Spielbanken in der Krise

Casinos geht das Glück aus

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Essen/Duisburg. Claudia Bieling ist eine lebensfrohe Frau. Sie hat Theologie studiert und glaubt an das Glück. Als Direktorin der Duisburger Spielbank ist sie wohl im richtigen Beruf gelandet. Das sieht sie grundweg positiv, auch wenn dunkle Wolken den Casinohimmel verhängen.

Bei Deutschlands Nummer Eins, Westspiel, sieht es nicht anders aus als anderswo in der Republik. Wirtschaftskrise und der 2008 abgeschlossene Glücksspiel-Staatsvertrag (Rauchen nur noch in Kabinen, verstärkter Kampf gegen die Spielsucht) lassen die Umsätze um fast 30 Prozent sinken.

Den staatlichen Spielbanken in Nordrhein-Westfalen brechen die Erträge weg. Konnten 2007 noch 176 Millionen Euro eingenommen werden, geht die Landesregierung für das Jahr 2010 nach WAZ-Informationen nur noch von 114 Millionen Euro aus.

Drei von vier der im Besitz von NRW befindlichen „Westspiel“-Casinos haben enorme Probleme, wird in Kreisen von Landesregierung und Landtag bestätigt. Während die Kugel in der 2007 eröffneten Duisburger Spielbank noch ruhige Kreise zieht, wackeln die Tische in Dortmund-Hohensyburg, Aachen und Bad Oeynhausen. Hier droht der Abbau von Jobs.

In Aachen ist von einer Verlagerung nach Köln die Rede. Die Probleme sind vor allem nach einer Aufteilung der Bank auf zwei Standorte innerhalb der Stadt aufgetreten – einer für Automatenspiele, der andere für klassische Spielbankformate wie Roulette. Die Teilung wird von den Kunden offenbar nicht honoriert. Allerdings hat Westspiel noch keinen Antrag auf Verlagerung gestellt, obwohl Köln seit Jahren auf die Ansiedlung einer Spielbank hofft und nach Angaben der Geschäftsführung „die Standorte ständig überprüft werden“.

In Oeynhausen prüft das Landesfinanzministerium derzeit, „wie ein wirtschaftlich vertretbarer Weiterbetrieb erreicht werden kann“. Auch hier ist dem wirtschaftlichen Einbruch ein Umzug vorangegangen — ausgerechnet in eine Gewerbezone. Dort lockt in der Nachbarschaft Konkurrenz durch ein privates Spiel-Unternehmen.

Dortmund schließlich gilt als tragischster Fall. „Die Hohensyburg war einmal die Perle der Casinos“, sagt der SPD-Landtagsabgeordnete Gerd Bollermann. Doch in den letzten Jahren wurde der Service massiv zurückgefahren, Spieler erhalten am Platz nicht mehr automatisch Wein und Bier. Es seien zweifelhafte Werbekampagnen gefahren worden, sagt der Landtagsabgeordnete. Zuletzt warb hier ein Event-Manager unter dem Slogan „Aufreißen, abspritzen, schlucken“. Weibliche Besucher waren schockiert. Danach machte die Spielbankenaufsicht verstärkte Kontrollen.

„Es gibt“, glaubt Bollermann, „scheinbar insgesamt kein richtiges Konzept, das klar macht, wo Westspiel hin will. Auch eine Spielbank steht im Wettbewerb“.

In der Folge der Krise liegen auf der Hohensyburg Belegschaft und Leitung im Clinch. Vor der Betriebsratswahl ist es zu einem spektakulären Signal gekommen: Für die Wahl kandidieren von den rund 250 Belegschaftsmitgliedern 223 für die Arbeitnehmervertretung, um so den eigenen Arbeitsplatz wenigstens für die Zeit der Kandidatur gesetzlich abzusichern. Denn: 46 Stellen sollen auf der Hohensyburg gestrichen werden, davon allein 35 Croupiers. „Wir sind als Croupiers nicht vermittelbar“, sagt Betriebsratsvorsitzender Albrecht Harmsen. Kollegen, die vor 25 Jahren nach dem Abitur den Beruf erlernt hätten, könnten jetzt nicht Bafög beantragen und studieren gehen. Eine Einigungsstelle soll einen Kompromiss ausarbeiten, mit halbwegs akzeptablen Abfindungen für die Betroffenen.

Hinter den Kulissen laufen derzeit intensive Gespräche über die Zukunft der Westspiel-Standorte. Bollermann versucht zu moderieren. Die Mitarbeiter sollten beim Umbau mitgenommen werden, mahnt er. Und: Es sei zur Lösung der Probleme höchste Zeit, die „Konfrontation zwischen Geschäftsführung und Betriebsräten zu beenden“.

Die Casinos versuchen alles, um sich für ein breites Publikum attraktiv zu machen. Das Nobel-Image ist längst abgelegt. Damen in langen Abendroben, die betuchten Herren mit Champagnergläsern zuprosten, sind allenfalls noch in Monaco anzutreffen. Beim Rundgang durch die Duisburger Spielbank entdeckt das Auge kaum noch Krawatten. Einen Schlips-Zwang gibt es nicht mehr, auch nicht auf der Hohensyburg. Hier stehen wenigstens noch zwei der gediegeneren französischen Roulette-Tische, an denen man zu sitzen pflegt. Ansonsten ist der schnelle Zock beim amerikanischen Roulette angesagt – stehend und wie die Bienen von einem Tisch zum anderen das Glück aufsaugend.

Krawattenzwang
abgeschafft

Wenn’s nicht gerade der ballonseidene Trainingsanzug mit Schmuddelschuhen ist, darf in Duisburg alles getragen werden. Und in einer Welt der Ein-Euro-Shops darf das Ein-Euro-Roulette für Einsteiger nicht fehlen. Mit veränderten Spielangeboten, Musikveranstaltungen und einem angesagten Restaurant-Koch hält sich Duisburg – im Gegensatz zum Rest der Spiel-Szene in NRW – noch ganz gut über Wasser.

Die Direktorin – Glückszahl sieben – darf hier übrigens nicht selbst der Spielleidenschaft frönen. Wenn sie nicht gerade jenseits der holländischen Grenze spielt, setzt sie liebend gerne auf: Lotto.

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