Orang-Utan-Welttag

Orang-Utans merken sich unser Gesicht – so leben sie im Zoo

Die grauen Haare am Kinn deuten es an: Sexta ist bereits 46 Jahre alt. Vor sieben Jahren ist Sexta im hohen Alter noch einmal Mutter geworden.

Die grauen Haare am Kinn deuten es an: Sexta ist bereits 46 Jahre alt. Vor sieben Jahren ist Sexta im hohen Alter noch einmal Mutter geworden.

Foto: André Hirtz

Gelsenkirchen.  In den Zoos locken sie hunderttausende Besucher. In Freiheit sind die Menschenaffen vom Aussterben bedroht. Ein Porträt zum Orang-Utan-Welttag.

„Du machst auch immer ein Affentheater zuhause.“ – „So sieht das aus, wenn du schläfst.“ – „Der hat Rückenschmerzen, der hängt sich aus.“ – So reden die Besucher im Gelsenkirchener Zoom vor dem Gehege der Orang Utans, fast immer geht es darum, wie sich der Mensch im Tier spiegelt. Am Montag ist ihr Tag, der Welt-Orang-Utan-Tag, der nur nötig ist, weil ihre Art bedroht ist. Zugleich leben sie unter uns, in allen drei großen Revierzoos. Denn die rotzotteligen Sympathieträger sorgen auch zuverlässig für Quote, hunderttausende Besucher bleiben jedes Jahr vor ihren Gehegen stehen und geraten ins Denken über die eigene Herkunft. Aber wie sieht das Leben der Orang-Utans tatsächlich aus?

Sexta schaut zurück. Soviel ist mal klar. Die 46-jährige Affendame erkenne Stammbesucher sofort, berichtet Tierpfleger Markus Kirchberg – und sogar deren Hunde. „Die Orang-Utans entscheiden sofort, ob sie einen leiden können oder nicht. Wenn nicht, wird’s schwierig für einen Pfleger“, sagt Kirchberg. Denn: „Orangs gelten als unbestechlich.“ Dabei hat ein jeder Affe seine eigenen klaren Vorlieben. „Sexta reagiert positiv auf Bart“, sagt Kirchberg, „und findet kräftigere Männer von Natur aus sympathischer“. Der Zoo hatte auch mal Biologen da, die eine Art Tinder-Test mit den Orangs machten. Tatsächlich reagierten sie auf Porträtfotos fremder Artgenossen sehr unterschiedlich und merkten sich ihre Gesichter.

Eine Rolle rückwärts durch die Eichenspäne auf dem Boden: Najla ist Sextas Tochter und mit die jüngste in der achtköpfigen Gruppe. Am heutigen Samstag feiert sie ihren siebten Geburtstag. Sie gilt als Drama-Queen, da sie öfter mal zetert. Gerade tollt sie mit Awang direkt über der Nase von Sexta herum, mit dem Sohn von Farida. Er kann sich so ziemlich alles erlauben, da seine etwas jüngere Mutter ihn beschützt und selbst in der Gunst des Gruppenchefs Schubbi ganz oben steht. Sexta mag gelangweilt wirken, aber das täuscht, schließlich tippt sie die Streithansel sanft an. Das sorgt für Ruhe.

Geriatrie wird zum Thema in Zoos

Dass sie kurz vor ihrem 40. noch einmal Mutter geworden ist, hat auch die Tierpfleger überraschte. In Freiheit hätte sie damals schon das statistische Ende ihres Lebens erreicht. Manche Besucher fragen durchaus nach, warum Sexta hier und da ein dünnes Fell entwickelt, warum ihre Haut solche Macken hat, die grauen Haare am Kinn aber bemerken sie selten. In der Tiermedizin ist die Geriatrie gerade ein großes Thema. Sexta verbleiben mit etwas Glück noch gerne zehn Jahre im Zoom. Ihre Haut mag noch stärker in Falten hängen als früher, aber sie bleibt ein Sack voll Muskeln. Die schwersten Baumbewohner der Erde führen ein Leben im Klimmzug.

Ein Weibchen ist bei vierzig Kilo Gewicht etwa viermal so stark wie ein ausgewachsener Mann: „Sie kann Kokosnüsse allein mit ihren Händen aufbrechen“, sagt Zoo-Kuratorin Nadja Niemann. Nicht durch schlagen, durch verdrehen! Sextas Fingernägel sind fest wie Schraubendreher und sie benutzt sie auch so.„Ein Orang-Utan testet jede Schraube mit größter Geduld. Stundenlang. Auch wochenlang“, sagt Niemann. Inbus, Sicherheitsschrauben, verklebt – alles kein Problem. „Ohne Schlüssel drehen sie Muttern mit den Fingern los - und dabei lächeln sie dich an.“ Mittlerweile sind wirklich alle verschweißt.

Die Rippen wären schnell gebrochen

Ihre Kraft setzt Sexta zwar sehr feinfühlig ein, aber wie viel ein Mensch aushält, dazu fehlen ihr Erfahrungswerte. „Wenn sie mich freudig begrüßen würde, hätte ich wohl die Rippen gebrochen“, sagt Pfleger Markus Kirchberg. Auch er betritt nicht das Gehege, wenn noch ein Orang zugegen ist. Körperkontakt gibt es aber durchs Gitter der Küche. Sexta und Schubbi sind ihm zugetan, tauchen vielleicht dreimal am Tag auf, um sich am Arm oder Rücken kraulen zu lassen. Ogan dagegen, Faridas älteste Tochter, gilt als eigenbrötlerisch und sucht nur etwa dreimal im Monat den Kontakt zu Menschen.

In der indonesischen Natur, auf Sumatra und Borneo, leben Orang-Utans ohnehin nicht in Gruppen (wie alle anderen Menschenaffen), sondern vorwiegend einzelgängerisch. Was wohl am knappen Nahrungsangebot liegt, zudem gibt es neben dem Menschen und dem Sumatra-Tiger kaum Feinde. Die Männchen treffen sich fast nur zur Paarung mit Weibchen und begleiten sie manchmal eine Weile, doch bei der Aufzucht spielen sie keine Rolle. Kinder bleiben jedoch bis zu neun Jahre bei der Mutter – denn es gibt eine Menge zu lernen.

Orangs sind hervorragende Botaniker. Im Regenwald zählen etwa 160 Früchte und 400 Pflanzenteile zu ihrer Diät, die sie durchaus gezielt ausbalancieren. Sie scheinen zu wissen, wann welche Früchte reifen in ihrem Revier, selten steuern sie die weit auseinanderstehenden Bäume umsonst an, was auf ein hervorragendes zeitliches und räumliches Vorstellungsvermögen schließen lässt. „Sie suchen sich etwa bei Bauchschmerzen gezielt Pflanzen mit Gerbstoffanteilen“, sagt Markus Kirchberg. In kargen Zeiten wird Baumrinde zur einzigen Zuckerquelle, was evolutionär zur typischen Gesichtsform mit vorspringender Schnauze und zum Schälen idealen Schneidezähnen geführt hat. Die Wangenwülste übrigens bilden nur dominante Männchen aus als Zeichen ihrer Männlichkeit, ebenso wie ihr längeres Fell, „das im Urwald eher unpraktisch ist“, erklärt Kirchberg. „Beides sagt nur: Ich bin groß und stark, ich kann es eben.“

Bananen machen Karies

Der Tierpfleger schmeißt eine Handvoll gekochter Kartoffeln ins Gehege, die Tiere sollen sich ruhig darum bemühen. „Schubbi mag alles was rot ist“, sagt Kirchberg: „Tomaten und rote Paprika, aber die ist sowieso beliebter, weil sie etwas süßer ist als die grüne.“ Darum mag der Affe an sich auch die Banane gern. Allein, sie gehört nicht zu seiner normalen Kost im Regenwald, wo auch alle anderen Früchte nicht so süß sind wie unsere Supermarktzüchtungen – und im Übermaß genossen verschafft die Banane ihm Karies und Diabetes. Ein paar mal im Monat gibt Kirchberg sie dennoch als Leckerei. Häufiger bekommen Sexta und Co. jedoch Bambus, Haselnuss, gekochte Eier und Weidenlaub, für den Winter auch aus dem Schockfroster. In ihrem extrem langen Darm können sie auch Zellulose aufspalten. „Heuschrecken finden sie eher langweilig.“

Überhaupt die Langeweile – trotz eines Außengeheges von 2500 Quadratmetern (390 qm innen) eine große Gefahr. Darum bauen die Pfleger Rosinenhölzchen, die der Affe mit Spänen pulen muss. Sie streuen leckere Pellets aus Fasern in Holzwolle, wickeln sie ein, kippen Mehlpampe darüber und lassen sie aushärten, um den Orangs eine Aufgabe zum Knabbern zu geben. Sie stellen jede Menge Werkzeuge her, wenn es nötig ist: zusammengesetzte Angeln, in Freiheit auch Mückenklatschen und Regenschirme aus großen Blättern, was recht vergeblich wirken mag, wenn man im Regenwald wohnt. Aber vielleicht eben drum mögen sie eben kein Wasser. „Das trinken sie am liebsten aus dem Becher“, sagt Kirchberg. „Wenn sie sich mal an unserem Bach ein paar Tropfen in den Mund spritzen lassen, ist das das höchste der Gefühle.“

Manches Verhalten scheint in der Tat recht menschlich: Orangs sind eher Langschläfer. Wenn die Pfleger morgens um sieben kommen, dreht sich Schubbi oft noch einmal um in seinem Nest aus Holzwolle und Laken. Ja, Orang-Utans decken sich gerne zu. „Einer seiner Lieblingsplätze ist vor dem Lüfter“, sagt Kirchberg, was vor allem im Sommer recht clever erscheint. Junge Orangs sind unvoreingenommener als die alten und machen besser mit beim „Medical Training“, wo ihnen etwa beigebracht wird, ihre Zähne zu zeigen und einen Spatel im Mund zu akzeptieren. Demnächst sollen sie auch Spritzen kennenlernen.

Sexta und ihre Genossen malen auch als Beschäftigungstherapie, meist nur ein paar Minuten lang, manchmal aber auch eine habe Stunde. Die Bilder sind im Zoo-Shop zu besichtigen und zu kaufen. Figuren mag der menschliche Betrachter entdecken, aber Farben setzen Orangs durchaus gezielt ein. „Sie finden es auch interessant, wie wir darauf reagieren“, sagt Kirchberg. Sexta allerdings betätigt sich lieber als Graffitikünstlerin und macht lieber die Ställe bunt als die Leinwand. Speziell die Schraubmuttern.

>> Info: Vom Aussterben bedroht

Orang-Utan-Dame Mokko ist derzeit in Quarantäne, denn sie wird in den Zoo Dortmund, der fünf Sumatra-Orang-Utans hält. Dafür kommt das 20-jährige Weibchen Djamuna, um frischen Schwung in die achtköpfige Gelsenkirchener Gruppe zu bringen. Im Zoo Duisburg leben dagegen fünf Vertreter der zweiten Orang-Art: aus Borneo. Gruppenchef Bayu zeigt die typischen deutlich stärker ausgeprägte Backenwülste.

Schon am Wochenende wird der Welt-Orang-Utan-Tag (19. August) im Ruhrgebiet begangen: Spezielle Führungen und kommentierte Fütterungen gibt es am Sonntag im Gelsenkirchener Zoom und im Zoo Dortmund, in Duisburg bereits am Samstag. Tierschützer informieren über die Situation in Indonesien.

Palmölplantagen, Bergbau und Brandrodung lassen auf Borneo und Sumatra ihren Lebensraum schrumpfen. Zwischen 1973 und 2005 verloren die Orang-Utans laut WWF fast die Hälfte ihres Verbreitungsgebiets. Studien gehen davon aus, dass zwischen 2005 und 2015 weitere neun Prozent verloren wurden. Nur noch 19 der 52 Populationen gelten als langfristig überlebensfähig. Laut WWF werden jedes Jahr 1.000 bis 2.000 meist junge Orang-Utans als Haustiere fortgeschmuggelt. Die Art wird auf der Roten Liste der IUCN als „vom Aussterben bedroht“ eingestuft.

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