Hollands wilder Westen

Zwischen Zoutelande und Westkapelle

Wo der Kirchturm leuchtet: Das Wahrzeichen von Westkapelle ist schon von weitem zu sehen und kann über 218 Stufen erklommen werden.

Wo der Kirchturm leuchtet: Das Wahrzeichen von Westkapelle ist schon von weitem zu sehen und kann über 218 Stufen erklommen werden.

Foto: Lisette van Peenen

Zeeland.  Der vierte Teil unserer Zeeland-Serie führt in Hollands wilden Westen. Hier lohnt es sich, einfach mal nur dem Wind zu lauschen.

Nachdem die Band BLØF vor einigen Jahren mit ihrem Song „Zoutelande“ die niederländischen und belgischen Charts stürmte, stiegen die Übernachtungszahlen in Zeeland noch einmal deutlich an. Der regionale Tourismusverband spricht deshalb auch vom „Zoutelande-Effekt“.

Ich schaue vom Deich aus über den Küstenort, der dem schönen Nummer-eins-Hit seinen Namen gab. Es ist Dienstag und eine Reihe von Marktständen säumt die Promenade. Urlauber schlendern an Obst und Gemüse, Käse und Fisch, Grußkarten und Strandtüchern entlang. Auf der anderen Deichseite braust die Nordsee in der Mittagssonne. Der Appetit auf etwas Herzhaftes lockt mich jedoch die Stufen in Richtung Stadt hinunter. Wenige Meter hinter dem Strand gibt es einen Ort, an dem sich alles um frisch gebackenes Brot dreht. Bester Anlaufpunkt für eine kleine Stärkung.

Der Duft von Zoutelande

Walnuss-Dattel-Cranberry, Haselnuss-Feige oder einfach nur Vollkorn warm aus dem Ofen: Auf der Theke des Hof van Zoutelande stapelt sich Selbstgebackenes. Gäste können die Brote für Zuhause kaufen oder in der kleinen Stube Platz nehmen. Ich suche mir einen der Tische zum Garten hin aus und bestelle als „Brot-Beilage“ eine Möhrensuppe, dampfend heiß und richtig lecker. Geführt wird der Laden von einem fröhlichen Mutter-Tochter-Gespann. „Im letzten Winter haben wir einen Kurs belegt, um noch mehr über Zeeland zu lernen und unseren Gästen gute Tipps geben zu können“, erzählen Maggy und Ryan Kitslaar. „Dazu gehörte zum Beispiel auch, dass wir uns einfach an den Strand stellten und dem Wind zuhörten.“

Das klingt verführerisch, doch auf meinem Nachmittagsprogramm steht erstmal noch sportliche Betätigung.

Im etwa fünf Kilometer entfernten Westkapelle erwartet mich „Leuchtturmwärter“ Adrie Provoost. Mit gut 35 anderen Ehrenamtlern setzt er sich dafür ein, die lange Geschichte der beiden Westkapeller Leuchttürme lebendig zu halten. Ein Turm aus rot-weißem Gusseisen steht am Deich, ein anderer aus Backsteinen ragt etwas weiter von der Küste entfernt aus dem Dächermeer hervor. Er markiert die Dorfgrenze. Wer „hinterm Turm“ wohnt, so sagt man in Westkapelle, kommt nicht von hier. Provoost lässt mir die Wahl, welches der beiden historischen Bauwerke ich besichtigen möchte.

Ich entscheide mich für den Backstein-Turm – weil er höher ist und bei genauerem Hinsehen eine besonders spannende Vergangenheit hat. Vor dem Riesen stehend sieht man es ganz deutlich: Früher gehörte der Turm einmal zu einer Kirche. Nach einem Brand blieb nur der Kirchturm stehen, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Lichtanlage und damit eine neue Funktion bekam.

In Westkapelle brennt noch Licht

Über eine schmale Wendeltreppe gelangen wir nach oben. 218 Stufen führen Besucher vorbei an der ehemaligen Wohnung des Leuchtturmwärters und schließlich auf das Dach. Von hier haben wir einen Panoramablick auf das tiefblaue Meer und einige Containerschiffe, die schwer beladen und unglaublich nah an der Küste entlang fahren. „Der Beruf des Wärters war früher sehr beliebt“, so Provoost. „Er war sicher, weil es immer jemanden geben musste, der das Leuchtfeuer brennen ließ.“

Bei den vielen Deicharbeitern im Dorf sei das anders gewesen. Sie verdienten nur dann Geld, wenn ein Deich gebaut oder nach einem Sturm repariert werden musste. „Deshalb haben die Frauen früher bei sehr schlechtem Wetter Pfannkuchen gebacken. Sie wussten, dass die Arbeiter es sich am nächsten Tag würden leisten können, sie ihnen abzukaufen.“

Dem jahrhundertealten Handwerk der Deichbauer ist im frisch renovierten Museum Het Polderhuis eine kleine Ausstellung gewidmet. Vom Dach des Leuchtturms kann ich das Gebäude schon sehen. Es steht genau dort, wo die Alliierten im Oktober 1944 den Westkapeller Deich bombardierten, um die Insel Walcheren – damals noch in der Hand deutscher Soldaten – zurück zu erobern. Durch ein hundert Meter großes Loch floss das Meerwasser ins Dorf.

Beim Gang durch das Museum erwacht die Zeit vor und nach der Bombardierung zum Leben. Schwarz-Weiß-Fotos, Flugzettel, hastig gepackte Koffer und Erinnerungen der Dorfbewohner: Schnell bin ich mitten drin und unglaublich berührt. Über die Liberty Bridge des Polderhuis laufe ich langsam hoch auf den Deich. Wie viele Zeeländer und Besucher hier wohl schon standen und ihren Gedanken nachhingen?

Weitere Infos zur Region auf www.vvvzeeland.nl/de.

Adressen / Webseiten: Hof van Zoutelande, Willibrordusplein 24, 4374 AX Zoutelande, www.hofvanzoutelande.nl; Het Polderhuis, Zuidstraat 154-156, 4361 AK Westkapelle, www.polderhuiswestkapelle.nl; Hotel Kaap West, Joossesweg 35, 4361 KG Westkapelle, www.hotelkaapwest.nl/de

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