Drittes Geschlecht

Unisex-Toiletten: Hochschulen im Ruhrgebiet zögern noch

Männlich, weiblich, divers? Egal: Auf den WC-Anlagen für alle Geschlechter soll, darf und kann jeder sein Geschäft verrichten.

Männlich, weiblich, divers? Egal: Auf den WC-Anlagen für alle Geschlechter soll, darf und kann jeder sein Geschäft verrichten.

Essen.   An der Uni Köln sind Toiletten für das dritte Geschlecht seit einiger Zeit etabliert. Die Universitäten im Ruhrgebiet reagieren verhalten.

Für die einen ist sie selbstverständlich, für andere ein echter Aufreger: die Unisex-Toilette, das Stille Örtchen für alle Geschlechter. An einigen Universitäten sind sie nun zu finden, so etwa in Köln und Düsseldorf. Auch die Folkwang Universität der Künste in Essen hat bereits „Toilettenanlagen für alle Geschlechter“ bereitgestellt, an der Ruhr-Uni Bochum gebe es sie „im Einzelfall“, heißt es. Andere hingegen sagen: „Wir haben das nicht. Das war bei uns einfach noch kein Thema“, wie die Uni Duisburg-Essen (UDE) und die TU Dortmund.

Die Studierendenschaft ist häufig an vorderster Front, wenn es darum geht, Grenzen aufzuheben – so auch Geschlechter-Grenzen in allen Lebensbereichen. Das gilt genauso für eines der natürlichsten Bedürfnisse der Welt: das Wasserlassen. Doch gerade weil es sich um jahrtausendealte Muster handelt, sind diese nicht einfach mal eben so aufgelöst. „Unsere Studierenden regten vor einiger Zeit einmal an, Unisex-Toiletten einzurichten“, sagt eine Sprecherin der Uni Duisburg-Essen auf Anfrage. „Dazu ist es aber bislang nicht gekommen.“

Asta: „Wir trennen nicht mehr nach Mann und Frau“

Die Studierendenvertretung (Asta) der UDE bestätigt: „Wir thematisieren das schon seit längerem, aber die Uni sieht es bis heute nicht ein, dass das langsam mal zeitgemäß wäre“, sagt Yeu-Rong Liu, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Asta. Die Gestaltung des Asta-Flurs allerdings liege in der Verantwortung der Studierendenvertretung – und damit auch die Toiletten-Schilder. „Wir trennen hier nicht mehr nach Männern und Frauen“, erklärt Yeu-Rong Liu. Stattdessen verwendet der Asta seit Anfang des Jahres Toiletten-Symbole: Dort, wo es nur Sitztoiletten gibt, ist draußen auf dem Schild eine Sitztoiletten zu sehen. Dort, wo es auch Pissoirs gibt, sind diese ebenfalls auf dem Schild abgebildet.

Die Piktogramme, die an einigen Toiletten der Universität zu Köln angebracht sind, ähneln eher den lange bekannten Vorlagen: Die Piktogramm-Figur hat zur Hälfte ein Kleid und zur Hälfte Hosen an. Obwohl man nun schnell wieder an die zweigeteilte Ordnung in „Männer“ und „Frauen“ denkt, ist auf dem Schild explizit vermerkt: „WC für alle Geschlechter“ - denn es gibt mehr als zwei, sogar mehr als drei.

„Egal, wer sich als was fühlt, aufs Klo müssen alle mal“

„Als wir diese Toiletten eingeführt haben, gab es bei uns an der Uni überhaupt keine Reaktionen darauf“, erzählt der Pressesprecher der Uni Köln, Patrick Honecker. „Das liegt daran, dass wir eine sehr diverse und durchgegenderte Uni sind und Antidiskriminierung immer schon hoch halten.“ Die beiden Kölner Studierenden Jonas Schlömer (27) und Zelal Cengizhan (20) finden die Toiletten für alle Geschlechter „gut“. „Sie stehen repräsentativ dafür, dass es mehr als nur zwei Geschlechter gibt“, sagt Zelal Cengizhan. Man müsse sich schon erst einmal daran gewöhnen, aber: „Aus der Not heraus kam es in der Vergangenheit sowieso schon mal vor, dass ich aufs Männerklo gegangen bin. Ich habe mich dabei nicht unwohl gefühlt. Aber ich dachte mir, vielleicht ist es für die Männer unangenehm.“

Jonas Schlömer sagt: „Ich habe kein Problem damit, dass die Männerklos jetzt für alle offen sind. Ich finde es gut, dass sich Menschen, die sich identitätsmäßig zwischen dem männlichen und dem weiblichen Geschlecht fühlen, jetzt auch auf den Bezeichnungen wiederfinden.“ Denn am Ende sei es doch so, bringt es der Student auf den Punkt: „Egal, wer sich als was fühlt, aufs Klo müssen alle mal.“

>>>> Wie viele Intersexuelle gibt es in Deutschland? Eine andauernde Debatte.

Im November 2017 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass im deutschen Geburtenregister die Option auf ein drittes Geschlecht vermerkt ist: „divers“.

Darüber, wie viele Intersexuelle es in Deutschland tatsächlich gibt, wird jedoch immer wieder diskutiert. Die Bundesrichter, die das Urteil von 2017 fällten, beriefen sich darauf, dass Ärzte bei etwa 150 Neugeborenen pro Jahr nicht genau sagen könnten, ob sie männlich oder weiblich sind. Hochgerechnet kamen sie so auf eine Zahl, die zwischen 80.000 und 120.000 intersexuellen Menschen in Deutschland liegt. Andere Quellen, wie etwa die Ärztezeitung, geht von rund 10.000 Menschen aus. Aktuelle Zahlen einer Zeit-Recherche hätten wiederum ergeben, es handele sich um geschätzt 1000 Menschen bundesweit, die in die Kategorie „drittes Geschlecht“ fielen.

Welche Zahl auch stimmen mag, Fakt ist: Die Aufteilung in nur zwei geschlechtliche Kategorien, „männlich“ und „weiblich“ war schon immer eine Illusion. Stattdessen wird in der Wissenschaft unterschieden in biologisches und soziales Geschlecht – und in diesen Kategorien wiederum gibt es zahlreiche Varianten. Wer sich näher informieren möchte, kann sich auf der Homepage der „Projektgruppe Genderportal“ der Uni Bielefeld durchklicken.

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