Cannabis im Park

Duisburg-Hochfeld klagt über „unverschämten Drogenhandel“

An dieser Stelle im Hochfelder Blücherpark nahm die Polizei zwei Jugendliche mit Drogen hops, als Anwohner Karl-Heinz Ismaili dem Reporter

An dieser Stelle im Hochfelder Blücherpark nahm die Polizei zwei Jugendliche mit Drogen hops, als Anwohner Karl-Heinz Ismaili dem Reporter

Foto: Olaf Fuhrmann / FUNKE Foto Services

Duisburg.  Einen Drogenschwerpunkt nennen Polizei, Politiker und Anwohner den Blücherpark in Duisburg-Hochfeld. Doch die Dealer kümmert das offenbar wenig.

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„Vor einer Woche kam mir hier ein Junge entgegen, vielleicht 13 Jahre alt, knallrote Augen, hat so rumgelallt. Ich sach, was ist denn mit dir los?“ Karlheinz Ismaili steht im Blücherpark von Duisburg-Hochfeld und zeigt auf einen leerstehendes Obdachlosenheim mit kaputten Scheiben und den zur Seite geschobenen Bauzaun. „Hier treffen die Jugendlichen sich immer zum Kiffen. Den rumänischen Jungen kannte ich. Ich sach also zu ihm: Hör mal, willste nicht was Vernünftiges machen mit deinem Leben? – Und er sagt: Was soll ich denn noch machen? Wir haben doch sowieso keine Zukunft hier.“

Der Blücherpark, sagt Karlheinz Ismaili, ist natürlich nicht der schlimmste Drogenschwerpunkt in Duisburg. Das ist der Kant-Park in der City, wie man den Polizeiberichten entnehmen kann. Aber dem 60-Jährigen liegt nun mal Hochfeld am Herzen, und auch dieser Park, sagt er, sei für viele Bürger kaum noch zu nutzen, und er schließt seine rumänischen und bulgarischen Bekannten ein. „Eine rumänische Mutter hat mal einen jungen Dealer angesprochen: Lass meinen Sohn zufrieden, da wurde er ganz aggressiv. Hau ab, das ist unsere Sache, misch dich hier nicht ein.“

„Die rauchen sich wahrscheinlich gleich einen.“

Offenbar kennt Karlheinz Ismaili, sozial engagierter Sozialhilfeempfänger, seine Pappenheimer. „Hier sind so einige, die verticken“, hat er auf dem Hinweg zum abgewrackten Haus gesagt, als wir an zwei unscheinbaren Jugendlichen vorbeilaufen, einer mit Pferdeschwanz. „Die rauchen sich wahrscheinlich gleich einen.“

Auf dem Rückweg sehen wir: Die Jugendlichen müssen ihre Taschen ausleeren vor zwei Polizisten in Uniform. Die hatten etwas gerochen, bestätigt später Polizeisprecherin Jacqueline Grahl, sie fanden auch einige Druckverschlusstütchen mit Cannabis im Gebüsch. Handschuhe an, alle Beweise in die Tüte. Ein Junge hatte offenbar eine größere Summe Bares dabei. Er sagt zu einem Polizisten: „War das Geld jetzt ein Problem? Ich kann ihnen beweisen, dass ich das gerade abgeholt habe, wenn sie ein iPhone-Ladekabel haben.“ Er dreht sich zu uns um: „Was glotzt ihr so doof. Herr Polizist, ich fühle mich belästigt, sagen Sie denen, die sollen verschwinden.“ – Dafür muss er mit zur Wache. Sein Elektroroller, kein Leihgerät, geht mit in den Bulli.

Die Polizei ist also präsent. Uniformiert, aber auch in zivil laufe sie Streife, wenn die Zeit da ist, heißt es, im Kant- wie im Blücherpark. Dennoch wird hier weiterhin recht offen mit Drogen umgegangen. Ein Trend zur Besserung oder Verschlimmerung ist laut Polizei nicht ausmachen. Duisburg hat eben viele Brennpunkte, die Parks sind groß und die Zeit der Polizisten ist begrenzt.

Den vielleicht größeren Teil der Antwort jedoch beschreibt dieser Fall: Ende August sprach das Amtsgericht zwei mutmaßliche Dealer frei (einer aus Hochfeld), die Zivilpolizisten im Kant-Park bei einem Austausch beobachtet hatten. Beim Kunden fanden die Polizisten Heroin und in der Nähe der beiden Verdächtigen passend dazu ein Depot mit 26 Gramm in einer Astgabel. Dem Gericht genügte das nicht, denn niemand hatte die beiden direkt mit den Drogen aus dem Baum hantieren gesehen. Der geständige Drogenkäufer konnte sie nicht mehr identifizieren. Dabei half nicht, dass der Prozess erst zwei Jahre nach dem Vorfall stattfand. Auch die verdächtigen Jugendlichen aus dem Blücherpark hatten das Cannabis nicht am Mann. Eine Anzeige bekommen sie trotzdem, was dabei herauskommt, ist jedoch mehr als ungewiss.

„Dass die nicht einen Bauchladen dabei haben, ist alles.“

„Schon ein bisschen unverschämt“, nennt Michael Willhardt den Drogenhandel im Stadtteil. „Dass die nicht einen Bauchladen dabei haben, ist alles.“ Der Betreiber einer Kommunikationsagentur ist Kopf des Bürgervereins „Zukunftsstadtteil“. Harte Drogen seien nicht die Regel in Hochfeld, weiche Drogen aller Schattierungen allerdings schon. Man könne durchaus hin und wieder sehen, wie Ware und Geld in Bäumen und Büschen versteckt werde. Nicht nur im Blücherpark, auch an der Pauluskirche und an „Cafés“.

Im Juli hatte die Polizei die Wanheimer Straße gesperrt und 17 mutmaßliche Dealer festgenommen, 14 von ihnen wurden per Haftbefehl gesucht. „Davon waren alle hier in Hochfeld begeistert – nicht nur die deutschen Anwohner“, sagt Willhardt. Freilich war die Razzia nicht unumstritten, denn damit die Polizei verdachtsunabhängige Kontrollen im Rahmen einer „strategische Fahndung durchführen durfte, wurde Hochfeld zum „gefährlichen Stadtteil“ deklariert. „Es ist ein juristischer Terminus“, sagt Willhardt. „Aber natürlich ist das ambivalent.“

Bodo Mörbitz, ebenfalls im „Zukunftsstadtteil“ organisiert, schaut von seiner Terrasse auf den Park und sieht immer wieder Gruppen und Personen, die „sich gegenseitig was geben“. „Ich guck gar nicht mehr so hin, das belastet mich viel zu stark.“ Gruppen trinken im Park Alkohol, Mütter, sagt auch Mörbitz, wollen ihre Kinder dort nicht mehr spielen lassen. „Ich bin ein sportlicher Typ und nicht so ängstlich“, sagt Mörbitz. „Aber bei Dunkelheit habe ich ein Unwohlsein und meide den Park.“

Der Architekt und Stadtplaner hat aber auch auf dem Schirm, dass der Park Teil der Internationalen Gartenausstellung 2027 (IGA) werden soll. „Wie sollen wir morgen leben?“ ist das Motto. Durch Hochfeld zieht sich ein Grüngürtel, der einmal den neuen Rheinpark mit der Innenstadt verbinden könnte. Schon heute sind hier Radfahrer zu sehen, keine Jogger, der Park ist erstaunlich leer an diesem freundlichen Tag. Mörbitz sagt: Es gibt genug Grün, wir können es nur nicht nutzen, solange die Benutzerstruktur so einseitig geprägt ist. Wir brauchen dringend ein Konzept, wie man sich das vorstellt mit der Zusammensetzung der Bevölkerung.“

>> Info: Jugendarbeit im Stadtteil

Das Jugendzentrum des Stadtteils war lange verwaist, doch im Frühjahr soll „Das blaue Haus“ als Neubau öffnen. Einen „wichtigen Baustein für die Suchtprävention“, nennt die Duisburger Bundestagsabgeordnete Bärbel Bas (SPD), das Haus, „aber ein Jugendzentrum allein reicht sicher nicht aus“. Denn auch Bas sieht den Park in ihrem Wahlbezirk als Drogenschwerpunkt. Sie fordert mehr Personal für die Polizei vom Land, um die Präsenz in Hochfeld sicherstellen zu können.

Zugleich müsse man die Konsumenten entkriminalisieren. Die Stadt prüfe gerade, ob sie acht Streetworker für die Betreuung von Suchtkranken einstellen könne – „aber dies sind alles freiwillige Leistungen, die bei der Haushaltslage der Stadt schwierig zu finanzieren sind“, so Bas. Auch hierfür fordert sie Mittel von Land und Bund.

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