Bergbau

Auf Prosper Haniel in Bottrop endet die Regel-Förderung

Auch für Thomas Marr sind die Tage in der Schwarzkaue gezählt. Ende November wird er hier zum letzten Mal seine Sachen aufhängen.

Foto: Lars Heidrich

Auch für Thomas Marr sind die Tage in der Schwarzkaue gezählt. Ende November wird er hier zum letzten Mal seine Sachen aufhängen.

Bottrop.   Auf Deutschlands letzter Zeche Prosper Haniel endet am Freitag der Regelbetrieb. Die Fördermenge für 2018 ist erreicht. Der Rest ist Symbolik.

Den Hobel hat Holger, der Hauer, schon abgestellt. In Kürze steht auch die Walze still: Der Deutsche Steinkohle-Bergbau hat fertig. Die Fördermenge für 2018 ist jetzt erreicht; was noch kommt bis zum offiziellen Ausstieg am 21. Dezember, ist vor allem Symbolik – die RAG spricht von „sporadischer Förderung“. Und es wird ausgeräumt. Der Kumpel nennt es „Rauben“.

Ein Tag im August, über Tage ist es genauso heiß wie 1200 Meter unter der Erde. „36 Grad“, sagt Holger Kenda. „Kann ich besser anfahren, als im Garten zu sitzen.“ Der Hauer lehnt an seinem Hobel, Baufeld Haniel, Revier 006, Flöz H, siebte Sohle unter dem Bottroper Norden, fast hätte man ihn gar nicht gesehen: Ganz plötzlich schauen Augen aus dem tiefen Dunkel, leicht gerötet, Holger ist ganz nah, sein Schweiß ist schwarz und glänzt wie die Kohle in seinem Rücken. Er hat nur Hose und Unterhemd an, Bergmanns Feinripp, früher himmelblau, und „das Wasser steht mir inne Schuhe“, seit Stunden schon.

„Blau und Weiß, wie lieb ich dich“

Der Strebmeister schreit, die Maschine frisst sich mit ohrenbetäubendem Lärm in die Kohle, er dringt mit dem Staub hinter die Ohrstöpsel; es wird dauern, bis beim Duschen kein schwarzes Wasser mehr aus den Ohren kommt. Hat er das wirklich gesagt? „Ich bin hier reingeboren, ich hab’ jeden Tag Bock.“

Zwei Wochen später macht der Hobel seinen letzten Schnitt. Steigerlied. Tränen.

Reviersteiger Jörg Laftsidis zeigt ein Foto, der Hobel steht still im Streb und ist auch sonst nicht wiederzuerkennen: Jemand hat ihn blau angemalt, „Blau und Weiß, wie lieb ich dich“, steht an seiner Flanke. Schalker auf Schicht, soll im Revier häufig vorgekommen sein. Jetzt sind sie in Rente. Oder im Urlaub.

Unter Tage machen Kumpel nicht viele Worte

Ein Tag Ende August, es weht ein Wind um die Heilige Barbara auf der siebten Sohle, der hier unten Wetter heißt, und es läuft nur noch die Walze, Flöz Zollverein. Im Winter, erzählt Thomas Marr, fühlte sich das Wetter mehr als einen Kilometer unter dem Ruhrgebiet manchmal wie minus 30 Grad an, auf verschwitzter Haut zumal, „dann gefrieren dir die Haare“. Aber es wird keine Winter mehr geben auf Prosper Haniel und nie wieder im deutschen Steinkohle-Bergbau.

Es ist gleich elf, aus dem Dunkel klingen schwere Schritte in lehmverkrusteten Ar­beitsschuhen, Schicht am Schacht. Die einst weißen Anzüge über dem blau gestreiften Hemd dreckig, die Gesichter schwarz, am Gürtel der schwere CO-Filter, den die meisten noch nie brauchten, am Helm die blindgewordene Lampe, das Licht glitzert im Glanz der Kohle. „Auf“, sagen die Männer, das „Glück“ davor sparen sie sich, unter Tage machen Kumpel nicht viele Worte.

Ein Labyrinth unter einer dicken Schicht Kohlenstaub

Drei, vier Kilometer sind sie gelaufen, früh hin und nun wieder zurück, über sich Stützen, unter sich Pfützen, die Kohle auf Förderbändern im Gegenverkehr. Kisten, Schläuche, Ka­bel, Lampen, Rohre säumen den Weg, gigantische Trafos und unter der Decke 30 000 Wassertröge, dass jede Explosion sogleich gelöscht werde. Es ist ein Labyrinth unter einer dicken Schicht Kohlenstaub; jemand hat „BVB“ hineingeschrieben, das gibt’s auch. Und diese alte Lore, „Reserve-Material, nicht abfördern“.

Das ist ja die Frage: „Was kommt mit raus, was bleibt drin?“ Volker Nientiedt, Vermessungssteiger, weiß es: Teure Kupferkabel, alles, was man „oben“ noch brauchen kann, das holen sie hoch, „rauben“, sagen sie, aber es ist nicht viel. Die meisten Maschinen will keiner mehr haben, sie sind alt, und wer braucht noch Bergbaugerät, wenn es keinen Bergbau mehr gibt?

„Noch 30“, sagt ein Kumpel im Förderkorb, der nach unten rast, zwölf Meter die Sekunde, sie nennen ihn „den schnellsten Fahrstuhl der Welt“. „Noch sechs“, sagt ein anderer und meint nicht die Meter: Sie rechnen in Schichten bis zur Rente, „dann wird nur noch gelacht und getanzt“, aber das stimmt nicht. Sie freuen sich nicht.

Steigerlied, Tränen, so wird es auch heute wieder werden.

„So viele Jahre und jeden Tag Spaß“

Es ist ja so: „Wir machen hier keine Pommesbude zu.“ Jörg Laftsidis hat nichts gegen Pommes, aber der harte, heiße Job wird ihnen tatsächlich fehlen. „Ich möchte gar nicht zuhause bleiben“, sagt Holger Kenda, und Thomas Marr: „So viele Jahre und jeden Tag Spaß.“ „Ich komme gern her“, sagt Engin Demircan. „Ein besonderer Ort, ein besonderer Beruf“, sagt Jörg Laftsidis. Er könnte schon in Rente sein wie viele andere auch, aber sie blieben noch, sie wollten es zu Ende bringen. Es gibt auch nicht mehr viele, „die einen Schacht bedienen können“ wie Engin. Sie machen Witze darüber, aber eigentlich fällt ihnen nur ein Wort dazu ein: „Wehmut“.

Sie wollen nicht klagen, so ist der Bergmann nicht. Aber nun, wo der Hobel aus ist und heute Nachmittag die Walze zumindest die Regel-Förderung beendet, wenn niemand mehr „vor Kohle“ ist und ihr zu Leibe rückt, da ist der Tag des Abschieds schon da und nur die Trauer noch nicht öffentlich. „Das kommt erst, wenn ich zuhause bin und nichts mehr zu tun hab’“, glaubt Thomas Echtermeyer. Aber jetzt ist jeder Tag wie der letzte, Holger ist schon weg, Thomas, „täglich hören Leute auf“, sagt Engin. Jörgs Trost ist nur ein schwacher: „Man erlebt Geschichte live mit.“

Jeder hier hat bereits mehrere Zechen zugemacht

Manchmal, morgens um fünf im Auto, denkt Jörg an Dezember, „so nah, so weit weg“, er versucht das wegzuschieben: „Dann stehe ich eben erst um sieben Uhr auf.“ Es hat schon so oft wehgetan, jeder hier hat bereits mehrere Zechen zugemacht in den Jahren und immer zuerst seinen „Familienpütt“. Den, auf dem er gelernt hat, weil der Vater schon da war und der Opa... Die Sippen sind selten im Ruhrgebiet, die keine Bergbaugeschichte haben. Auf Prosper Haniel, sagen viele, waren sie zuletzt keine Familie mehr, sie sind ein „zusammengewürfelter Haufen“ der Übriggebliebenen, aber die haben dasselbe Schicksal. „Sie haben uns kaputtgemacht“, sagt einer.

Tausende haben hier unten Kohle abgebaut, 6000 Tonnen fraß der Hobel zuletzt aus dem Fels, 5000 die Walze – am Tag! Sie sind stolz auf ihr „schwarzes Gold“, das Wort wiegt schwerer als ein Barren. Dieses letzte Flöz war bis zu vier Meter dick, „dat is’ schon wat“, sagt Thomas Marr. Und es ist ja nicht weg. Die Kohle liegt da noch! „Lasst sie drin“, hat Holger Kenda mal gesagt, „in ein paar Millionen Jahren ist das Diamant.“ Ist lange her und war ein Scherz. „Ich wusste doch nicht, dass die das echt machen!“

Der Rest ist vor allem Symbolik

Die das echt gemacht haben, kommen nun noch zu Besuch, derzeit zu zwei Gäste-Grubenfahrten am Tag. „Alle, die uns weghaben wollten“, sagt ein Kumpel bitter, „wollen jetzt noch mal gucken.“ Vielleicht wird für die Politiker die Walze nochmal angeschmissen, aber fördern werden sie nur ein letztes symbolisches Stück Kohle. Dass er das machen darf, findet Siegmund Appel, sei dann doch „was ganz Schönes. Das letzte Revier. . .“

Steigerlied. Tränen.

>>> OFFIZIELLER AUSSTIEG WIRD AM 21. DEZEMBER GEFEIERT

Eigentlich ist auf Prosper Haniel in Bottrop erst am 21. Dezember Schluss. Dann wird die letzte deutsche Steinkohle-Zeche offiziell und feierlich geschlossen. Das letzte Stück Kohle wird an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier übergeben.

Die Fördermenge für 2018 in Höhe von 1,8 Millionen Tonnen ist bereits heute erreicht. Der Regelbetrieb ist beendet, der Walzenbetrieb im Flöz Zollverein wird begradigt und in die sogenannte Raubstellung gefahren. Sporadisch, so ein RAG-Sprecher, werde dabei noch Steinkohle gefördert.

Die Förderung auf Prosper Haniel hatte 1863 mit 315 Arbeitskräften begonnen. Rund 2600 waren es zuletzt. Die Jahresförderung lag bei 2,5 Millionen Tonnen.

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