Theater

Weihnachten bei den Schmuddels ist Dortmunds Dinner for one

Ursula und Rüdiger Eggert mit ihren Theaterfiguren, zwei verschiedenen Versionen von Klodwig Bürste.

Ursula und Rüdiger Eggert mit ihren Theaterfiguren, zwei verschiedenen Versionen von Klodwig Bürste.

Foto: Olaf Fuhrmann / FUNKE Foto Services

Dortmund.  Das Kinderstück „Weihnachten bei den Schmuddels“ wird seit 35 Jahren in der Adventszeit in Dortmund aufgeführt. Anfangs rieten Kollegen ab.

Irgendwie sind die Kinder gerade Ursula Eggert auf die puppenspielerischen Schliche gekommen, dabei war sie doch während der Aufführung gar nicht zu sehen. Doch nun steht sie vor der Kulisse, und ihr Spiel ist in jeder Hinsicht aus. „Du hast die gleiche Stimme wie die Bürste!“, krähen ein paar Kinder durcheinander. Entlarvt!

Manche haben sie tatsächlich an der Stimme erkannt, andere wissen einfach, dass Ursula Eggert, bei allem gebotenen Respekt, die Bürste ist. Sie sind nämlich nicht zum ersten Mal in eine Aufführung von „Weihnachten bei den Schmuddels“ gekommen. Es ist dieselbe Prozedur wie letztes Jahr. Wie jedes Jahr: „Weihnachten bei den Schmuddels“ ist Dortmunds „Dinner for one.“ Jedenfalls für kleine Kinder.

„Seid ihr verrückt, so ein Aufwand für ein Stück, das ihr dann drei Wochen spielt?“

Ein Stück Figurentheater, das das Ehepaar Ursula und Rüdiger Eggert in seiner Eigenschaft als „Turbo Prop Theater“ seit rekordverdächtigen 35 Jahren aufführt. Immer im Advent, um die 20 mal. „Die Kollegen sagten damals: Seid ihr verrückt, so ein Aufwand für ein Stück, das ihr dann drei Wochen spielt?“, erinnert sich Rüdiger Eggert. Inzwischen sind sie freilich bei 539 Aufführungen in ganz Deutschland, davon in Dortmund, im privaten Theater „Fletch Bizzel“, 215. Aber das ist nur der Stand von Mittwochabend.

Dabei ist „Weihnachten bei den Schmuddels“ gar kein typisches Weihnachtsstück. Es spielt am Heiligen Abend, und der ist im Keller bei Benno Besen, Klodwig Bürste und Moppel, dem Wischmop, genauso wie bei allen anderen Menschen auch. Denn sie müssen noch: putzen, einkaufen, kochen, Geschenke besorgen, draußen auf die Bescherung warten, den Baum richten. Besinnliche Weihnacht allerseits!

Das Geheimnis des Erfolgs: Viele finden sich in dem Stück wieder

Plus: sich mit einem wahnsinnig gewordenen Bügeleisen herumschlagen, die unmögliche Handschrift eines etwaigen Christkinds entziffern und daneben einem frei erfundenen Oberbürgermeister namens Ulli Sisal Tipps zum beruflichen Weiterkommen geben.

„In dem Stück finden sich viele wieder“, sagt Rüdiger Eggert (66), das erkläre den Erfolg. Manche Familien kämen jedes Jahr, „das ist für sie eine Tradition wie für andere der Gang zur Kirche“. Und gerade die kleineren Kinder gehen bei der Aufführung richtig mit, wenn es zu Verfolgungsjagden kommt oder sich eine Figur versteckt – dann erinnert manches an Kasperle-Theater.

Kinder fordern am Ende, „den Film“ noch einmal zu sehen

Anderes ist einfach Kindermund. Benno wuchtet einen, muss man leider sagen, doch eher schrömmeligen Weihnachtsbaum auf die Bühne, und ein Mädchen aus dem Publikum ruft herein: „Meine Oma hat genau so einen!“ Rüdiger Eggert erzählt in der Einführung, man gehe nun „in den Keller von Frau Saubermann“, und ein anderes Kind ruft: „Ich weiß!“ Auch nicht zum ersten Mal da, die Kleine.

Das kindliche Publikum, sagt Rüdiger Eggert, sei in diesen Jahren „sehr diszipliniert“; anders, als in den 80ern mit ihren antiautoritären Nachwehen. „Da ist uns ein Junge mit dem Dreirad über die Kabel gefahren, und die Mutter fand das normal“, sagt Ursula Eggert (65).

Aber auch heute erkennt sie natürlich Mädchen und Jungen sofort, die von Haus aus kein Theater kennen, die noch nie in einem waren. „Sie sind unruhiger“, sagt sie, „Fernsehen können sie abschalten, Theater nicht.“ Manchmal wünscht sich am Ende auch ein Kind lauthals, „den Film“ nochmal zu sehen. Aber soweit ist „Weihnachten bei den Schmuddels“ dann doch noch nicht.

„Wenn Sie davon leben wollen, müssen Sie spielen, spielen, spielen“

15 Inszenierungen hat das „Turbo Prop Theater“ parat, davon vier Stücke mit den Schmuddels. „Wenn Sie davon leben wollen, müssen Sie spielen, spielen, spielen“, sagt Ursula Eggert. Aufbauen natürlich, dauert zwei Stunden, abbauen, eine Stunde, dazwischen aufführen, eine Stunde Überkopfarbeit mit teils schweren Puppen. „Das ist immer wie ein halber Umzug.“

Und, ja, die beiden leben davon. Vom Verkauf der Eintrittskarten, es gibt keine feste Gage; und Kindertheater ist überhaupt der Kompromiss, wenn man davon leben will. Am Ende des Gesprächs sagt sie zu unserem Fotografen: „Und wenn Sie mal gucken wollen: dieses Jahr, nächstes Jahr, im nächsten Leben, wann auch immer.“ Sie spielen auch Heiligabend. Weihnachten bei den Eggerts.

Informationen und Termine

Seine Premiere hatte das Stück am 8. Dezember 1985 in Nordenham bei Bremerhaven wegen auswärtiger Theatertermine. In Dortmund wurde es erst zehn Tage später zum ersten Mal gezeigt.

Aufführungen gibt es in diesem Jahr noch: Sonntag, 15. Dezember sowie am Wochenende des 21. und 22. Dezember und am Heiligen Abend, jeweils um 11 und um 15 Uhr. Karten kosten acht Euro, ermäßigt sechs Euro. Weitere Informationen finden Sie unter www.fletch-bizzel.de

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