Spitzenmedizin im Revier

Warum altern wir? NRW holt Top-Forscher Rockenfeller zurück

Dr. Patrick Rockenfeller im Treppenhaus seiner neuen Universität Witten/Herdecke. Der Lehrstuhl für Molekulare Medizin ist in der Dependance an der Stockumer Straße untergebracht. Zuvor forschte der Biochemiker in Graz und Kent zum Thema „Wie werden wir gesünder alt?“

Dr. Patrick Rockenfeller im Treppenhaus seiner neuen Universität Witten/Herdecke. Der Lehrstuhl für Molekulare Medizin ist in der Dependance an der Stockumer Straße untergebracht. Zuvor forschte der Biochemiker in Graz und Kent zum Thema „Wie werden wir gesünder alt?“

Foto: Ralf Rottmann

Witten.  Die Klügsten sollen dem Land nicht den Rücken kehren. NRW holt mit einem Rückkehr-Programm Altersforscher Patrick Rockenfeller nach Witten.

Patrick Rockenfeller ist 37. Und fasziniert vom Altern. Der gebürtige Rheinländer hat promoviert über dieses Thema, sich als Wissenschaftler damit international einen Namen gemacht. Aber er hat das im Ausland getan. Über das Rückkehr-Programm für Spitzenforscher holte das NRW-Wissenschaftsministerium den Biochemiker jetzt zurück nach Deutschland.

An der Uni Witten/Herdecke befasst sich Rockenfeller in den nächsten fünf Jahren vor allem mit der Bedeutung von Fetten bei Alterungsprozessen. Er arbeitet mit Hefekulturen und Fruchtfliegen; interessiert sich als Grundlagenforscher eher für winzigste Lipidtropfen (Speicherfette) in Zellen als für die Vorzüge guten Olivenöls (das nur in der Küche!). Zelltod und Autophagie interessieren ihn vorrangig, die Frage also, wie alte, defekte oder nicht mehr benötigte Zellbestandteile unschädlich gemacht werden.

Es geht um die Frage, wie wir gesünder älter werden

„Hefe ist nicht gleich Mensch“, weiß er. Aber viele Wirkungsmechanismen des leicht zu manipulierenden Einzellers ließen sich doch auf „höhere Modelle“ übertragen. Zu verstehen, warum und wie Menschen altern, und wie man diesen Vorgang positiv beeinflussen kann, nennt er „ein natürliches Bedürfnis“. Um nicht missverstanden zu werden: „Es geht hierbei nicht nur um Lebensverlängerung, sondern auch um die Frage, wie wir gesünder älter werden können.“

Studiert hat Rockenfeller in Tübingen und Marseille, wo er noch vor dem Diplom sein erstes Paper, seine erste wissenschaftliche Arbeit, veröffentlichte. Für die Promotion wechselte er 2007 an die Universität Graz in Österreich. 2015 brachte ihn ein Forschungsstipendium an die University of Kent in Großbritannien. Gerade wieder zurück in Graz erreichte ihn 2018 die Nachricht, dass er einer der 13 Kandidaten sei, die für die letzte Runde des Rückkehrer-Programms ausgewählt wurden: ein Symposium in Düsseldorf. Beworben hatte er sich im Vorjahr; das Programm, sagt er, „ist wie für mich gemacht“. Die endgültige Zusage erhielt er im Juni 2018.

„Deutschland ist ein toller Wissenschaftsstandort“

1,25 Millionen Euro verspricht das Land NRW jungen Forschern, die nach Deutschland zurückkehren wollen. Doch es war nicht das Geld allein, das den Rheinländer lockte. (Auch wenn er Rockenfeller heißt und es irgendwo im Stammbaum möglicherweise eine Verbindung gebe zu der amerikanischen Milliardärs-Dynastie). Es war tatsächlich die Aussicht, wieder in Deutschland („einfach ein toller Wissenschaftsstandort“) leben und forschen zu können.

Rockenfeller verhandelte mit mehreren Universitäten, entschied sich für die kleine, private Hochschule Witten/Herdecke. „Freundliche Menschen, kurze Wege, großes Raumangebot, innovativer, progressiver Ansatz. Hier hat man den Eindruck, etwas bewegen zu können“, erklärt er und ergänzt lachend: „Die machten mir außerdem das beste Angebot“. Im Dezember fing er an.

Mit den Mitteln des Landes das Labor ausgestattet

Vier Monate später wirkt sein Büro am Lehrstuhl für Molekulare Medizin in der Stockumer Straße noch nicht vollständig eingerichtet; an der Wand hängen drei handgemalte Bilder der Kinder. Das Regal ist bis auf ein Foto der Familie, ein paar Bücher und einen Fahrradhelm leer. Rockenfellers Labor im Flur nebenan ist dagegen schon prima gefüllt: mit wissenschaftlichem Gerät vom Feinsten. 150.000 Euro gab Rockenfeller aus dafür, allein der „Cell-Counter“, mit dem sich Zelldichte und -Vitalität beim „chronologischen Altern“ bestimmen lassen, schlug mit 30.000 zu Buche. Und der ist sehr viel kleiner als Schüttel-Inkubator, Hitze-Sterilisator oder der „Minus 80er“, ein gigantischer Tiefkühler.

Die ersten Wochen, erzählt der Biochemiker, habe er nur mit der Labor-Ausstattung verbracht. Man brauche halt „eine ganze Menge“. Und mindestens drei Angebote musste er vor der Anschaffung jedes einzelnen Teils einholen – so fordert es das Programm. Eine technische Assistentin hat er schon eingestellt, eine wissenschaftliche Mitarbeiterin (Postdoc) brachte er aus Graz mit; bald will er zwei Stellen für Doktoranden ausschreiben. Finanzieren wird er auch sie aus den Mitteln, die er vom Land erhielt. Erste Ideen für gemeinsame Projekte mit anderen Wittener Wissenschaftlern sind bereits entstanden.

„Auf den Ruhrtalradweg freue ich mich schon jetzt“

Viel Freizeit bleibt da nicht. Zumal die Familie derzeit noch in Hessen lebt, wo Rockenfellers Frau einen Job als Lehrerin fand; am Wochenende pendelt er, um sie zu sehen. Aber er fühle sich wohl in seiner kleinen Wohnung im Wittener Wiesenviertel, möge vor allem die Menschen hier. „Hier kommt man leicht mit Fremden ins Gespräch“, meint der Neu-Ruhri. Den Ruhrtalradweg, soviel steht ebenfalls fest, wird er mit Frau und Kindern machen. „Darauf freue ich mich schon jetzt.“

Ist er also gekommen, um zu bleiben? „Prinzipiell ja“, sagt der Spitzenforscher. Das Land setzt darauf, dass es so kommt.

>>>>>>> INFO: Das NRW-Rückkehr-Programm

32 Spitzenforscher wie Patrick Rockenfeller hat das Land mit seinem Rückkehr-Programm schon gefördert. 2007 wurde es ins Leben gerufen, um zu verhindern, dass die klügsten deutschen Köpfe lieber im Ausland arbeiten. „Exzellente junge Forscherinnen und Forscher sind das Fundament für Spitzenforschung in Nordrhein-Westfalen“ sagt Hermann Lamberty, Sprecher des Wissenschaftsministeriums. 16 Hochschulen im Land sind beteiligt; an welcher von ihnen sie forschen wollen, verhandeln die Geförderten selbst. Jeweils sechs entschieden sich bisher für Duisburg/Essen, Bonn oder Münster, fünf wählten Bochum, vier Aachen, drei Köln und je eine(r) Düsseldorf bzw. Witten/Herdecke.

Bewerbungen für die nächste Runde ab Herbst möglich

Dass die Rechnung des Landes aufgeht, die jungen Talente langfristig in NRW zu halten, zeigt eine erste Auswertung der Jahre 2013 bis 2018: 13 der 17 Nachwuchswissenschaftler blieben nach Auskunft des Ministeriums auch nach den fünf Förderjahren an ihrer Hochschule.

Die Ausschreibungen haben stets einen anderen Schwerpunkt. 2017, dem Jahr, in dem sich Rockenfeller bewarb, waren es „Veränderungsprozesse der modernen Gesellschaft“; 2018 ist es die „Künstliche Intelligenz“. 20 bis 60 junge Doktoren bewerben sich alljährlich. Das Auswahlsymposium für die aktuelle Nominierung wird voraussichtlich im Juni stattfinden. Im Herbst startet das Bewerbungsverfahren für das Jahr 2019.

Weitere Informationen und Bewerbungsdetails: www.mkw.nrw

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben