Medizin

Zu viel des Guten

Am Niederrhein.   Am 18. November sind unsere Aktionstelefone in Moers frei geschaltet. Experten geben Tipps zum richtigen Umgang mit Antibiotika

Haben Sie heute schon geniest? Wenn ja: Gesundheit, denn genau darum geht es doch. Wer gesund ist, fühlt sich gut und ist leistungsfähig. Was aber ist richtig, wenn das mit dem Niesen nicht aufhört und eine Erkältung im Anzug ist? „Schonen Sie sich, trinken Sie viel und bleiben Sie zuhause“, rät etwa Dr. Rüdiger Rau vom Fachdienst Gesundheit vom Kreis Wesel. Eines kann er mit Sicherheit sagen: „Bei Erkältungskrankheiten sind Antibiotika wirkungslos.“

Auf dem 4. Platz

Dieser wirkungslose Einsatz von Antibiotika macht nicht nur Dr. Rau seit einiger Zeit Sorgen. In Europa, das haben Untersuchungen ergeben, liegt Deutschland beim Verbrauch von Antibiotika auf einem nicht unbedingt erstrebenswerten 4. Platz. Die meisten Antibiotika werden danach im ambulanten Bereich, also zum Beispiel beim Hausarzt verschrieben. Das Gesundheitsministerium des Bundes hat schon 2011 eine Studie vorgelegt, nach der bis zu 80 Prozent der grippalen Infekte mit Antibiotika behandelt werden, obwohl sie in diesen Fällen unwirksam sind. Der Antibiotika-Report einer Krankenkasse aus dem vergangenen Jahr zeigt: „30 Prozent der Antibiotika-Verordnungen sind unnötig und widersprechen den medizinischen Leitlinien.“

Eigentlich sollen Antibiotika ja helfen. Sie können Bakterien bekämpfen und so helfen, Entzündungen im Körper zu beseitigen. Seit vielen Jahren sind Antibiotika wirksam bei der Bekämpfung von Infektionen. Das ist ein wichtiges, aber eben auch begrenztes Einsatzgebiet. Bei Viren zum Beispiel sind Antibiotika wirkungslos, werden aber, wie die Studien zeigen, offenbar dennoch eingenommen.

Dabei sind die Gefahren, die von diesem unsachgemäßen Gebrauch von Antibiotika ausgehen, nicht zu unterschätzen. Es können sich Bakterien entwickeln, die gegen Antibiotika widerstandsfähig sind. Die Folge: Menschen, die solche resistenten Bakterien in sich tragen, können nicht mehr wirksam behandelt werden. Im Klartext: Infektionen können in diesen Fällen nicht mehr bekämpft werden. Die Verantwortung liegt bei jedem Einzelnen. Deshalb rät Dr. Rüdiger Rau vom Kreis Wesel: „Nehmen Sie Antibiotika so wenig wie möglich ein, jedoch so oft wie es zwingend erforderlich ist.“

Beim Kreis Wesel hat man die Gefahren, die von einem übertriebenen Einsatz von Antibiotika ausgehen können, früh erkannt. Seit 2008 gibt es das so genannte MRSA-Netzwerk. Die Abkürzung steht für den Fachbegriff Multiresistenter Staphylococcus aureus, also: Bakterien, die gegen viele Arten von Antibiotika widerstandsfähig sind. Alle acht Krankenhäuser des Kreises arbeiten im Netzwerk mit. Nach dem Motto „Erreger kennen keine Grenzen“ gibt es seit 2009 das „EurSafety-Health-net“, ein deutsch-niederländisches Projekt mit Ansprechpartnern zum Beispiel in Nimwegen. Inzwischen sind auch niedergelassene Ärzte, Alten- und Pflegeheime, Rettungs- und Krankentransportdienste Teil des grenzübergreifenden Projektes. So ist es zum Beispiel gelungen, einheitliche Hygienestandards im Kreis Wesel einzuführen.

Öffentlichkeit aufklären

Immer wieder gibt es Treffen und Informationsveranstaltungen des deutsch-niederländischen Projektes gegen multiresistente Keime. Entstanden sind so zum Beispiel Qualitätsziele für die beteiligten Krankenhäuser in den Bereichen Hygiene und Prävention, die erreicht werden sollen und einzuhalten sind. Entsprechende Gütesiegel wurden in diesem Mai von den Projektleitern, Professor Alex W. Friedrich (Groningen) und Professor Andreas Voss (Nimwegen) und Landrat Dr. Ansgar Müller überreicht. Ebenso erhielten 17 Alten und Pflegeheime aus dem Kreis Wesel ein EurSafety-Gütesiegel zum Infektionsschutz.

Damit ist die Arbeit des Fachdienstes Gesundheit beim Kreis Wesel natürlich nicht beendet. Es wird auch künftig Treffen, Informationsveranstaltungen und Beratungen geben. Ein wichtiger Punkt rückt jetzt in den Mittelpunkt: die Aufklärung der Öffentlichkeit über die Gefahren von unsachgemäßem Antibiotika-Einsatz.

Zusammen mit der Knappschaftskrankenkasse und dieser Zeitung informiert der Kreis Wesel über die Gefahren von unsachgemäßer Antibiotika-Einnahme. Für eine Telefon-Sprechstunde stehen am Mittwoch, 18. November, Dr. Manfred Peters und Professor Dr. Andreas Voss unseren Leserinnen und Lesern für Fragen zum Thema zur Verfügung. Der 18. November ist der Europäische Antibiotika-Tag.

Der Kamp-Lintforter Dr. Manfred Peters ist Allgemeinmediziner und Knappschaftsarzt. Einer seiner Schwerpunkte liegt auf Naturheilverfahren. Andreas Voss ist Professor für Infektionsprävention und gehört zu den europaweit führenden Experten auf dem Gebiet der Infektions- und Krankenhaushygiene. Am Mittwoch, 18. November, 17 – 18 Uhr am Aktions-Telefon: Dr. Manfred Peters, Tel. 02841 / 14 07 32 und Prof. Dr. Andreas Voss, Tel. 0 28 41/14 07 52.

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