Missbrauch

Im Franz-Sales-Haus läuft die Aufklärung nur schleppend an

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Essen.Sie erzählen von Schlägen und Demütigungen, vom Missbrauch an Leib und Seele: Zehn Wochen ist es her, dass frühere Heimkinder aus Essen in der NRZ über ihre schlimmen Erlebnisse sprachen. Das Franz-Sales-Haus versprach Aufklärung. Doch diese läuft nur schleppend.

Das Internet-Lexikon Wikipedia hat seinen Eintrag über das Franz-Sales-Haus ergänzt: „Ende Februar 2010 sah es sich Vorwürfen gegenüber, welche Vergewaltigungen in den 50er- und 60er-Jahren von (damals geistlichen) Pflegern beinhalteten.“ Zehn Wochen ist es her, dass die NRZ Misshandlungen und sexuellen Missbrauch aufdeckte. Ehemalige Heimkinder erzählten von Schlägen, von vorsätzlichen Verbrennungen, von monatelangem Wegsperren und von Nonnen, die sie zwangen, erbrochenes Essen aufzulöffeln.

Immer noch melden sich Zeugen in der Redaktion. Sie berichten von sexuellen Übergriffen des ehemaligen Heimleiters, eines katholischen Priesters, und sogar von Vergewaltigung. Im Zentrum weiterer Vorwürfe steht inzwischen der Anstaltsarzt Dr. S., der renitente Jugendliche mit stark dosierten Beruhigungsspritzen traktiert haben soll. Jetzt ist sogar von Todesfällen nach Überdosierung die Rede. Aber bewiesen ist das nicht.

Ordensfrauen vergingen
sich an den Kindern

Das Franz-Sales-Haus lädt alle Betroffenen zum Ge­spräch ins Heim. Reinhold Huppertz, langjähriger Angestellter des Hauses, leitet die Treffen. „Das Reden tut vielen gut“, schildert ein Teilnehmer gegenüber der NRZ. Andere sind misstrauischer. Sie sollten den Satz unterschreiben: „Die Öffentlichkeit soll hierüber nicht informiert werden.“

Das bewerten andere Opfer als Versuch, wieder alles unter den Teppich zu kehren. Rolf-Michael Decker, von dem die Zeichnung von der Dachbodentreppe stammt, auf der er monatelang eingesperrt war, ist fest davon überzeugt, dass Heimleiter Günter Oelscher auf Vertuschung setzt. Mit Oelscher liegt er unversöhnlich im Streit. Dem Runden Tisch im Heim will er sich nicht anvertrauen. „Die können doch nicht unparteiisch sein“, meint er. „Das sind doch Vertreter des Franz-Sales-Hauses.“ Vertreter der Täter. Es geht auch um viel Geld: um Rentennachzahlungen für jahrelange Arbeit in Heimwerkstätten und um Entschädigung und Schmerzensgeld für Misshandlungen und Missbrauch.

Was ist in den zehn Wochen nach Bekanntwerden der schlimmen Zustände geschehen?
Die NRZ hat nachgefragt...

... bei Schwester HeriburgisSchwester Heriburgis Schwester Heriburgis

Sie ist die Oberin der „Barmherzigen Schwestern“. Die Nonnen arbeiteten im Franz-Sales-Haus – viele aufopfernd im Geist der christlichen Nächstenliebe. Aber es gab auch – und da bestehen nach vielen Aussagen keine Zweifel mehr – Ordensfrauen, die sich an Kindern vergingen. „Darüber reden wir immer noch viel im Mutterhaus“, sagt Schwester Heriburgis, die nie im Sales-Haus gearbeitet hat. Stellvertretend für die noch lebenden Mitschwestern hat die 71-Jährige die Opfer um Verzeihung gebeten. „Ich bin bereit, mich mit ihnen an einen Tisch zu setzen.“ Dazu gekommen ist es bisher nicht.

... bei Heimdirektor Günter OelscherHeimdirektor Günter Oelscher

Er hatte versprochen, schnell eine unabhängige Persönlichkeit zu finden, die das Geschehen aufarbeitet. „Ich habe bis jetzt niemanden“, sagt er. Immerhin: An seinem Runden Tisch im Heim hilft ein Psychologe. Und es soll in der Vergangenheit auch schon zu „finanziellen Zuwendungen“ als eine Art Entschädigung gekommen sein.

Aber Oelschers Umgang mit den Vorwürfen und sein Krisenmanagement wird auch von wohlmeinenden katholischen Kreisen in Essen als „zu langsam“ kritisiert. Und er versuche, Verantwortung abzuschieben. Oelscher sieht es als seine Pflicht, Schaden vom Sales-Haus fernzuhalten. Er ist für 1500 Menschen mit Behinderungen verantwortlich, die heute im Heim vorbildlich betreut werden.

Aber als Heimleiter muss er sich auch um die missbrauchten Kinder von damals kümmern und jemanden finden, dem alle Opfer vertrauen. Daran ist Oelscher bisher gescheitert.

... bei Bischof Franz-Josef Overbeck

Der neue Bischof von Essen hat eigentlich nichts mit dem Franz-Sales-Haus zu tun. Das Heim gehört nicht der Kirche. Aber Overbeck will alle Vorwürfe von sexuellem Missbrauch durch Priester aufklären. „Drei ehemalige Bewohner des Sales-Hauses haben sich an uns gewandt“, heißt es im Bischofshaus. Es geht um Sex mit Kindern und Jugendlichen. Monsignore F., ein Vorgänger von Oelscher, soll Sex mit Jungen gehabt haben. Ehemalige Heimkinder schildern „Fummeleien“ im Beichtstuhl, Oralverkehr in der Sakristei und Vergewaltigung in der Wohnung des Geistlichen. Die Aufarbeitung läuft. Morgen will der Bischof die Presse informieren.

... bei den Opfern des Franz-Sales-Hauses

Michael Horstkötter ist zu den Gesprächsrunden ins Franz-Sales-Haus gegangen. Er war zwölf, als er 1964 ins Heim kam. „Schwester A. war die brutalste“, erzählt er. „Sie hat mich meine Kotze fressen lassen.“ Und als er ihr in seiner Verzweiflung einen Teller Grieß ins Gesicht schleuderte, soll sie ihn so verprügelt haben, dass er drei Wochen im Bett bleiben musste. Als er 15 wurde, musste er in der Druckerei arbeiten. Fünf Jahre ohne Lohn, ohne Rentenversicherungsbeiträge. „Sonst hätte ich jetzt 50 Euro mehr Rente.“

Rolf-Michael Decker ist verzweifelt. Er fühlt sich von Heim-Chef Günter Oelscher hingehalten. Seit einem Schlaganfall sitzt Decker im Rollstuhl. Trotz der Behinderung versucht er, die Interessen von 30 ehemaligen Heimkindern gegen das Franz-Sales-Haus durchzusetzen. Drei Meter Akten reihen sich in seiner Wohnung. Hohe Telefonkosten, Briefporto und Druckerpatronen fressen seine kleine Rente auf, einen teuren Anwalt kann er sich nicht leisten. Sein Hilferuf erreichte gestern die NRZ: „Ich weiß einfach nicht, warum man das alles mit mir getan hat. Was kann ich als kleiner Junge von elf oder zwölf getan haben, dass man sowas mit mir gemacht hat. Oft denke ich ans Schlussmachen, weil meine Seele seit über 30 Jahren keine Ruhe findet.“

Rolf-Michael Decker ist verprügelt und vergewaltigt worden. Als Kind wurde er in eine Zwangsjacke gesteckt und monatelang auf einer engen Treppe gefangen gehalten. Das alles ist im Franz-Sales-Haus in Essen passiert. „Und jetzt hält mich Heimleiter Oelscher hin und setzt darauf, dass sich bald niemand mehr für uns interessiert“, sagt der 55-jährige Familienvater. Er weint. Rolf-Michael Decker hat Angst, dass er nun ein zweites Mal Opfer des Franz-Sales-Hauses werden könnte.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (4) Kommentar schreiben