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WM 74: Als Rainer Bonhof das Feiern in Emmerich zu viel wird

Lesedauer: 9 Minuten
Großer Empfang in seiner Heimatstadt: Fußball-Weltmeister Rainer Bonhof bekommt von Bürgermeister Franz Wolters Blumen und eine Weltmeisteruhr überreicht.

Großer Empfang in seiner Heimatstadt: Fußball-Weltmeister Rainer Bonhof bekommt von Bürgermeister Franz Wolters Blumen und eine Weltmeisteruhr überreicht.

Foto: NRZ / Archiv

Am Niederrhein.  WM 74: Die Vorlage zum Siegtor gibt Rainer Bonhof aus Emmerich. Dort löst der Weltmeister eine spontane Jubelfeier aus – mit einem abrupten Ende.

Zwei Tage danach will Rainer Bonhof in die Gerhard-Cremer-Straße einbiegen, er kommt aber nicht durch. Vor dem Haus seiner Eltern und rund herum stehen die Menschen und warten – auf ihren Fußballweltmeister. 22 Jahre ist er damals alt, eigentlich noch am Beginn seiner, letztlich großen, Karriere. Am Sonntag, den 7. Juli des Jahres 1974 spielt er sich ins kollektive Gedächtnis der Bundesrepublik Deutschland – und wird zu einem der berühmtesten Söhne seiner Heimatstadt: Emmerich am Rhein.

München, WM-Finale, Deutschland und Holland stehen sich gegenüber. Offiziell 77.833 Menschen im ausverkauften Olympiastadion gucken zu. Die Elftal um König Johan Cruyff ist vermeintlicher Favorit gegenüber den Schön-Jungs um Kaiser Franz Beckenbauer. Später wird in der italienischen Zeitung „Tuttosport“ zu lesen sein: „Vogts jagte Cruyff über den Platz, die holländischen Tulpen verwelkten.“

42. Minute: Rainer Bonhof flankt zum WM-Sieg

Die 42. Minute läuft. Uli Hoeneß führt den Ball in der eigenen Hälfte. Jürgen Grabowski übernimmt, dribbelt an den Spielfeldrand. Mit einem langen Pass schickt er Rainer Bonhof die Linie entlang, der explosiv durchstartet. Er nimmt das schwarz-weiße Leder auf, wird von einem gegnerischen Spieler gestört, täuscht links an, geht rechts vorbei, drängt in den Strafraum, auf der Höhe des Fünf-Meter-Raumes schießt er den Ball mit dem rechten Fuß scharf in die Mitte, in Richtung Elfmeterpunkt.

Dort lauert der Mann mit der Rückennummer 13, der Bomber der Nation. Mit dem rechten Fuß stoppt er den Ball, scheinbar schlecht, die Kugel verspringt. Doch so bleibt Platz genug, damit sich kleines dickes Müller um die eigene Achse drehen kann. Bedrängt von drei Holländern schiebt er den Ball mit rechts am Torwart vorbei ins linke Eck. 2:1, der Siegtreffer. Deutschland wird, 20 Jahre nach Herbergers Wunderding in Bern, zum zweiten Mal Fußballweltmeister.

Vom SuS Emmerich 09 in die Fohlenelf nach Mönchengladbach

Was gleichzeitig in Speelberg, einem Stadtteil von Emmerich los ist, ist heute bloß noch zu erahnen. Hier wohnen die Bonhofs, hier wächst Rainer auf. In einem Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“ erinnert sich der Sohn: „Wir waren eine sechsköpfige Familie, die am 15. nicht wusste, wie sie den Monat rumkriegen soll.“ Von seinem Vater Peter, einst Mittelstürmer bei Schalke 04, erbt er das Talent. Er spielt beim SuS Emmerich 09, in seinem letzten A-Jugendjahr wechselt er als 17-Jähriger zu Borussia Mönchengladbach, wird Bundesliga-Profi.

Trainer der Fohlenelf ist Hennes Weisweiler. Er schwärmt zu Beginn der WM im Juni 1974 im Hamburger Abendblatt: „Der Junge hat eine ganz große Zukunft vor sich.“ Stimmt. Jetzt gerade fängt er klein an, Anfangsgehalt, immerhin: 1.200 Mark im Monat. Ein Halbtagsjob, der gelernte KfZ-Mechaniker arbeitet zunächst noch weiter in einer Werkstatt. Aus seinem Faible für schnelle Autos macht er kein Geheimnis, im Porsche rast er über den Nürburgring. Oder zurück an den Niederrhein, nach Hause in Emmerich.

Speelberg: Aus der Gerhard-Cremer- wird die Rainer-Bonhof-Straße

Am Abend des 9. Julis, übrigens ein Dienstag, um kurz vor halb sieben, will er mit seinem Rennflitzer in die Gerhard-Cremer-Straße einbiegen. Geht aber nicht. Erstens gibt es die Straße an diesem Tag nicht mehr: Fans haben sie kurzerhand in Rainer-Bonhof-Straße umgetauft. Zweites ist es auf dem Asphalt und den Gehwegen so voll – kein Durchkommen mehr. Fans und Schaulustige feiern hier seit vielen Stunden, sind außer sich vor Freude. „Gustav Bartels, der Briefträger in diesem Straßenbereich, sagt es jedem stolz, der es wissen wollte: ‚Ich hab das Revier, in dem der Weltmeister wohnt.‘“, notiert NRZ-Reporter Johnny Karger.

Der umjubelte Jungstar parkt seinen Wagen kurz vor dem Elternhaus, steigt aus, nur mit Hilfe der Polizei kämpft er sich durch die Masse, die ihn mit einem großen Hallo empfängt. Bürgermeister Franz Wolters ist da, der Landtagsabgeordnete Willi Pieper, um mal die beiden politisch wichtigsten zu nennen. Draußen jubelt die Menge, grölt „Rainer Bonhof“, drinnen klingelt unaufhörlich das Telefon, die Mutter weint Tränen der Freude, Rührung und Überwältigung. Der Vater flüchtet kurzfristig, um sein altes Herz bei einem Spaziergang zu beruhigen.

Schluss mit lustig, das spontane Ende der spontanen Party

Und Rainer Bonhof? Feiert nach dem WM-Sieg durch die Münchner Nacht, feiert am nächsten Tag in Frankfurt beim Empfang im Rathaus am Römerberg und abends beim Festbankett im Hilton-Hotel. Fliegt am Dienstag nach Düsseldorf, fährt nach Mönchengladbach, wo er sieben Kilometer entfernt vom Bökelberg in einem Junggesellen-Apartment wohnt – und braust dann ins überschäumende Speelberg. Wie viele Stunden der jüngste Spieler der Siegermannschaft geschlafen hat? Es werden nicht allzu viele gewesen sein.

„Sichtlich geschwächt von den Anstrengungen der letzten Stunden, wirkte er beim triumphalen Empfang wie versteinert“, ist in der NRZ zu lesen. Schließlich ist er so erschöpft, dass er sich – von totaler Blässe gezeichnet – ins Sofa setzt und die Gäste unwirsch auffordert, das Haus zu verlassen. Es muss der Moment sein, als das alles zu viel wird „für den jungen Mann aus Emmerich, der auf den Brettern des Ruhms noch grün hinter den Ohren ist“, mutmaßt NRZ-Reporter Johnny Karger. Dann sieht und hört er das Ende dieses außerplanmäßigen, ungewöhnlichen und unvergessenen Feiertages: „Der Star blickt in die Runde, für die Honoratioren der Stadt, unter anderem die Frau des Bürgermeisters, hat er nur einen Satz: ‚Haut jetzt alle ab!‘“

WM 74: Von der Ersatzbank zum Passgeber des Siegtreffers

Nicht erst seitdem hält sich unter, zumeist älteren, Journalisten hartnäckig das Vorurteil, Rainer Bonhof sei ein schwieriger Typ. Der Ruf, arrogant zu wirken, eilt ihm schon vor seinem internationalen Durchbruch bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land voraus. „Tatsächlich strahlt er auf dem Platz sehr viel Selbstvertrauen aus und ist mitunter auch schon recht keß“, schreibt Wolfgang Thiel vom Hamburger Abendblatt. Und zitiert ihn mit den Worten: „Ich kann niemandem auf die Schulter klopfen, von dem ich weiß, dass er Fußballreporter ist und über mich schreiben will. Er müßte doch annehmen, daß ich mir nur bei ihm einschmeicheln will, um eine bessere Kritik zu bekommen.“ Eine ehrliche und klare Ansage, die es ihm aber nicht leichter macht.

Doch Rainer Bonhof ist ein Kämpfer, neben und auf dem Platz. Die WM 74 beginnt der Benjamin in der Mannschaft auf der Ersatzbank. Nach der peinlichen 0:1-Niederlage gegen die DDR und der legendären Nacht von Malente, als Kapitän Beckenbauer sozusagen Teamchef wird, rückt er plötzlich in der Startelf: für den Kölner Bernd Cullmann. Beim 2:0-Sieg gegen Jugoslawien und beim 4:2-Sieg gegen Schweden, beide im Rheinstadion in Düsseldorf, ist er dabei. Gegen Jugoslawien stellt er deren Spielmacher Branko Oblak kalt, gegen Schweden trifft er zum 2:1. Sein erstes von neun Länderspieltoren, bei 53 Einsätzen.

Lob von Fritz Walter, Ehrenmitglied bei Eintracht Emmerich

Und nach dem 1:0-Sieg gegen Polen in der berühmten Wasserschlacht von Frankfurt, bekommt er ein Sonderlob von Fritz Walter: „Er hat den Spielmacher der Polen, Deyna, bewacht und ihn im Verlauf des Spiels immer mehr ausgeschaltet. Das ist schon eine beachtliche Leistung für einen so jungen Mann mit so wenig Länderspielerfahrung“, schwärmt der Ehrenspielführer der Nationalmannschaft in seinem WM-Buch (Trauner Verlag, Linz).

Nicht schlecht für den ehemaligen Kicker des SuS Emmerich 09, der für 33.000 Mark in die Bundesliga wechselt, und dessen erster Jugendtrainer Dieter van Fürden sich sehr viel später an einen „jungen, ruhigen und sensiblen Typen“ erinnert. Die Verbindung zu seinem ersten Verein besteht immer noch, seit dem Jahr 2009 ist Rainer Bonhof Ehrenmitglied bei Eintracht Emmerich, dem Nachfolgeklub. Immer mal wieder kommt er hierher, der Weltmeister von 74.

Es kommt also doch etwas anders, als er dem Abendblatt-Journalisten Thiel im Juni vor seinem persönlichen Sommermärchen auf dessen Frage nach seiner Zukunft antwortet: „Vielleicht habe ich dann eine kleine Autofirma. Möglicherweise gehe ich dann auch wieder in meinen Beruf als Kraftfahrzeugmechaniker zurück.“

Nachtrag: Am 25. August 1974 richtet die Stadt Emmerich einen offiziellen Empfang für ihren Weltmeistersohn Rainer Bonhof aus. Wieder sind die Menschen aus dem Häuschen, feiern den Fußballer. Unter der Last des Ansturmes stürzt eine Mauer am Rathaus ein, 19 Zuschauer verletzten sich dabei.

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