Sommerferien

So klappt der Urlaub mit Kindern auf dem Bauernhof

Milla, Jonna und Leo (von links) treten den Hühnern näher. „Mittlerweile haben wir so entspannte Hühner, die lassen sich auf den Arm nehmen“, sagt die Bäuerin Sabine Köhne.

Milla, Jonna und Leo (von links) treten den Hühnern näher. „Mittlerweile haben wir so entspannte Hühner, die lassen sich auf den Arm nehmen“, sagt die Bäuerin Sabine Köhne.

Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

Schmallenberg.  Etwa 500 Höfe in NRW bieten Urlaub auf dem Bauernhof an. Freiheit der Kinder ist das Glück der Eltern. „Das ist unser Kapital“, sagt ein Bauer.

Pamela Sprenger weiß es noch auf die Minute genau, so wichtig ist ihr das Erlebnis. „Gestern um 6.22 Uhr stehen Ifke und Jonna am Bett und sagen: Wir gehen jetzt zu den Pferden und zu den Kühen“, erinnert sich die Mutter der beiden kleinen Mädchen: „Das war so still. Wir haben ein Foto gemacht von uns allein im Raum.“

Nur sie, ihr Mann Manuel und die Freiheit. Minuten später bekommen die Omas die Fotos vom großen Glück auf dem Bauernhof. Glückliche Kinder, glückliche Eltern. Und der Bauer Tobias Köhne weiß, dass Urlaub auf dem Bauernhof eigentlich genau so funktioniert: „Dass Kinder hier sein wollen und einfach rauslaufen können, das ist unser Kapital.“

Hof wurde ausgezeichnet als „Ferienhof 2018“

In Berghausen, einem nach Schmallenberg eingemeindeten Weiler auf einer Sauerland-Höhe, betreiben die Köhnes ihren Hof. Groß in der Landwirtschaft mit 220 Kühen und 240 Hektar Land, groß, sehr groß als Ferienhof mit 31 Wohnungen. Der Betrieb wurde 2018 ausgezeichnet als „Ferienhof 2018“ für „herausragenden Landtourismus“, das Angebot ist breit gefächert.

Doch eigentlich reicht, damit die Kinder strahlen, im Moment schon ein schwarz-buntes Kälbchen. Gerade stakst es erst ins Leben, ist zwei Tage alt! Die ganze Familie habe bei der Geburt auf der Wiese dabeigestanden, erzählt ein Vater: „Ein Gefühlsbad, erst schockierend, da ist ja auch Blut dabei, und dann ein Wunder.“

„Die Kinder können sich hier völlig frei bewegen“

Sie knuddeln, drücken, streicheln es gerade, das zwei Tage alte Wunder: Ifke und Jonna wieder vorne mit dabei, Milla und Leo, alle vier bis sechs Jahre alt; Emma (1) kommt da nicht mit, sie lernt ja selbst noch laufen. Ihr Mann müsse noch arbeiten, erzählt Christina Zerres aus Krefeld, da sei sie mit den drei Kindern auf den Bauernhof gefahren: „Das ist sehr entspannt, sie können sich hier völlig frei bewegen. Am Strand müsste ich immer organisieren“ Aber natürlich ist Christina Zerres in ihrer Rolle als Mama im nächsten Moment dann doch gefordert: „Mama, komm, Mama, ich will dir die freche Ziege zeigen.“

Ferien auf dem Bauernhof. Rund 500 Anbieter in Nordrhein-Westfalen, schätzt die Landwirtschaftskammer. Nach dem Boom wächst die Zahl der Anbieter nicht mehr, aber sie erweitern ihre Kapazitäten. Mehr Wohnungen, mehr Zimmer, mehr Betten. Und sie spezialisieren sich zusehends: auf Reiter oder Fahrradfahrer, Monteure, Geschäftsleute, Behinderte, Urlauber mit Hund – nicht jeder Ferienbauernhof sieht gerne einen fremden Hund, er hat ja meist eigene.

Melken jeden Abend: die große Schau für kleine Menschen

Und doch bleibt die größte Zielgruppe: Familien mit Kindern. Man sieht es: Da stehen Spielgeräte und Schaukeln, Kett- und Bobby Cars, eine überdachte, riesige Burg aus Stroh für Regentage und vor allem Tiere, Tiere, Tiere. Hühner, Kühe, Ziegen, Schweine, Ponys. „Die Natur, die Tiere. Die Kinder haben einfach ihren Spaß“, sagt Noemi Kreklau aus Bochum, die auch schon hier in Berghausen war mit zwei kleinen Söhnen, mit Mann, Schwester, Schwager, Großeltern.

„Meine Stadtkinder wissen natürlich das alles aus Büchern, aber da haben sie dann zum Beispiel sehen können, dass Milch nicht aus dem Supermarkt kommt.“ Melken, Jeden Abend. Große Schau für kleine Menschen. Fühlt sich warm an. Und wenn es dann auch noch spritzt . . .

Gyrocopter-Flüge für die Erwachsenen

Aus Norddeutschland kommen die Gäste, aus Hessen und aus dem Ruhrgebiet natürlich. „Für mich ist das ein krasses Urlaubsgefühl, wenn ich morgens in Gummistiefeln aus der Wohnung gehe“, sagt der Maschinenbau-Ingenieur Manuel Sprenger. Und seine Frau, eine Diplom-Pädagogin, fühlt sich „total entschleunigt. Wir machen mit, was hier passiert, und fahren nur mal zum Einkaufen raus.“

Was passiert? Zum Beispiel Planwagenfahrt, Küheholen, Rad- und Treckerverleih, geführtes Ponyreiten; ja, Tobias Köhne bietet sogar Gyrocopter-Flüge an, damit gar nicht erst die Gefahr entsteht, ein Erwachsener könnte mal den Kindermund-Klassiker aussprechen: „Mir ist so langweilig.“

Der Ferienhof wurde ausgebaut, um unabhängiger zu werden

In den 90er-Jahren haben Sabine und Tobias Köhne den Hof von seinen Eltern übernommen. Da gab es hier 50 Kühe und zwei Ferienwohnungen. Sie haben den Urlaubsanteil entschieden ausgebaut, um unabhängiger zu werden von den Ungewissheiten der Milchquote und schlecht gelaunten Kapriolen des Wetters. „Irgendwann kam der Punkt, an dem wir überlegt haben: Können wir noch jemals in Urlaub fahren?“, sagt sie: „Auf einem Milchhof müssen sie 365 Tage im Jahr melken, melken, melken.“ Heute ist das eine Attraktion – und es machen zu einem Teil auch noch Gäste und zahlen dafür.

„Von morgens bis abends ist es schön“, sagt ein Vater: „Total entspannt.“ Und so kommt es, dass alle lachen, als ein Kalb der kleinen Jonna das Kleid vom Leib zu fressen versucht. Sie kennt das schon. Alle machen Fotos. Gehen gleich an die Omas. Großes Erlebnis!

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