Alkoholkonsum

Komasaufen: Arzt warnt vor Sturztrinken bei Jugendlichen

Gerade Jugendliche laufen durch Gruppenzwang und Unerfahrenheit Gefahr, sich bewusstlos zu trinken.

Gerade Jugendliche laufen durch Gruppenzwang und Unerfahrenheit Gefahr, sich bewusstlos zu trinken.

Foto: Marc Müller / picture alliance / dpa

Ruhrgebiet.  Zu Karneval kommen Jugendliche leicht an Alkohol – oft zum ersten Mal. Im Interview erklärt ein Mediziner die tödliche Gefahr des Sturztrinkens.

Der Karneval steht kurz bevor, die wohl feucht-fröhlichste Zeit des Jahres. Gerade Jugendliche kommen in den jecken Tagen leichter an Alkohol als an anderen, fühlen sich von ihren Freunden womöglich unter Druck gesetzt, selbst zu trinken. Der pensionierte Essener Kinderarzt Prof. Dr. Klaus-Eugen Bonzel warnt vor dem „Sturztrinken“ beim „Komasaufen“. Es könne tödlich enden. Im Interview mit Nikolina Miscevic erklärt der Mediziner das Problem und wieso Jugendliche besonders gefährdet sind.

Professor Bonzel, worin liegt der Unterschied zwischen mehr oder weniger kontrolliertem Trinken und Sturztrinken?

Bonzel: Man kann über einige Stunden hinweg zu viel trinken. Es wird einem vielleicht schlecht, man übergibt sich und die Freunde bringen einen nach Hause. Das ist so der übliche Gang, wenn sich Schüler ausprobieren. Sturztrinken aber dauert nur wenige Minuten. Wenn ein Mensch binnen einer Viertelstunde eine halbe Flasche Schnaps trinkt, dann wird es gefährlich.

Was passiert beim Sturztrinken mit dem Körper?

Der Alkoholpegel im Blut geht in wenigen Minuten steil hoch und bleibt da eine Weile. Es dauert Stunden, bis der Trinker aus der Gefahr raus ist. Nach dem Sturztrinken wird der Betroffene komatös. Da liegt der Blutalkoholspiegel dann bei rund drei Promille oder mehr. Es handelt sich um eine richtige Alkoholvergiftung. Da muss der Körper dann durch.

Sind Jugendliche denn besonders gefährdet?

Klar. Der erfahrene Trinker lässt es nicht so weit kommen. Oder weiß sich zu helfen, mit viel Wasser oder dem Finger im Hals. Wer das Saufen aber einfach so aus Gruppenzwang mitmacht, der kann gar nicht so vorausschauend denken. Erst ist alles noch schön und lustig. Viele hochprozentige Spirituosen sind auch noch harmlos verpackt und schmecken süß, da kann man etliche trinken. Mädchen vertragen übrigens weniger Alkohol als Jungen – sei es nur wegen des meist geringeren Körpergewichts. Wenn der Alkohol im Blut ist, kriegt man den erst einmal nicht mehr raus aus dem Körper. Da hilft nur noch eine Einlieferung ins Krankenhaus.

Was sind Anzeichen, die auf so ein Koma hindeuten?

Erstmal ist alles angenehm, der Magen wird schön warm und man fühlt sich wohl. Dann wundert man sich aber plötzlich, wie sich alles dreht und man torkelt. Der Körper kann sich nicht mehr aufrecht halten, man stürzt und wird bewusstlos. Von den ersten Anzeichen der Angetrunkenheit bis zur Bewusstlosigkeit vergehen, abhängig von Gewicht, Erfahrung und äußeren Einflüssen manchmal nur zehn Minuten. Durch das schnelle Trinken entfaltet sich die toxische Wirkung vom Alkohol wie ein Hammer. Ehe man sich versieht, hat man die Kontrolle verloren. Wenn der Betroffene nicht mehr ansprechbar ist und auf Schmerzreiz nur noch schwach oder gar nicht mehr reagiert, sind das typische Anzeichen.

Wie viel Gefahrenpotenzial steckt hinter Großveranstaltungen wie Karneval?

Das Koma riskiert niemand bewusst. Allerdings kommt es nicht selten zur Bewusstlosigkeit, weil ein junger Mensch sehr empfänglich für die Empfehlungen anderer ist. Jugendliche legen einen Sturztrunk hin, um sich vor den Freunden zu profilieren. Dann heißt es: Trink noch einen und noch einen … Drei Schnäpse können bei einem alkoholunerfahrenen Schüler schon zur Bewusstlosigkeit führen, eine halbe Flasche Korn aber ganz sicher. Junge Menschen ahnen oft gar nicht, was das für Ausmaße annehmen kann. Ohne schnelle fachliche Hilfe besteht Lebensgefahr.

Wie kann man helfen, wenn ein bewusstloser Jugendlicher auf der Straße liegt – einfach hingehen und aufwecken?

Ja. Am besten die Person laut ansprechen und wenn sie nicht voll aufzuwecken ist, um Hilfe rufen und direkt die 112 wählen. Schon vorher kann man den Kopf nach hinten in den Nacken überstrecken, um den Mund, etwa von Erbrochenem, auszuräumen. Nach dem Notruf sollte man die bewusstlose Person am besten in die stabile Seitenlage bringen und wärmen. Einfach den eigenen Mantel ausziehen und den Kranken zudecken.

Wie wird eine Alkoholvergiftung behandelt?

Erstmal geht es möglichst schnell auf die Intensivstation. Den Magen auszupumpen ist kein Standard mehr und außerdem zu spät. Der Alkohol ist bereits über den Darm in den Blutkreislauf gelangt. Der Flüssigkeits- und Energiehaushalt wird mit Infusionen reguliert, dabei besteht Schockgefahr. Es werden die Organfunktionen gecheckt. Der Körper braucht viel Flüssigkeit und Zucker für das Gehirn und die Leber. Im äußersten Fall ist eine Blutwäsche, also eine Dialyse, nötig.

Gibt es Langzeitfolgen?

Beim Sturztrinken sind Langzeitfolgen selten. Der tägliche Trinker ist da deutlich gefährdeter. Wenn man der Leber eine Pause gönnt, erholt sie sich. Es ist aber ein schmaler Grat: Wer ganz viel Pech hat, kann sich nach einer einzigen Alkoholvergiftung einen langfristigen Leberschaden zuziehen.

Also am besten gar keinen Alkohol für Jugendliche?

So weit würde ich nicht gehen. Das Gesetz verbietet den Heranwachsenden Alkohol richtigerweise unter 16 Jahren. Ein Jugendlicher kann Bier in Maßen trinken und trinken lernen. Jeder in unserer Gesellschaft wird seine Erfahrungen machen, etwa ein gepflegtes Glas Wein schätzen lernen. Aber Finger weg vom Schnaps! Den sollten Jugendliche bewusst weglassen. Die Wirkung von Schnaps einzuschätzen, ist unglaublich schwierig. Mir geht es nicht darum, den Alkohol zu verteufeln. Aber: Alkohol in zu kurzer Zeit und in zu großen Mengen ist lebensgefährlich. Sturztrinken ist Russisch Roulette.

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