IS-Rückkehrerin

Aus dem Rotlicht zum IS und zurück – Bochumerin vor Gericht

Versteckt sich hinter einem Aktendeckel: die Angeklagte Derya Ö. aus Bochum am Dienstag im Oberlandesgericht Düsseldorf.

Versteckt sich hinter einem Aktendeckel: die Angeklagte Derya Ö. aus Bochum am Dienstag im Oberlandesgericht Düsseldorf.

Foto: Federico Gambarini / dpa

Düsseldorf/Bochum.  Sie heiratete einen IS-Mann, soll einen Sprengstoffgürtel getragen haben: Eine Bochumerin (27) steht in Düsseldorf als Terroristin vor Gericht.

Es scheinen die vermeintlich harten Kerle gewesen zu sein, die sie in ihrem noch jungen Leben gelockt haben: Aus der Beziehung mit einem Rocker-Boss soll eine Bochumerin in die Arme von IS-Kämpfern geflohen sein. Als mutmaßliche Terroristin, die im Irak und in Syrien über Jahre mehr gewesen sein soll als „die Frau von“, steht eine 27-Jährige seit Dienstag vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf.

Der optische Eindruck dieser Frau, er will nicht passen. Nicht auf die panzerverglaste Anklagebank im Hochsicherheitsgebäude des Gerichts. Aber auch nicht zum Bild einer vollverschleierten IS-Frau, die sie gewesen sein soll: mit schwarzen Handschuhen, darauf das Siegel des Propheten, niemals ohne ihren Mann. Derya Ö. kommt in Turnschuhen, einer großgeblümten Hose, eine kurze Jacke verdeckt die Tattoos auf ihrem Arm. Ein Reif hält die langen schwarzen Haare, die Fingernägel sind dunkelrot lackiert.

Bochumerin vor Gericht – Marios Waffe und sein Militäranzug gefielen ihr

Den Kameras zeigt sie ihr Gesicht nicht, aber es gibt Fotos aus früheren Leben. Verführerische aus der Zeit als Escort-Girl in der Bochumer Rotlichtszene. Entspannte mit ihrem Sohn auf einem Spielplatz. und eines, auf dem man sie gar nicht erkennt: mit schwarzem Gesichtsschleier, noch die Augen halb verdeckt. Sie selbst hat die Bilder der Bild-Zeitung gegeben: Die drehte ein Video mit ihr, weshalb man vieles weiß über diese Frau. Sie will ihre Geschichte auch vor Gericht erzählen, kündigt ihr Anwalt am Dienstag an. Nur werde das dauern, zwei Tage bestimmt.

In der Anklage steht nichts von ihrem Vorleben. Aber die Bundesanwaltschaft glaubt zu wissen, was geschah, nachdem Derya Ö., in Deutschland geborene Tochter türkischer Eltern, am 26. Februar 2014 über die Türkei nach Syrien reiste. Zu dem ebenfalls Deutschen Mario S., den sie bis dahin nur über Facebook kannte, der für den IS kämpfte. Im Film sagt sie über ihr erstes Treffen: „Als ich Mario das erste Mal gesehen habe, im Militäranzug, mit Waffe, der Bart – das war schön.“ Sie heirateten nach islamischem Recht, noch am selben Tag.

Sie machte den Haushalt, er ging kämpfen

Es war die Zeit, da die Terrormiliz „Islamischer Staat“ sich in Syrien und im Irak brutal ausbreitete, wenige Monate, bevor sie im Sommer das „Kalifat des IS“ ausrief. Unter „Befürwortung der Ideologie“, in „Übereinstimmung mit den Vorstellungen“ und „um Teil des IS zu werden“, wie es in der Anklageschrift heißt, soll sich die damals 21-Jährige ihrem Mann und der Miliz untergeordnet haben. Sie führte den Haushalt, so dass der Gatte „seine Aufgaben als Polizist, Ausbilder und Kämpfer wahrnehmen konnte“. Dafür gab es 45 Dollar vom IS – im Monat. Im März 2015 wurde der gemeinsame Sohn geboren.

Während der Einsätze ihres Mannes soll Derya Ö. sich bei einem IS-Kommandanten aufgehalten haben, offenbar der Mann einer Freundin, im August 2015 wurde sie seine Zweitfrau. Nach nur drei Wochen, sagt der Vertreter des Generalbundesanwalts, Ingo Kaiser, habe man sich wieder scheiden lassen. Andere Versionen der Geschichte berichten, er sei getötet worden. Wie auch immer, die junge Frau und ihr Kind kehrten zurück zu Mario S., doch auch mit ihm währte das Glück nicht mehr lange: 2016 wurde er von seinen eigenen Leuten gefangen genommen, angeblich gefoltert und getötet.

Sprengstoffgürtel für 200 Dollar

Zuvor aber habe er seiner Frau gezeigt, wie man Waffen benutzt. Sie schoss Kalaschnikow, M16 und andere Vollautomaten, und sie soll einen Sprengstoffgürtel besessen haben: 20 Zentimeter breit, 200 bis 300 Dollar teuer. So jedenfalls soll sie die Waffe auch anderen deutschsprachigen IS-Frauen per Whatsapp zum Verkauf angepriesen haben. Sie selbst war, sagt Kaiser, „mental bereit und physisch in der Lage, den Gürtel auch zu benutzen“.

Dieser Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz, aber auch der Vorwurf, in beiden Ländern des Nahen Ostens in Häusern gewohnt zu haben, die rechtmäßig vor dem IS geflohenen Bürgern gehört hatten, könnten eine mögliche Freiheitsstrafe für die Bochumerin noch verlängern. Allein für die Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung sieht das Gesetz bis zu zehn Jahre Haft vor.

Sie wollte in Syrien Kindern helfen

Nach dem Tod ihres Mannes soll sie zunächst in einem Frauenhaus des IS gelebt und im Sommer 2017 über die Türkei zurück nach Deutschland gekommen sein – gemeinsam mit einer Freundin, 47, der derzeit in Köln der Prozess gemacht wird. Mehr als ein Jahr lebte die junge Mutter danach wieder in Bochum, erst im November 2018 wurde sie verhaftet. Seither sitzt die 27-Jährige in Bielefeld in Untersuchungshaft.

In jener Zeit entstand das „Bild“-Video, in dem Derya Ö. sehr freimütig erzählt, was sie erlebt hat und dass sie „das alles gar nicht wollte“: Sie habe in Syrien vielmehr Kindern helfen wollen. Sie lacht viel in diesem Film und sagt auch diesen Satz: „Gott, habe ich ein Pech mit Männern.“

>>INFO: AUSFÜHRLICHE AUSSAGE WIRD ERWARTET

Der Prozess vor dem 5. Strafsenat des Oberlandesgerichts Düsseldorf wird am 24. September fortgesetzt. Dann wird die Angeklagte sich ausführlich zu ihrem Lebenslauf und zu den Tatvorwürfen äußern. Das bestätigte Verteidiger Detlev Binder (Bielefeld) am ersten Verhandlungstag.

In der Anklage wirft der Generalbundesanwalt der 27-Jährigen unter anderem „Kriegsverbrechen gegen Eigentum“ vor, weil sie in Syrien und im Irak in Wohnungen gelebt haben soll, die der IS sich angeeignet hatte – etwa in einem Hotel und einem Bauernhof. Zudem soll sie Mitglied einer terroristischen Vereinigung im Ausland gewesen sein und gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz verstoßen haben.

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