Reise durch Europa

Politiker aus der Region begrüßen Gratis-Interrailtickets

Mit dem Rucksack durch Europa – das geht mit Interrail.

Mit dem Rucksack durch Europa – das geht mit Interrail.

Foto: Patrick Seeger

In Europa.   Die Europäische Union verschenkt 15 000 Interrail-Tickets an Jugendliche. Initiatoren wollen weiter ein kostenloses Ticket für alle 18-Jährigen.

Ein Augustmorgen, irgendwo zwischen Jütland und Kopenhagen: Der Nachtzug hat vier Stunden Verspätung, ruckelt gemächlich an Dörfchen vorbei, als das erste Sonnenlicht auf gold-gelbe Felder fällt, zwischendurch blitzt das Meer hervor. Der Zug ist so alt, dass sich noch die Fenster öffnen lassen, Kopf in den Wind halten – das muss die Freiheit sein!

Generationen von jungen Menschen haben Europa mit dem Interrailticket bereist. Sie alle können Geschichten erzählen von geklauten Schuhen am Adriastrand in Italien, von unbequemen Nächten in Gepäcknetzen zwischen Rom und Florenz, von verpassten Anschlüssen in Südfrankreich, von langen Märschen durch die Mittagshitze Andalusiens oder abenteuerlichen Reisebekanntschaften im Rotlichtviertel von Amsterdam.

Seit 46 Jahren gibt es das Interrailticket nun – und in diesem Sommer können zumindest einige Jugendliche umsonst damit fahren: Die Europäische Union verschenkt 15 000 Tickets an 18 Jahre alte EU-Bürger, die sich seit dieser Woche bewerben können.

Wer mitmachen will und zwischen Juli und September bis zu 30 Tage durch Europa fahren möchte, muss online seine Reisepläne angeben und fünf Fragen zur europäischen Kultur beantworten – die Vergabe erfolgt nach Länderquoten.

Idee kommt aus Deutschland

Die Idee für die kostenlosen Zugtickets wird schon seit einiger Zeit diskutiert. Zurück geht sie auf die beiden Aktivisten Martin Speer und Vincent-Immanuel Herr, die 2014 für ein Forschungsprojekt sechs Wochen mit dem Zug auf dem Kontinent unterwegs waren. Diese Reise hat ihn verändert, erzählt Martin Speer: „Vorher waren wir Europäer in der Theorie, danach Europäer aus Erfahrung.“

Für den 31-Jährigen ist Europa seitdem mehr als nur ein abstraktes politisches Gebilde, sondern „ein Gefühl, man könnte sogar sagen eine Weltanschauung.“ Nach einem Gespräch mit dem österreichischen Autoren Robert Menasse („Die Hauptstadt“) kam der Gedanke auf, sich für die kostenlosen Interrailtickets einzusetzen. Nach vielen Artikeln und Präsentationen griff die Europäische Kommission das Projekt auf und nachdem auch das Parlament dem Ganzen zugestimmt hatte, startet in diesem Sommer das Pilotprojekt..

„Das ist ein klasse erster Schritt, wir freuen uns, dass es nun los geht“, sagt Martin Speer. Abgeschlossen ist die Sache für ihn aber noch nicht. „Unser Ziel war es von Anfang an, dass jeder EU-Bürger zum 18. Geburtstag ein Ticket bekommt, dafür setzen wir uns weiter ein.“ Immerhin sollen im Herbst 5000 weitere Tickets dazu kommen und wenn EU-Parlament und Rat zustimmen, könnten zwischen 2021 und 2027 insgesamt 700 Millionen Euro für weitere Reisen bereitstehen – das würde Interrail-Tickets für rund 1,5 Millionen junge Europäer bedeuten. Beim Gratisticket gibt es allerdings Einschränkungen zum herkömmlichen Interrail, so dürfen etwa nur maximal vier Länder bereist werden.

Auch eine politische Dimension

Angesichts von Brexit, populistischen Regierungen oder Abschottungstendenzen hat das Freiticket im Jahr 2018 auch eine politische Bedeutung – und ist gewissermaßen eine große Imagekampagne für die oftmals als sperriges Bürokratiemonster wahrgenommene Europäische Union.

Europapolitiker aus der Region begrüßen das Symbol für ein offenes Europa. „Es geht darum, dass junge Menschen sich gegenseitig besser kennenlernen“, sagt Karl-Heinz Florenz, CDU-Abgeordneter im Europaparlament für den Niederrhein. „Früher hat man gesagt: Wer miteinander reist, der schlägt sich nicht, da ist immer noch etwas dran, denke ich.“

Auch der SPD-Abgeordnete Jens Geier aus Essen hält die Idee grundsätzlich für sinnvoll, allerdings spricht er sich dafür aus, keine Unsummen in dieses Projekt zu stecken – sondern stattdessen lieber das Austauschprogramm Erasmus zu stärken. Für die Gelsenkirchener Grünen-Abgeordnete Terry Reintke eröffnet das Gratisticket „Möglichkeiten zu erkennen, wie wertvoll Europa ist.“ Sie selbst hat sich nach dem Abitur per Interrail auf in den Osten gemacht. „Das hat mich unglaublich verändert und meinen Horizont erweitert.“

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