflich.

Samstag: Blues in Zyfflich.

1000 Karten für jeden der beiden Abende gibt es. Und einen Campingplatz für die, die von weiter her kommen. Und, so versprechen die Veranstalter: eine fantastische Atmosphäre.

Die Veranstalter, das sind Leute aus dem Dorf. Angefangen hat es mit akutem Geldmangel. Und mit ein paar Querschlägern. Und den Frauen. Aber der Reihe nach.

Die einen fragen: Sind wir hier in den Niederlanden? Die anderen fragen: Ist das hier noch Deutschland? Die Antwort: Es ist Zyfflich!

In Zyfflich wohnen Niederländer und Deutsche, Tür an Tür. Man lernt sich kennen, will etwas zusammen machen. Also haben die Frauen sich zusammengetan und einen Schießclub gegründet. Sein Name: „Die grenzenlosen Querschläger.“ Nun war das Schießen ja ganz schön. Aber man will doch auch mal richtig Spaß haben. Nur wie?

Nun könnte man auf die Idee kommen: Legt doch mal Geld zusammen und macht eine Party. Die Zyfflicher sind aber schlauer, immerhin bündeln sie den Verstand aus zwei Nationen. Also kam der bluesbegeisterte Ehemann einer Querschlägerin, Leo Preusding, auf die Idee, einen Bluesabend in der Dorfscheune zu veranstalten. Mit dem Gewinn könnte man dann ja die Party steigen lassen und einen supertollen Musikabend hätte man obendrein. Gesagt, getan. Etwa 200 Besucher waren vor 14 Jahren da. Und viele riefen nach einer Wiederholung.

Eigentlich wollten die Zyfflicher ja nur ein bisschen Geld verdienen, um ein Fest zu feiern. Ein Fest wurde in der Tat daraus, und was für eins!

„Es wurde von Jahr zu Jahr größer“, erzählt Andre Meisters, der von Anfang an mitgemacht hat. Irgendwann reichte die Dorfscheune nicht mehr, also nahm man ein Kirmeszelt dazu. Und jetzt kommt die Sache mit dem Geld. Denn die Dorfscheune, getragen vom Schützenverein, trägt sich nicht von allein.

Hochzeiten feiern kann man hier oder Geburtstage. Aber was ist mit den notwendigen Renovierungsarbeiten? Nun könnten fantasielose Gestalten wieder auf die Idee kommen: Geld zusammenschmeißen, und dann renovieren.

Aber die Zyfflicher ticken bekanntlich anders. Sie begannen vor fünf Jahren, den „Blues in Zyfflich“ mit einem zweiten Event anzureichern. „Woodstock in Zyfflich“ war geboren. Und von Anfang an ein Erfolg: Ausverkauft. „Wir sorgen aber auch wirklich für ein tolles Flair“, sagt Jeannette van Olst, die neue Vorsitzende des Vereins „Blues in Zyfflich“. Da stehen nicht einfach Bierbänke, sondern gedeckte Tische mit Kerzen, viele Woodstocker kommen in passender Woodstock-Kleidung, es gibt Gastronomie und gute Stimmung.

Die Zyfflicher ticken eben anders – und die Musik-Fans kommen in Scharen

Um die 50 Mithelfer aus dem Dorf sorgen für alles. Einmal gab es sogar ein Massagezelt, einmal wurden am Eingang Hawaii-Hemden verteilt. „Wir lassen uns immer etwas einfallen“, sagt van Olst.

Und weil das alles so schön ist, haben sie jetzt auch noch ihre Kirmes samt Schützenfest auf die Tage nach dem Festival verlegt. „Die Besucher des Festivals kommen zur Hälfte aus den Niederlanden, zur Hälfte aus Deutschland“, dröselt der ehemalige Vorsitzende Ton Aalbers die Zahlen auf.

Alle Klischees, die man von niederrheinischen Dörfern und ihren einsiedlerischen Bewohnern hat, treffen in Zyfflich so gar nicht zu. Aalbers: „Die deutschen Besucher fragen oft, ob das hier Holland ist, und die holländischen, ob sie eigentlich in Deutschland sind.“ Gerade die Mischung scheint es zu machen.

Randale und Pöbeleien hat es bislang auch nicht gegeben. Nur einmal gab es eine kleine Aufregung. Da hatte sich ein Besucher eine Erdnuss ins Ohr gesteckt, weil ihm die Musik zu laut war. Um sie wieder rauszubekommen, musste er ins Krankenhaus nach Kleve fahren. Danach, berichtet Jeannette van Olst, sei er aber wieder zurückgekommen und habe weiter mitgefeiert.

>>>

„Woodstock in Zyfflich“ steigt am Freitag, 26. Mai, mit sechs Bands, am 27. Mai dann „Blues in Zyfflich“ mit sieben Bands. Einlass ist jeweils um 19 Uhr. Die Karten kosten jeweils 22 Euro. Es gibt auch Kombikarten und eine Wiese für Camper.

Der Kartenkauf ist im Internet möglich. Für eine ausreichende Zahl an Parkplätzen ist gesorgt, schließlich gibt es in Zyfflich Platz genug. Wer möchte, kann auch als Gast am Sonntag die Kirmes besuchen. Statt auf übliche Fahrgeschäfte setzen die Zyfflicher – wen wundert’s – auf eigene Ideen. Zyfflich ist ein Ortsteil von Kranenburg.
www.festivalinzyfflich.de

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben