Kirchenasyl

Abschiebung: Pfarrer verwehrt Ausländerbehörde den Zutritt

Schutzraum Kirche:  Schon in der Antike suchten Menschen an sakralen Orten Zuflucht. Unser Bild zeigt afrikanische Flüchtlinge in einer Hamburger Kirche.

Schutzraum Kirche: Schon in der Antike suchten Menschen an sakralen Orten Zuflucht. Unser Bild zeigt afrikanische Flüchtlinge in einer Hamburger Kirche.

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Solingen.  Als die Ausländerbehörde anrückt, um einen Iraner aus einem Gemeindehaus zu holen, verwehrt der Solinger Pfarrer Lerch den Zutritt.

„Ich habe mich nur höflich auf mein Hausrecht berufen.“ Wenn Christian Lerch, Pfarrer der Evangelischen Luther-Gemeinde Solingen, erklärt, wie er die Abschiebung des Iraners M. am Montagmorgen verhinderte: klingt das entspannt. Ist es vielleicht auch, wenn man die Gemeinde hinter sich weiß. 200 Menschen halfen Lerch, das Kirchenasyl durchzuboxen, das sie dem 28 Jahre alten Flüchtling seit einem Jahr in ihrer Mitte gewähren. Sie kamen in aller Herrgottsfrühe her zu ihrem wuchtigen Gotteshaus, nachdem die Ausländerbehörde angekündigt hatte, man werde M. gegen 5.30 Uhr abholen, um ihn abzuschieben. „Das war eine Aktion für unseren Schützling und nicht gegen die Behörden“, sagt Lerch.

Cousins entdeckten seine Bibel

Es waren zwei Cousins, die M. daheim denunzierten. Die entdeckt hatten, dass er heimlich in der Bibel las, dass in seinem Zimmer sogar ein Kruzifix hing, dass er, der Moslem, Christ werden wollte. Sie steckten es dem Imam. M. musste Hals über Kopf fliehen. Erst aus seinem Dorf im Süden des Iran nach Teheran, wo er einen Schleuser suchte, der ein Visum der französischen Botschaft besorgte. (Nur in der französischen oder italienischen Botschaft bekommt man sie). Der ihm ein Flugticket kaufte – und die Weiterreise nach Deutschland organisierte. Denn M. wollte nach Deutschland. Hier lebt ein Verwandter, hier gibt es viele andere iranische Christen. Hier wollte er sich taufen lassen. So jedenfalls schildert es Jan Henkel, Sprecher des Ökumenischen Netzwerks Asyl in der Kirche NRW.

Am 28. November 2016, zehn Tage nach der Ankunft in Frankreich, kam M. in Deutschland an. Er wohnte erst in einem Solinger Flüchtlingsheim, wurde dann dem Kreis Wesel zugewiesen. Im März 2018, als die Abschiebung konkret drohte, beantragte er Kirchenasyl. Seitdem lebt er im Gemeindehaus.

Im Iran droht dem Konvertiten die Todesstrafe

Und die Gemeinde erwärmte sich sehr schnell für den jungen Chemiestudenten, der inzwischen als Christ getauft ist. Nicht nur, weil dem Konvertiten in seiner Heimat die Todesstrafe droht. M. spreche sehr gut Deutsch, sei kulturell engagiert, erklärt Pfarrer Lerch. „Er ist ein sehr aktives Gemeindemitglied geworden und hat gezeigt, dass seine Konvertierung nicht nur ein Lippenbekenntnis ist.“ In den zurückliegenden Monaten hätten sich „wahnsinnig viele Leute“ für den Flüchtling engagiert. Diese Menschen hätten am Morgen vor dem Gemeindehaus gesungen, Kerzen angezündet – und so die Abschiebung friedlich verhindert.

Die Ausländerbehörde musste also ohne den Iraner wieder gehen. Sie hat aber bereits angekündigt, mit einem Durchsuchungsbeschluss zurückzukehren. Nach Ansicht der Behörde ist die Abschiebung rechtens, da der Asylantrag des Mannes abgewiesen sei. „Die Gewährung des vorläufigen Rechtsschutzes wurde abgelehnt. Deshalb ist die Abschiebeanordnung vollziehbar“, sagt Kreissprecherin Anja Schulte. Die Behörde beruft sich dabei auf das Dublin-Verfahren: Da der Iraner über Frankreich nach Deutschland eingereist ist, sind die französischen Behörden für sein Asylverfahren zuständig.

Urteil will die Gemeinde akzeptieren

Er wisse, sagt auch Lerch, dass das Kirchenasyl grundsätzlich „eine rechtliche Grauzone“ ist, es sei aber „akzeptiert und respektiert“. Man wolle M. nur „räumlich und im wortwörtlichen Sinn einen Raum geben, in dem er den Ausgang des Verfahrens noch in Deutschland und in Freiheit erleben kann“. Das Urteil will die Gemeinde dann auch akzeptieren, kündigt Lerch an.

Jan Henkel hat keine Zweifel, dass ein deutsches Gericht M. als Flüchtling anerkennen wird. Doch die „Überstellfrist“ ende erst am 11. April. Lebt M. dann noch immer im Solinger Kirchenasyl, geht die Zuständigkeit für sein Asylverfahren von Frankreich auf Deutschland über. Bis dahin heiße es: durchhalten. Auch Christian Lerch hofft: „Meines Wissens ist in NRW noch kein Kirchenasyl gewaltsam beendet worden. Das wäre eine Eskalationsstufe, mit der wir es noch nicht zu tun hatten.“

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