Ausstellung

„Heimat im Wandel“ – So hat das Ruhrgebiet sich verändert

Das Freibad West in Essen-Frohnhausen war 1972 gerade vier Jahre alt. Es wich ab 2000 einer Wohnsiedlung mit zweistöckigen Häusern. Foto:Günter Fuderholz

Das Freibad West in Essen-Frohnhausen war 1972 gerade vier Jahre alt. Es wich ab 2000 einer Wohnsiedlung mit zweistöckigen Häusern. Foto:Günter Fuderholz

Bochum.   Vor 45 Jahren haben Forscher das Ruhrgebiet fotografieren lassen. Nun ziehen sie den Vergleich mit der Ausstellung „Wege zur Metropole Ruhr“.

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Früher war weniger Farbe. Was jetzt gar nicht daran liegt, dass Fotos vor gut 40 Jahren noch schwarz-weiß gewesen wären. Allein, das Ruhrgebiet sah so aus: graue Fassaden, graue Fabriken, grauer Himmel, das ja auch. Forscher und Fotografen haben den Wandel nun sichtbar gemacht. Sie verglichen das Revier 1972 und 2012 (und später). Eine Soziologie in Bildern, die in einer Bochumer Ausstellung zeigt: Es mag heute vieles bunter sein, aber auch nicht immer besser.

Duisburg-Homberg, die alten Esch-Werke. Die Mauer ist noch da, sie ist jetzt mit Graffiti besprüht, neue Häuser verbergen den Kirchturm. Bochum-Zentrum, Gleiwitzer Platz. Die alten Gebäude sind modernisiert, an der Stelle der gelben Telefonzellen steht ein Taxi. Herne-Sodingen, das Fördergerüst von Mont Cenis.

Der Turm ist abgerissen, die Platane gefällt, nur das Wohnhaus steht noch, unverändert. Dortmund-Barop, das alte Röhren-Walzwerk von Hoesch. Wo es war, sind nun Einkaufszentrum, Parkhaus, Wohngebäude. Neu, aber „trist“, notieren die Wissenschaftler. Essen-Katernberg, früher Güterbahnhof, heute Fahrzeug-Logistik. Gelsenkirchen-Buer, früher Garten-, heute Gewerbegelände.

Es sind Beispiele, so zufällig ausgewählt wie die Bildperspektiven. Es gibt auch Gladbeck, Oberhausen, Mülheim, zig Stadtteile, ausgesucht nach Längen- und Breitengraden, die 1972 zuerst fotografiert wurden, immer von derselben Stelle aus, immer aus demselben Blickwinkel. Und ab 2012 wieder, wenn es denn noch ging und nichts im Wege stand. Kunst in 9x13 ist das nicht, aber Statistik: So zeigen Forscher der Ruhr-Uni Bochum und aus ganz Deutschland, unterstützt von Brost- und Mercator-Stiftung, die Ausstellung „Wege zur Metropole Ruhr – Heimat im Wandel“. Sie werteten 567 Bildpaare Vorher – Nachher nach 62 Kategorien aus, die Ergebnisse seien repräsentativ.

Plötzlich ist er da, der Fahrradweg

Wie dieses: Sieben Prozent seines Industriecharakters hat das Ruhrgebiet in 40 Jahren verloren, besonders viel im Norden (14 Prozent), wenig im Süden (drei Prozent). Oder: In einem Fünftel aller Gärten bauten die Menschen 1972 Gemüse an; heute ist gerade noch ein Prozent Nutzgarten. Keinen einzigen Fahrradweg fanden die Fotografen vor vierzig Jahren, nun geht auf sieben Prozent der Aufnahmen einer durchs Bild.

Die Fußgängerzonen sind mehr, die Wäscheleinen weniger. Baulücken sind geschlossen, gleichzeitig Flächen entsiegelt. Wo 1972 noch Schlote rauchten, stehen heute Bäume, aus Brachland wuchsen Parks. 20 Prozent der Zechengelände sind inzwischen anders genutzt. Trotzdem, sagt Mit-Herausgeber und Sozialforscher Prof. Joachim Scharioth, „warten immer noch wahnsinnig viele Bergbauflächen auf neue Nutzung“.

Wenig von all dem ist neu, vieles hat man längst gewusst, aber nun gibt es den Fotobeweis. Bei der Ausstellungseröffnung staunten übrigens vor allem die Wissenschaftler selbst: „Die Menschen hier“, sagte einer, „nehmen den Wandel sehr gelassen.“

>> Info: Die Ausstellung

Die Ausstellung ist noch bis zum 3. Dezember im Kubus/Haus Weitmar in Bochum zu sehen, Nevelstraße 29. Geöffnet ist der Kunstraum im Schloss mittwochs bis freitags von 14 bis 18 Uhr sowie am Wochenende von 12 bis 18 Uhr. Der Eintritt kostet 3 Euro, für Kinder ab 12 Jahren 1 Euro.

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