Schul-Chaos

Coronavirus: Eltern verzweifeln an Mailflut der Schulen

Die Lehrerin Inge Nientiedt tut, was sie kann, um ihre Schüler zu erreichen. Videochats stehen auf ihrer To-do-Liste. 

Die Lehrerin Inge Nientiedt tut, was sie kann, um ihre Schüler zu erreichen. Videochats stehen auf ihrer To-do-Liste. 

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Ruhrgebiet.  Lehrer bemühen sich, ihre Schüler aus der Ferne zu erreichen. Doch Anhänge von 50 Seiten sind keine Seltenheit. Eltern stöhnen unter dem Ansturm.

„Um uns tobt das Chaos! Ich mache mir Sorgen, ich habe Angst - ach nee, keine Zeit, es heult wieder ein Kind wegen des 30-jährigen Krieges!??“

„Ich erkläre gerade parallel operantes Konditionieren (rechts von mir) und schriftliches Dividieren (links von mir) und die Große weint wegen der Frist von morgen und der drohenden 6, weil sie nicht fertig wird...."

„Ich bin schon drei Mal ausgeflippt. Aber die Kinder können eigentlich nix dafür."

Diese Eltern-Zitate aus Mails und Gruppenchats sind im Grunde Hilferufe. "Könnte irgendwer bitte die Lehrer stoppen, uns mit Mails zu bombardieren?", fragt zum Beispiel Britta C. aus Essen (Name geändert). Sie ist freilich ein Extremfall mit vier Kindern, die jüngsten zwei im Grundschulalter. "Sie machen sich keine Vorstellungen über die Flut an Emails mit Arbeitsanweisungen (mit Fristen) und Anhängen für die Kinder! Ich habe soeben aufgegeben!"

"Einen entspannten Sonntag ..."

Tatsächlich, selbst für ein Grundschulkind der vierten Klasse bekommt Britta C. solche Anweisungen: "In der kommenden Woche arbeiten die Kinder bitte in Mathematik auf den Seiten 80,82,83,84 (Pflichtaufgaben). Die Seite 81 ist freiwillig und kann als Wahlaufgabe bearbeitet werden. Im Arbeitsheft bearbeiten die Kinder die zugehörigen Seiten 39,40,41,42." Und das ist erst der Anfang. Es folgt die freiwillige Zahlenwerkstatt, über deren Arbeitsfortschritt sollen die Eltern aber doch bitte kurz berichten. Die Anweisungen für Deutsch sind noch länger. "Ein Grammatik-Zusatzheft finden sie als Anlage zum Selbstausdrucken." Ein zusätzliches Angebot, versteht sich. "Nun wünsche ich Ihnen einen entspannten Sonntag ..."

Britta C. ist nicht entspannt. Ihr sind längst der Toner und das Papier ausgegangen. Die älteren Kinder bekommen Wochenarbeitspläne mit täglichen Fristen und 13 Pdfs als Anhang, jede Seite eine neue Datei, einige falsch herum eingescannt - und das ganz ähnlich für jedes Hauptfach. "Es sind mindestens 50 Blatt pro Kind".

Diese Schule unterrichtet schon immer im Netz

"Als Mutter drucke ich auch gerade aus", sagt Sarah Lichtenberger, Leiterin der Web-Individualschule in Bochum. Die vermutlich einzige Schule in Deutschland, die gerade keine Umstellungsprobleme hat. Sie unterrichtet seit 2002 aus der Ferne, nun hauptsächlich per Skype, viele Schulen und Lehrer fragen derzeit nach Konzepten. "Ich verstehe die Hilflosigkeit der Lehrer nicht so richtig", sagt Lichtenberger. "Warum tauchen die ab? Die Lehrer sollten greifbar sein, wenn auch nur digital. Das vermissen gerade viele Kinder und auch Eltern." Sie sagt: "Lasst uns einen digitalen Klassenraum einrichten." Das sei gar nicht schwer, bei der Vielzahl der Möglichkeiten.

Der Datenschutz ist der häufigste Einwand. "Aber das ist gerade alles egal in dieser Notsituation", erklärt Lichtenberger. "Wir müssen jetzt nicht so viel nachdenken, sondern machen, ausprobieren. Klar gibt es vielleicht auch noch Schüler, die komplett offline sind. Aber für die kann man Lösungen finden." Und wenn das technische Wissen fehlt? "Kann man sich helfen lassen von den Schülern. Und aufhören in diesem Muster zu denken: Ich bin der Oberlehrer. Wie steh ich da, wenn ich das nicht kann? In der Krise dürfen auch Lehrer Fehler machen. Auch solche, die sonst keine Fehler machen."

Warum nicht ein Lernvideo machen, empfiehlt Lichtenberger. "Hallo, ich bin's. Wir treffen uns am Coronatag 13. Wir haben zum Beispiel die Aufgabe gegeben, sich die Videobotschaft von Frau Merkel genau anzuschauen. Da stecken auch Matheaufgaben drin." Um Nähe geht es. "Als Lehrerin würde ich jetzt ganz klare beruhigende Worte an meine Schüler richten: Ich bin für euch da!"

Die Lehrer sind auf sich gestellt

Wie wohl die meisten Lehrer in diesen verrückten Tagen organisiert auch Inge Nientiedt von der Willy-Brandt-Gesamtschule in Bochum ihren Unterricht neuerdings per Mail: "Ich habe das Gefühl, im Zeitalter des Internets, bin ich noch dabei zu trommeln", sagt die 63-jährige Mathelehrerin. Sie will sich ja mit Webex (Telefonkonferenz), Skype und all dem beschäftigen. "Aber es ist Tag vier", die Betreuung per Mail und Telefon verschlingt mehr Zeit als vorher, und in punkto WhatsApp bezeichnet sie sich als "Totalverweigerin". Sie hat aber auch festgestellt: "Viele Kinder können auch nicht gut mit dem Internet umgehen. Die benutzen ihr Handy zum Chatten und Spielen, aber bisher nicht zum Arbeiten."

Die Oberstufe nutze "eine Arbeitsplattform in der Cloud", sagt Nientiedt, aber das ist nicht frei für die Sekundarstufe 1. Da merkt man, dass wir weit zurück sind. Der Rest bleibt der Initiative der Kollegen überlassen."

"Es sind freiwillige Aufgaben"

Auch darum wirkt das NRW-Schulministerium nicht vorbereitet auf den Fall der Schulschließungen. Es lässt gerade "zur Unterstützung der Lehrkräfte zeitnah eine Handreichung für das digitale Lernen veröffentlichen", heißt es. Den genauen Zeitpunkt nannte das Ministerium auf Anfrage nicht. Der Stoff, den die Lehrer nun verschicken, sei "nicht prüfungsrelevant", erklärte Ministerin. Yvonne Gebauer (FDP). "Es sind freiwillige Aufgaben.“ Ziel sei es, die unterrichtsfreie Zeit möglichst sinnvoll zu nutzen.

Inge Nientiedt hat trotz all dieser Herausforderungen den Eindruck, dass es ganz so schlecht nicht klappt mit den Mails. "Alle haben ihre Hausaufgaben gemacht. Natürlich hatten viele Hilfe, das merkt man." Sie will nun wieder stärker individuell nachfragen und helfen. Materialien verschickt Nientiedt bewusst nicht zum Ausdrucken, sie verweist nur auf die vorhandenen Bücher. Mittlerweile schreiben die Kinder ihr auch von ihrem Befinden. Nur eine kritische Frage kam: Warum sie nun täglich Matheaufgaben schicke, wo Mathe doch nur zweimal die Woche auf dem Stundenplan steht? "Die Kinder kriegen ja erstmal nur den Stoff von fünf Hauptfächern. Wir wollen ihren Arbeitstag nicht komplett füllen, aber drei bis fünf Stunden am Tag wären schon gut. Sie sollen nicht ganz rauskommen aus der Normalität."

Das sieht Britta C. anders - und sie ist selbst in der Lehre tätig. "Die Fristen erzeugen einen enorm hohen Druck auf die Kinder. Und ist der Druck hoch, klappt es einfach nicht so gut. Sie kommen nicht alleine klar. Wäre es so einfach, bräuchte man keine Lehrer. Und auch ich muss mich in alles reinarbeiten. Neben meiner Arbeit im Homeoffice und dem Haushalt. Darum: Lasst die Leute sich erst einmal sortieren. "Ich bin für einen kompletten SHUT-UP mindestens bis zum Ende der Woche!"

>> Info: Tipps für das "digitale Klassenzimmer"

Um ein "digitales Klassenzimmer" per Gruppen-Chat einzurichten, empfiehlt Sarah Lichtenberger von der Web-Individualschule in Bochum schlicht "Skype". Bei der kostenlosen Microsoft-App sind 50 Teilnehmer erlaubt, für Audio oder Video. Ein einfaches und professionelles Werkzeug sei auch "GoToMeeting", hier werde eine Gebühr von 25 Euro fällig, "aber die Lehrer sind ja nicht arbeitslos", sagt Lichtenberger. "Das können sie investieren. Vielleicht bekommen sie es ja auch erstattet." Videochat plus Dokumentaustausch bietet das englischsprachige "Pronto" derzeit kostenlos, ein Angebot des US-Start-Ups "Hit Labs".

"Eine Wunderwaffe für Lehrer ist gerade Twitter", sagt Nicole Engelhardt, E-Learning-Expertin der Fernuni Hagen. "Unter #twitterlehrerzimmer gibt es viele Tipps und Hilfsangebote. Man kann hier auch Fragen stellen." Eher an Hochschullehrer richtet sich e-teaching.org. "Wichtig ist eher, welcher Medieneinsatz für alle Kinder machbar ist", sagt Engelhardt. "Schnell in der Erstellung ist ein Video. Das eignet sich gut für Frontalvorträge und bringt Lebendigkeit rein." Um es an die Klasse zu bringen, biete sich ein privater Kanal bei Vimeo an. "Der Zugriff auf bestehende Plattformen ist das Simpelste, was geht." Auch Google Hangouts sei geeignet, wenn Datenschutzbedenken gerade hintenan stehen. Bei Google Docs ließen sich Dokumente auch im Team bearbeiten, ohne dass jeder ein Benutzerkonto haben muss.


Viele Verlage haben zudem ihre Lernhelfer freigegeben, zumindest für eine gewisse Zeit. So bietet "Duden Lernattack" Videos und Übungen für neun Schulfächer, zwei Monate sind nun kostenlos. Scoyo richtet sich an Schüler der ersten bis siebten Klasse (zwei Wochen kostenlos). Sofatutor ist für 30 Tage gratis. Und der Basketballverein Alba Berlin hat sogar eine tägliche digitale Sportstunde per YouTube gestartet.
Tipps für Lehrer zum "Home Schooling" gibt Lehrerbuero.de, allerdings nur bei Mitgliedschaft.

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