NRZ-Serie Zeitreise

Rätsel im Aachener Dom: das Mühlespiel im Marmor

Der Thron im Aachener Dom: Über Jahrhunderte nahmen die frischgekrönten Herrscher hier Platz.

Der Thron im Aachener Dom: Über Jahrhunderte nahmen die frischgekrönten Herrscher hier Platz.

Foto: Lars Heidrich

Aachen.   Besuch im Aachener Dom – über Jahrhunderte Krönungskirche der deutschen Könige: Das Geheimnis um die Herkunft des Doms ist noch nicht gelüftet

Königwerden hat ja gedauert. Wenn das Salben und Angekleidetwerden im Altarraum erledigt war, wenn das Haupt gekrönt und das Zepter überreicht war, dann ist der neue Herrscher in die erste Etage gestiegen, also ins Hochmünster des heutigen Aachener Doms. Dort steht ein schlichter Marmorsessel, noch ein paar Stufen hinauf, da hat der neue Herrscher Platz genommen. Und dann erklangen Jubel und „Hoch!“-Rufe“ von Adel und Klerus in der Kirche. Dann hatte das Heilige römische Reich deutscher Nation wieder einen König. Über Jahrhunderte wurden die Könige in Aachen gekrönt.

„Schauen Sie mal genau hin“, sagt Birgitta Falk. Die Kunsthistorikerin und Leiterin der Domschatzkammer zeigt auf eine Seite des Karls-Throns.

Striche im Marmor, parallel angeordnet, sich kreuzend, da ist was eingeritzt... Ein Labyrinth? „Das ist ein Mühlespiel“, erklärt Falk – immer schon da gewesen. Das Spiel könnte ein Beleg für die These sein, dass die Marmorplatten des Throns zuvor Marmorfußbodenplatten in der heiligen Stadt Jerusalem waren – und dort Alltag, inklusive Kinderspiele, durchlebt haben.

Das Rätsel um die Herkunft des Thrones zu lösen, seinen Marmor mit dem in Jerusalem zu vergleichen, das ist noch eine Aufgabe für die Wissenschaft. Von Otto dem Großen (936) bis zu Ferdinand I. (1531) haben frischgekrönte Herrscher auf diesem Stuhl Platz genommen. Karl der Große selbst (747 oder 748 bis 814) hatte sich in Rom zum Kaiser krönen lassen. Ohne ihn würde es den wunderbaren Dom nicht geben.

Karl beauftragte den Bau der Kirche als achteckige Pfalzkapelle, die den Kern des Domes bildet. Die Grundsteinlegung erfolgte 795, die Fertigstellung um 803 – grandios für ein Bauprojekt dieser Größe. „Das zeigt wie viel an Geld und Manpower in das Vorhaben geflossen sein müssen“, erklärt Falk. Das Kirchen-Innere, das im Laufe der Jahrhunderte um viele Anbauten ergänzt wurde, ist 33 Meter hoch.

Fürs kleine, in der Bauphase nur wenige Tausend Bürger zählende Aachenn (aber auch für alle anderen Menschen der damaligen Zeit insgesamt) muss die Kirche ein Staunen erweckendes Gebäude gewesen sein. Heute ist sie das einzige, komplett erhaltene Zeugnis karolingischer Baukunst, 1200 Jahre alt und seit dem Jahr 1978 Weltkulturerbe. Kriege und Naturgewalten hat die Kirche überstanden. Im Zweiten Weltkrieg wurden nur die Fenster zerstört, die allerdings komplett. Vom großen Erdbeben schon während der Bauphase zeugt heute noch ein Riss im Gemäuer (zu sehen hinterm Thron).

Heiligtümer verborgen im Marienschrein

Gestaunt wird bis heute. Gut 1,3 Mio Besucher strömen pro Jahr in die Kirche, es gibt rund 10 000 Führungen. Viele Gäste aus den nahen Niederlanden und dem ebenso nahen Belgien sind dabei, aber auch viele französische Schulklassen. Den Franzosen gilt Karl der Große als Gründervater der Nation.

Der goldene Ambo, Barbarossaleuchter, Pala d’Oro das Gnadenbild (wird im Laufe des Jahres immer wieder neu eingekleidet), den Karlsschrein in der Chorhalle (2,04 Meter lang, 57 cm breit, bewahrt die Gebeine des Kaisers auf), die Wandbemalung und noch viel mehr: Es gibt unfassbar viel zu sehen im Dom. Die Aachener Heiligtümer aber (Kleid Mariens, Windel Jesu, Lendentuch Jesu, das Enthauptungstuch Johannes des Täufers) gibt es aktuell nicht zu sehen – erst 2021 wieder. Dann werden sie zur nächsten Heiligtumswallfahrt aus dem Marienschrein entnommen. In welchem Zustand sie dann wohl sein werden? „Im Dunkeln überdauern Textilien ewig“, sagt Birgitta Falk.

Nicht täuschen lassen darf man sich vom feingemaserten Marmor und den Mosaiken, mit denen das historische Achteck des Domes ausgekleidet sind. Beides wirkt toll, Wilhelm II. hat es aber erst vor gut 120 Jahren anbringen lassen. Auch der Klangteppich im Kirchen-Inneren war einst ein anderer – kein Touristengemurmel, stattdessen die Kirche als Ort von Musik und ständiger Gebete, gesungen und gesprochen: „Das war hier alles erfüllt von Musik und Gesang.“

>>>>> KINDER FÜHREN KINDER DURCH DEN DOM

Erwachsenen zuzuhören, das kann anstrengend sein. Kinder wissen, was Kinder interessiert. In Aachen gibt es spezielle Führungen: Kinder führen Kinder (ab vier Jahren) durch den Dom. Die acht bis 14 Jahre jungen Führer haben sich zuvor ein ganzes Jahr über den Dom schlau gemacht (Infos zu diesen und anderen Führungen unter www.aachenerdom.de.).

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